Der 43-jährige Karlheinz Stockhausen war bereits eine Berühmtheit, als er 1971 auf das Urantia Book stieß. Wie es dazu kam, können Sie im Nachruf auf Stockhausen, den die Urantia Foundation veröffentlichte, nachlesen. Als Schüler u. a. von Olivier Messiaen, war er seit 1951 bei den Darmstädter Ferienkursen aufgetreten; seit 1953 arbeitete er am Studio für Elektronische Musik des (N)WDR in Köln; er war der Hauptvertreter der deutschen Avantgarde, wütend bekämpft von den einen, als Heilsbringer begrüßt von den anderen. Keines der vier aus jeweils sechs LPs bestehenden Alben der DGG Avantgarde kam ohne ihn aus. Und gerade war er in Köln Professor geworden. Noch hatte er kein szenisches Werk und schon gar keine Oper veröffentlicht. Oper wurde in Avantgarde-Kreisen für besonders unseriös erachtet, Sie erinnern sich vielleicht, dass Pierre Boulez (Mitstudent von Stockhausen bei Messiaen), der spätere gefeierte Operndirigent, 1967 im Spiegel forderte: »Sprengt die Opernhäuser in die Luft!« Stockhausen war nie so auf die Musik und deren mathematisch-rationale Dimension konzentriert wie Boulez. Immer suchte er nach Dingen, die über das Verhältnis von Tönen und Zahlen hinasgeht, nach Transzendenz; da bot ihm das Urantia Book reichlich Anregungen.
Das Urantia Book besteht aus Texten, die ein adventistischer Laienprediger wohl zwischen 1934 und 1950 in spiritistischen Séancen aufgezeichnet hatte und 1955 von der Urantia Foundation in Buchform herausgeben ließ. Aus dem Buch stammt die Figur des Michael, die sich durch den ganzen siebenteiligen Zyklus Licht zieht, und hauptsächlich von einem Tenor und einer Trompete repräsentiert wird. Es handelt sich dabei um den im Tanach wie im Neuen Testament und auch im Koran erwähnten »Erzengel«, der jedoch etwas anders dargestellt wird. In protestantisch-adventistischer Tradition wird Michael mit Jesus gleichgesetzt.
Schon in frühen elektronischen Werken spielte die räumliche Aufteilung der Klangquellen eine wichtige Rolle. Sein zentrales Werk der 50er Jahre, Gesang der Jünglinge, ist für fünf Kanäle komponiert. Das war eine Zeit, als im Kino noch ein einziger dicker Lautsprecher hinter der Leinwand die komplette Audiospur wiederzugeben hatte. Hier die Aufzeichnung einer Aufführung des Gesangs der Jünglinge von 2001 mit Stockhausen am Mischpult. Raumklang ist ein wesentlicher Bestandteil der Oper seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, besonders hervorgehoben in Wagners Parsifal, wo im Text eine Verbindung zwischen Raum und Zeit postuliert wird und Stimmen in verschiedenen Höhenpositionen unsichtbar auf der Bühne eingesetzt werden.
Gruppen für drei Orchester (1957) und Carré für vier Orchester und vier Chöre (1960) sind weitere Werke für den Konzertsaal, die den Raum in Beschlag nehmen, ohne schon szenische Musik zu sein. Guppen hier in einer Aufführung aus der Cité de la musique 1998, Carré hier leider nur in der rein akustischen (stereophonen) Aufnahme von 1968 aus den erwähnten Alben. Das erste Bühnenwerk, Inori, entstand 1973/74 und wurde 1974 in Donaueschingen uraufgeführt. Es existiert in einer Fassung für großes (89 Musiker) und einer für kleines Orchester (33 Musiker). Die darstellende Partie, der »Beter« (das japanische Wort Inori [祈り] bedeutet Gebet, Anrufung, Anbetung) wird von einem Tänzer oder/und einer Tänzerin oder einem oder zwei Instrumentalisten übernommen. Angeregt worden war Stockhausen zu dem Werk bei der Weltausstellung in Osaka, wo er für den deutschen Pavillon das Kugelauditorium gestaltet hatte. Für die Uraufführung Inori arbeitete er mit der australischen Tänzerin Philippa Cullen zusammen. Spätere Aufführungen, wie auf YouTube dokumentiert, kamen mit ein oder zwei TänzerInnen und Musik vom Tonband aus.
