Immer wieder sind wir in diesem Blog auf den mittelalterlichen Gelehrten und »Schwarz-Künstler« gestoßen, der ein schlimmes Ende beim Experimentieren gefunden hat. Als Faust oder Doktor Faustus beherrscht er die Literatur seit dem 16. Jahrhundert, also eigentlich seit Literatur sich durch Buchdruck verbreitet. In die Operngeschichte bringt sich der Stoff am Ende des 18. Jahrhunderts ein, um dann die Romantik stark zu bestimmen. Der immer wieder erwähnte Faust von Louis Spohr steht am Anfang der deutschen romantischen Oper, Faust von Charles Gounod soll die Lieblingsoper von Königin Viktoria gewesen sein, mit dem unvollendeten Doktor Faust verabschiedete sich Ferruccio Busoni 1924 von der Opernromantik, während Alfred Schnittke sich mehr als siebzig Jahre später mit seiner ebenfalls letzten und ebenfalls nicht ganz vollendeten Historia von D. Johann Fausten ihr wieder annäherte. Am 30. August steht La damnation de Faust von Hector Berlioz bei den BBC Proms auf dem Spielplan. Veronique Gens, John Osborn und Gerald Finley singen die Hauptpartien in dieser konzertanten Aufführung, die vom Spezialensemble Les Siècles unter der Leitung von Jakob Lehmann begleitet wird. Für England braucht man heute ein spezielles elektronisches Visum, das müssten Sie sich noch besorgen, wenn Sie hinfahren wollen (Tickets sind unter www.royalalberthall.com zu bekommen). Da das aber eine Veranstaltung des BBC ist, wird man sie sicher auch auf BBC 3 online hören können.
Les Siècles hat gerade einen neuen Leiter gewählt, der dem Ensemble, das auf historischen Instrumenten spielt, ab Herbst 2027 vorstehen wird; Sie kennen ihn: Antonello Manacorda, er hat vor einigen Wochen die Neuinszenierung Zar und Zimmermann an der Deutschen Oper Berlin dirigiert. Les Siècles ist u. a. das Residenz-Orchester des Théâtre des Champs-Élysées, dort haben sie vor einigen Monaten eine szenische Produktion von La damnation de Faust begleitet, die Sie bei medici.tv sehen können (z. B. wenn Sie einen Ausweis der VÖBB (Verbund Öffentlicher Bibliotheken Berlins) oder der Staatsbibliothek besitzen. Hier gibt es aus diesem Anlass eine Einführung in die Klangwelt des Ensembles mit Jakob Lehmann, die ein wenig darunter leidet, dass der Probenraum, in dem das Video aufgenommen wurde, so gut wie keinen Nachhall hat. Das wird in der Royal Albert Hall sicher kein Thema sein. In der Aufzeichnung von medici.tv singt nicht Benjamin Bernheim den Faust, sondern Petr Nekoranec, der von 2018 bis 2020 Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart war und seither international gastiert; Bernheim musste krankheitsbedingt die letzten beiden Aufführungen im November 2025 absagen, die zur Aufzeichnung vorgesehen waren.
2014 inszenierte Christian Spuck, der heutige Direktor des Berliner Staatsballetts La damnation de Faust an der Deutschen Oper Berlin, 2017 gab es auch an der Staatsoper eine szenische Neuproduktion. 2018 erfolgte eine Wiederaufnahme an der Deutschen Oper Berlin. Es ist daher schon über 12 Jahre her, dass wir uns hier näher mit Berlioz' Fassung des Stoffes befasst haben, denn weder zur Neuproduktion an der Staatsoper noch zur Wiederaufnahme an der Deutschen Oper gibt es einen Text. Es sind übrgens alle Texte seit 2010 nach wie vor online; Blogger bietet eine sehr gute Suchfunktion: wenn Sie oben in dem blauen Streifen ganz links in das Fenster einen Begriff, z. B. einen Operntitel oder einen Teil davon eingeben, kommen Sie auf die Posts, die sich schon damit befasst haben – mit allen Tippfehlern und Irrtümern, die so passieren. Wenn Sie also »la damnation« eingeben (Großbuchstaben braucht es nicht), kommen Sie auf die Texte ab 2014, in denen dieses Werk näher besprochen oder auch nur erwähnt wird. Die beiden Texte von 2014 (Hector Berlioz und Immer noch Berlioz und Faust) sind im Großen und Ganzen noch aktuell, allerdings der Link zu recmusic.org funktioniert nicht mehr, das finden Sie jetzt bei lieder.net. Übersichtlicher ist die Zusammenstellung der Vertonung von Texten aus Goethes Faust allerdings nicht geworden. Man muss sich da schon sehr durchfummeln, um auf Berlioz und die Alternativen der gleichen Ausschnitte von Beethoven, Schubert, Wagner, Verdi etc. zu kommen.