Die Arbeit an Licht begann 1977. Als Erstes arbeitete er die (musikalische) »Formel« aus, die dem ganzen Werk zugrundeliegt. Die »Formel« ersetzt bei Stockhausen die Reihen, die bei Zwölfton- oder serieller Musik eine Rolle spielen. Im Gegensatz zur Reihe in der Reihenkomposition (der Stockhausen in den 50er Jahren auch noch frönte), wird die Formel niemals versteckt, indem sie vor- und rückwärts, auf dem Kopf oder von verschiedenen Ausgangstönen aus gespielt wird, sondern sie ist stets wiedererkennbar wie Wagners Leitmotive oder Janáčeks Sprachmelodien. Von Anfang an stand für Stockhausen fest, dass er seine Botschaft an die Welt (kurz gesagt: sein Glauben an eine kosmische Welt, deren Teil wir alle sind) in sieben Teilen von sieben ganz unterschiedlichen Standpunkten aus darstellen wird und dass er die sieben Teile auf die sieben Tage der Woche verteilen wird. Erstaunlich ist dabei, dass er die Abfolge der Tage nicht etwa der adventistischen Ordnung (mit dem Sabbat als Abschluss), sondern der westlich-profanen angleicht. Das erste Werk der »Heptalogie« ist Montag aus Licht, das letzte Sonntag aus Licht. Sicherlich hat er sich erträumt, dass irgendwann einmal die sieben Werke in der richtigen Reihenfolge und an den entsprechenden Wochentagen gespielt werden. Aber gerechnet hat er damit auf keinen Fall. Es ist gewiss kein Sakrileg, dass der Mittwoch aus Licht jetzt am Samstag, dem 19. September Premiere hat und nur eine einzige der fünf Aufführungen an einem Mittwoch stattfindet.
Im Gegensatz zu Lear, den wir zuletzt besprachen, ist Licht keine Oper im traditionellen Sinn. Nicht der singend darstellende Mensch steht im Mittelpunkt, sondern die Musik selbst. Das »recitar cantando«, das die Schöpfer der Oper vor über vierhundert Jahren postulierten, ist nur selten ein Ausdrucksmittel der Wahl. Das zeigt sich schon darin, dass die drei Hauptfiguren des Zyklus – Eva, Michael und Luzifer – jeweils gleichzeitig von einer Singstimme und einem Instrument repräsentiert werden. Damit klingt die »rappresentazione« an, die andere Quelle der Oper, die später im Oratorium eine Fortsetzung fand. Michael, der das Gute, das Schöpferische symbolisiert, wird von einem Tenor und einer Trompete dargestellt, Eva, die Gebärende von einem Sopran und einem Bassetthorn (schon von Mozart reich bedachte Form der Altklarinette), Luzifer schließlich von einem Bass und einer Posaune.
Das Zentrum der sieben Tage in der gewählten Arbeitswochen-Abfolge ist der Donnerstag. Dafür fand Stockhausen als erstes Partner. In Mailand interessierte sich Claudio Abbado, Chefdirigent seit 1971, für das Projekt und er setzte es vergleichsweise schnell um, im März 1981 war die Uraufführung. 1983 wurde die Oper für Schallplatte und CD aufgezeichnet, derzeit jedoch ist sie nicht lieferbar und dementsprechend auch nicht bei den Streamingdiensten nachzuhören. Donnerstag aus Licht gehört ganz der Gestalt des Michael und besteht aus 5 Teilen: Donnerstags-Gruß, Michaels Jugend, Michaels Reise um die Erde, Michaels Heimkehr, Donnerstags-Abschied. Gruß und Abschied sind zwar da, wo sie vorkommen, integrale Bestandteile der sieben Opern, aber sie werden jeweils vor und nach den Szenen oder Akten oder Teilen der Haupthandlung in den Foyers aufgeführt. Erinnern wir uns daran, dass es vor 45 Jahren noch keineswegs üblich war, das Publikum vor der Vorstellung durch eine von einem Dramaturgen vorgetragene Einführung auf das Werk einzustimmen. Nur zu verständlich also, dass Stockhausen daran gelegen war, das Champagner-Schlürfen mit einer musikalischen Einführung zu kontrastieren. Heute bedeutet das, dass die Einführung schon75 Minuten vor der Vorstellung beginnen muss. Denken Sie daran, wenn Sie den Besuch planen.
Licht war ein »Work in progress«. Viele Einzelabschnitte führen ein Eigenleben; entweder wurden sie schon vor der Urauführung des gesamten Tags konzertant oder halbszenisch aufgeführt, oder sie kamen danach in den Konzertsaal oder an andere Aufführungsorte. So ging es auch mit dem Zentrum des Zentrums, also dem zweiten Akt vom Donnerstag aus Licht, Michaels Reise um die Erde. Im Konzerthaus war die instrumentale Fassung davon lezten Dienstag im Konzert des Orchesters der Deutschen Oper Berlin zu hören, in der Hamburger opera stabile wurde sie als Kinderoper präsentiert. Und hier ist eine Aufführung aus Köln von 2011, Inszenierung: Carlos Padrissa (La Fura dels Baus), Dirigent: Peter Rundel, Trompete: Marco Blaauw, zu sehen.