Kern der »Opéra de concert« oder »Légende dramatique« La damnation de Faust sind die Huit Scènes de Faust, die Berlioz 1829 veröffentlichte und an Goethe schickte, der sie von seinem Buddy Carl Friedrich Zelter einschätzen ließ, dem dazu nur »lautes Husten, Schnauben, Krächzen und Ausspeien« einfiel. Hier eine Aufnahme unter der Leitung von Charles Dutoit (Orchestre Symphonique de Montreal und Chœur de l'Orchestre Symphonique de Montreal mit den SolistInnen John Mark Ainsley, Susan Graham, Susanne Mentzer und Philip Cochrinos). Die Acht Szenen, mit denen Berlioz bald nach der Herausgabe nicht mehr zufrieden war, nahm er sich 20 Jahre später wieder vor, um La damnation de Faust zu komponieren. Vieles musste umgearbeitet werden, u. a. weil Méphistophélès das Stimmfach wechselte; aus dem Tenor in Huit Scènes... wurde der Bassbariton in La damnation..., denn das Tenorfach war jetzt Faust vorbehalten, der in den Huit Scènes... als Solostimme gar nicht vorkommt.
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Die Abfolge der »Szenen« und die Entsprechungen bei Goethe:
1. Chants de la fête des pâques »Christ vient de ressusciter« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Nacht. (In einem hochgewölbten, engen, gothischen Zimmer) Er setzt die Schaale an den Mund. Glockenklang und Chorgesang »Christ ist erstanden«
2. Paysans sous les Tilleuls »Les bergers, quittant leurs troupeaux« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Vor dem Thor. Bauern unter der Linde. Gesang und Tanz »Der Schäfer putzte sich zum Tanz«
3. Concert des Sylphes »Disparaissez, Arceaux noirs et poudreux« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Studirzimmer. Geister: »Schwindet, ihr dunklen Wölbungen droben«
4. Ecot de joyeux compagnons, histoire d'un rat »Certain rat dans une cuisine« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Auerbachs Keller in Leipzig »Es war eine Ratt' im Kellernest«
5. Chanson de Mépistphélès, histoire d'une puce »Une puce gentille chez un prince logeait« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Auerbachs Keller in Leipzig »Es war einmal ein König, der hatt' einen großen Floh«
6. Le roi de Thulé »Autre fois un roi de Thulé« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Abend. Ein kleines reinliches Zimmer »Es war ein König in Thule«
7. Romance de Marguerite, chœur des soldats »D'amour l'ardente flamme + ...des murs et remparts« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Gretchens Stube »Meine Ruh' ist hin« + Faust. Der Tragödie Erster Theil. Vor dem Thor »Burgen mit hohen Mauern und Zinnen«
8. Sérénade de Méphistophélès »Devant la maison de celui qui t'adore« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Nacht (Straße vor Gretchens Thüre) »Was machst du mir vor Liebchens Thür«
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Interessant sind vor allem die letzten beiden Nummern: nicht nur ist »D'amour l'ardente flamme« eine sehr freie Nachdichtung von »Meine Ruh' ist hin«, in der Berlioz die Unruhe des Spinnrads zunächst ganz ins Innere Marguerites verlegt (hier ein Ausschnitt aus der Aufführung La damnation de Faust im Théâtre des Champs-Elysées vom November 2025), die Kombination mit dem Soldatenchor ist eine dramaturgische Erweiterung, die das Verfahren 20 Jahre später in La damnation de Faust vorwegnimmt, wo die Abfolge der Ereignisse ganz neu geordnet wird. Die Angabe Goethes für die Serenade »Singt zur Zither« nimmt Berlioz ganz wörtlich und lässt für die letzte Nummer der Huit Scènes... das Orchester zugunsten einer Gitarre ganz weg. Ein gewagtes Verfahren, das er später in Lélio ou Le retour à la vie, der Fortsetzung der Symphonie fantastique, und auch bei anderen Gelegenheiten wiederholt. Die Gitarre, das muss man wissen, ist das einzige Instrument, das Berlioz lernen durfte, weil sein Vater nicht wollte, dass er Musiker wird.
Gluck ist, auch nach eigenem Bezeugen in seinen Memoiren, das große Vorbild für Berlioz. In einer Anekdote, die seine gerechte Opposition zum Direktor des Konservatoriums Luigi Cherubini illustrieren soll, spielt Gluck eine Rolle: »Was gehen Sie Glucks Partituren an«, soll der geschrieen haben, als er ihn in der Bibliothek überraschte. In La damnation de Faust hat mich immer eine deutliche Nähe zu Glucks Tonssprache fasziniert. Da ist einmal die Basis in den tiefen Instrumenten, die noch dem Generalbass-Zeitalter zu entspringen scheint, gleich am Anfang. Aber auch der Einsatz von Instrumenten, die im Barock verwurzelt sind und in der Romantik eine neue Blüte erreichen. Dem begegnen wir in den beiden Szenen der Marguerite: Im Lied vom König von Thule ist als Solo-Instrument eine Bratsche eingesetzt. Inspiriert dazu war Berlioz zweifellos von Christian Urhan, dem Solo-Bratscher der Académie royale de musique, der später auch die Uraufführung der Sinfonie Harold en Italie spielte und Meyerbeer zum Solo für Viola d'amore in Les huguenots anregte. In der großen Romance hingegen kommt das Englischhorn ezum Einsatz, das in Glucks Orfeo zeitweise (in doppelter Ausführung) den Klang dominiert und das den romantischen Höhepunkt in Wagners Tristan und Isolde erlebt. Über die zwei Englischhörner aus Glucks Klangvorstellung in der romantischen Oper werden wir demnächst auch sprechen, nämlich, wenn wir im September zu La juive von Fromental Halévy kommen.
Was sich in den Huit Scènes... schon andeutet, Berlioz sieht die Faust-Tragödie aus seinem eigenen Blickwinkel und schert sich nicht unbedingt um die konsekutive Erzählweise Goethes vom Pakt mit dem Teufel bis zum Tod Marguerites und ihrer Apotheose. So unterschreibt Faust in La damnation de Faust den Pakt erst, nachdem er Marguerite schon im Kerker verlassen hat.
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Die Abfolge La damnation de Faust
Première partie. Scène I. Plaines d'Hongrie »Le vieil hiver fait place au printemps« = Der Tragödie Erster Theil. Vor dem Thor. Faust und Wagner »Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche«
Première partie. Scène II. Ronde des paysans »Les bergers laissent les troupeaux« (teilweise aus Nr. 2 der Huit Scènes... übernommen, aber nur der Chor, ohne Solostimme, und rhythmisch vereinfacht, dafür mit Kommentaren des Faust, die zur folgenden Szene führen und keine Entsprechung bei Goethe haben) = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Vor dem Thor. Bauern unter der Linde. Gesang und Tanz »Der Schäfer putzte sich zum Tanz«
Première partie. Scène III. Marche hongroise (Berlioz lernte den Rákóczi-Marsch, den auch Liszt in seiner Ungarischen Rhapsodie Nr 15 verarbeitet, bei einer Reise durch Ungarn Anfang der 1840er Jahre kennen und war so davon fasziniert, dass er deswegen die erste Szene seiner Damnation nach Ungarn verlegte, um ihn hier verwenden zu können)
Deuxième partie. Scène IV. Nord de l'Allemagne »Sans regrets j’ai quitté les riantes campagnes – Christ vient de ressusciter (Teilweise aus Nr. 1 Huit Scènes... übernommen, erweitert um die Kommentare Fausts)« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Studirzimmer. »Verlassen hab' ich Feld und Auen« + Faust. Der Tragödie Erster Theil. Nacht. (In einem hochgewölbten, engen, gothischen Zimmer) Er setzt die Schaale an den Mund. Glockenklang und Chorgesang »Christ ist erstanden«
Deuxième partie. Scène V. Mephistophélès apparissant brusquement »O pure émotion! Enfant du saint parvis!« (sehr frei adaptiert und als Übergang zu Auerbachs Keller gestaltet) = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Studirzimmer. »Wozu der Lärm!«