Samstag (Luzifers Tag) und Montag (Evas Tag) waren die nächsten Stationen. Beide kamen ebenfalls in Mailand zur Uraufführung, 1984 und 1986. Inzwischen war Abbado von Mailand nach Wien gewechselt und da und dort fing man an, bei der Kultur zu sparen. Von der Mailander Scala hatte er zwar auch noch einen Auftrag für Dienstag in der Tasche. Er nahm also die Arbeit, die er schon 1977 begonnen hatte, wieder auf. Der erste Akt, Jahreslauf, war schon früher in Tokyo aufgeführt worden und auch schon nach Europa gekommen und sogar auf Schallplatte gepresst (hier). Auch der Abschied, Klavierstück XV, lag schon vor, es fehlte noch der Gruß und der 2. Akt bis zum Übergang in den Abschied. Doch 1991 kam die Absage aus Mailand und Stockhausen musste sich neue Mitstreiter suchen. Er fand einen in Leipzig, den Komponisten Udo Zimmermann, der nach der Wende Intendant der dortigen Oper geworden war. 1993 kam Dienstag in Leipzig heraus, 1996 Freitag. Während der Arbeit am Freitag nahm er sich auch schon den Mittwoch vor, über den wir gleich noch ausführlicher reden werden. Er vollendete die Komposition 1998, um sich, wie geplant, als Letztes dem Sonntag zu widmen, den er 2003 vollendete. Von beiden konnte er keine szenische Aufführung mehr erleben, er starb am 5. Dezember 2007, wenige Wochen, nachdem der SWR eine Rundfunkproduktion des Sonntags übertragen hatte. Sonntag wurde 2011 in Köln zur Urauführung gebracht, Mittwoch 2012 in Birmingham. Einzelne Teile aber waren schon vorher zu sehen und zu hören; Mittwoch war als Ganzes im Rundfunk schon 2003 erschienen.
Hier der Plan von Mittwoch aus Licht, der von Stockhausen als »Tag der Vereinigung, der Zusammenarbeit und des Verständnisses« bezeichnet wurde und für den neun musikalische DarstellerInnen, ein Chor mit singendem/r DirigentIn, ein Orchester mit 13 szenisch agierenden InstrumentalistInnen, zwei TänzerInnen-MimInnen und verschiedene elektronische Klangquellen vorgesehen sind:
Von der Uraufführung im Birmingham – im Begleitprogramm zu den Olympischen Spielen in England 2012 – gibt es bei YouTube diese Aufzeichnung. Nehmen Sie sich Zeit! Sie dauert über 5 Stunden. Am Anfang aber können Sie ein wenig vorspulen, erst nach knapp 9 Minuten beginnt der Ton mit einführenden Worten und der Mittwochs-Gruß kommt bei ca. 15 Minuten.
Zur Komposition des Helikopter-Streichquartetts wurde Stockhausen durch einen Auftrag der Salzburger Festspiele 1991 angeregt. Die wollten von ihm allerdings ein Streichquartett für den Konzertsaal, was er sich logischerweise nicht vorstellen konnte, denn nie hatte er irgendeine klassische Form bedient, es gibt keine Sinfonien, Sonaten oder Instrumentalkonzerte von ihm. Aber, wie er berichtet, hatte er daraufhin einen Traum, in dem vier Streicher mit Helikoptern in die Luft fliegen. Noch hatte er also den Auftrag nicht abgelehnt, aber es war nicht ganz einfach, die Instrumentalisten und die Festspielleitung von dieser Idee überzeugen; und es kam, wie es kommen musste, die Uraufführung platzte. Aber ein Festival, das schon immer mehr zeitgenössische Musik auf dem Plan hatte als das in Salzburg, sprang ein, das Holland-Festival. Dort, in Amsterdam, wurde das Helikopter-Streichquartett am 26. Juni 1995 uraufgeführt, hier ein Video davon. Inzwischen wurde es als Einzelstück noch einige weitere Male aufgeführt, 2003 tatsächlich in Salzburg, 2015 im Wallis und 2019 noch einmal beim Holland-Festival. Die Aufnahmen aus Salzburg und aus dem Wallis sind spektakuärer als die die von Amsterdam und jetzt aktuell aus Trebbin, aber darauf kommt es nicht an.
Das Welt-Parlament entstand als Einzelkomposition im Auftrag des Süddeutschen Rundfunks und wurde in der Stuttgarter Liederhalle am 3. Februar 1996 uraufgeführt, davon gibt es diese Tonaufnahme.
Auftraggeber für Orchester-Finalisten war das Holland-Festival, das in der Zwischenzeit das Helikopter-Streichquartett zur Urauffürhung gebracht hatte. Von der Uraufführung am 14. Juni 1996 im Theater Carré in Amsterdam gibt es leider keine Aufnahme bei YouTube.
Auch Michaelion, die gewichtige 4. Szene aus dem Mittwoch aus Licht, entstand als Einzelkomposition im Auftrag einer berühmten Musikinstitution, diesmal ist es der Bayerische Rundfunk. Dort leitete ab 1997 der Leipziger Intendant Udo Zimmermann die Konzertreihe »Musica viva«. In diesem Rahmen wurde Michaelion am 26. Juli 1998 uraufgeführt, auch das ist bei YouTube dokumentiert, allerdings nur aus der Perspektive einer einzigen feststehenden Kamera.
Bis Mittwoch in Zehlendorf,
Ihr Curt A. Roesler