Deuxième partie. Scène VI. La cave d'Auerbach. Chœur des buveurs »A boire encor« – Chanson de Brander »Certain rat« (Nr. 4 aus Huit Scènes...) – Fugue sur le thème de la Chanson de Brander »Amen« (entpricht den Zaubereien bei Goethe »Gib nur erst Acht, die Bestialität Wird sich gar herrlich offenbaren.« Als Barbarei stellt Berlioz die akademische Form der Fuge dar) – Chanson de Méphistophélès »Vrai Dieu messieurs – Une puce gentille (Nr. 5 aus Huit Scènes...) – Assez! fuyons ces lieux« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Auerbachs Keller in Leipzig »Will keiner trinken? keiner lachen?« + »Es war eine Ratt' im Kellernest« + »Ist es erlaubt, uns auch zu Euch zu setzen?« + »Es war einmal ein König, der hatt' einen großen Floh« + Er verschwindet mit Faust (kein gesprochener Text bei Goethe)
Deuxième Partie Scène VII. Bosquets et Prairie du Bord de l'Elbe. Air de Méphistophélès »Voici des roses« – Chœur de Gnomes et Sylphes »Dors! Heureux Faust!« – Ballet des Sylphes (mit Motiven aus Huit Scènes... Nr. 3) = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Studirzimmer »Du wirst, mein Freund, für deine Sinnen« – »Schwindet, Ihr dunklen Wölbungen droben«
Deuxième Partie. Scène VIII. Finale Chœur des soldats (aus Huit Scènes... Nr. 7) – Chanson d'Étudiants (lat. Text nicht aus Faust) – (beides kombiniert) = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Vor dem Thor »Burgen mit hohen Mauern und Zinnen«
Troisième Partie. Derrière la scène. Tambours et Trompettes. Scène IX. Air de Faust »Merci doux crépuscule« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Abend. Ein kleines reinliches Zimmer »Willkommen süßer Dämmerschein«
Troisième Partie. Scène X. »Je l'entends« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Abend. Ein kleines reinliches Zimmer »Geschwind, ich seh sie unten kommen« – »Es war ein König in Thule«
Troisième Parrtie. Scène XI »Que l'air est étouffant« – Le roi de Thulé »Autre fois un roi de Thulé« (Huit Scènes... Nr. 6) = Der Tragödie Erster Theil. Abend. Ein kleines reinliches Zimmer »Es ist so schwül, so dampfig hie« – »Es war ein König in Thule«
Troisième Partie. Scène XII. Évocation. Une rue devant la maison de Marguerite »Esprits des flammes inconstantes« (entspricht der Hexenküche ohne genaue Worte zu zitieren) – Menuet des follets – Sérénade de Méphistophélès et chœur des follets »Devant la maison de celui qui t'adore« (Huit Scènes... Nr. 8, für Bassbariton transponiert und um Chor und Orchester ergänzt) = Original-Libretto – Faust. Der Tragödie Erster Theil. Nacht (Straße vor Gretchens Thüre) »Was machst du mir vor Liebchens Thür«
Troisième Partie. Scène XIII. Duo »Grand Dieu! Que vois-je – Ange adoré« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Kerker »Er rief Gretchen! – Gretchen! Gretchen!«
Troisième Partie. Scène XIV. Trio et chœur »Allons, il est trop tard – Holà! mère Oppenheim« (Chor der Nachbarn nimmt Gedanken aus der Szene am Brunnen zu Bärbelchen auf und münzt sie auf Marguerite) = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Kerker »Auf! oder ihr seyd verloren«
Quatrième Partie. Scène XV. Chambre de Marguerite »D'amour l'ardente flamme + ...des murs et remparts« (Huit Scènes... Nr 7) = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Gretchens Stube »Meine Ruh' ist hin« + Faust. Der Tragödie Erster Theil. Vor dem Thor »Burgen mit hohen Mauern und Zinnen«
Quatrième Partie. Scène XVI. Invocation à la nature »Nature immense« = Faust. Der Tragödie Erster Theil. Nacht. (In einem hochgewölbten, engen, gothischen Zimmer) »Wo fass ich dich, unendliche Natur?«
Quatrième Partie. Scène XVII. Récitatif et chasse »À la voûte azurée« = Zusammenfassung von Walpurgisnachttraum und Trüber Tag auf dem Feld
Quatrième Partie. Scène XVIII. La course à l'abîme »Dans mon cœur retentit« = Fortsetzung des Vorigen
Quatrième Partie. Scène XIX. Pandaemonium »Ha! Irimiru Karabrao« – Epilogue sur la terre »Alors l'enfer se tut« = Fortsetzung des Vorigen unter Verwendung einer durch Kierkegaard angeregten Fantasiesprache
Quatrième Partie. Scène XX. Dans le ciel »Laus! Laus! Hosanna! Hosanna!« – Apothéose de Marguerite »Remonte au ciel« = Ausblick auf den Schluss von Faust II ohne wörtliche Zitate
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Über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Oper und Oratorium haben wir uns schon öfter unterhalten. Bei La damnation de Faust ist kein Zweifel, dass sie bei der Uraufführung 1846 in der Opéra-Comique ein Oratorium war, denn die szenische Phantasie des Komponisten ging weit über das hinaus, was die Oper damals bieten konnte. Ein knappes halbes Jahrhundert später jedoch sah das anders aus, als der gewiefte Opernintendant Raoul Gunsbourg das Werk in Monte Carlo szenisch aufführen ließ. Seither ist es Teil des Repertoires aller großen Opernhäuser. Konzertante Aufführungen sind auch heute häufig, aber dabei handelt es sich in der Regel um »konzertante Opern«, so ist auch die Aufführung bei den BBC Proms zu verstehen. Ob Furtwägler das auch so gesehen hat, als er das Werk 1950 bei den Luzerner Festwochen aufführte, ist nicht bekannt. Offensichtlich aber ist, dass er es als Propaganda für das Deutsche, das in den Jahren davor etwas in Verruf geraten war, und seinen Genius Goethe einsetzte. Die Aufführung in deutscher Sprache restituiert Goethes Text auch da, wo Berlioz bewusst davon abweicht. Hier singt Elisabeth Schwarzkopf »Meine Ruh ist hin« und nicht »Der Liebe heiße Flamme« wie die korrekte Übertragung in der gedruckten Partitur lautet. Dass das eigentlich nicht zur Musik passt, egal. Hauptsache, an Goethe wird nicht gerührt. Elisabeth Schwarzkopf ist keineswegs die einzige Sopranistin, die »D'amour l'ardente flamme« eingespielt hat, die berühmteste von ihnen ist Maria Callas, hier, es begleitet das Orchestre de la Société des Concerts du Cornservatoire unter der Leitung von Georges Prêtre. Und jetzt noch einmal Elisabeth Schwarzkopf etwas näher bei Goethe, Gretchen am Spinnrade von Franz Schubert in Töne gesetzt, es begleitet Edwin Fischer.
Nur 2 Jahre, nachdem Berlioz seine Huit Scènes de Faust herausgegeben hatte, schrieb Richard Wagner 7 Kompositionen zu Goethes Faust. Es sind 1. Lied der Soldaten. 2. Bauern unter der Linde. 3. Branders Lied. 4. Lied des Mephistopheles I. 5. Lied des Mephistopheles II. 6. Meine Ruh ist hin (Gretchen am Spinnrade). 7. Melodram Gretchens. – Er traf also fast die gleiche Auswahl wie Berlioz, es fehlt das Concert des Sylphes und statt des Roi de Thulé kommt »Ach neige, du Schmerzensreiche« und zwar interessanterweise nicht gesungen, sondern als Melodram. Hören Sie hier Maureen Forrester mit Nr. 6. Wo Wagner ist, darf Verdi nicht fehlen. In der ersten Liedersammlung von 1838, Sei Romanze, sind die letzten beiden Gretchenlieder. »Perduto ho la pace« singt hier Renata Scotto. Ähnlich wie bei Berlioz hören wir hier viel mehr aus dem Inneren Gretchens und es gibt kaum akustische Hinweise auf das Spinnrad, das bei Wagner und Schubert doch ganz deutlich rattert.
La damnation de Faust ist ein bahnbrechendes Werk, das allerdings lange darauf warten musste, bis es Bahnen brechen durfte. Es nimmt harmonisch und melodisch vieles voraus, was erst im 20. Jahrhundert weiter ausgeleuchtet wird. Stichworte sind Polytonalität und Atonalität. Ein sehr interesssanter Artikel von Serge Gut findet sich dazu in L'Avant-Scène Opéra No. 22 (in französischer Sprache natürlich, und auch nicht frei zugänglich).
Bis bald, Ihr Curt A. Roesler