Diese Woche wollen wir uns mit Dialogues des carmélites und dem Komponisten Francis Poulenc widmen. Ziemlich genau 15 Jahre ist es her, als ich die ersten Beiträge dazu in diesem Blog gepostet habe. Sie finden Sie, wenn Sie links oben in das Suche-Fenster Poulenc eingeben. Mal sehen, ob mir jetzt etwas Neues dazu einfällt. Der erste Impuls jedenfalls war genau der gleiche. Ich wollte wieder – ohne dass ich mich konkret daran erinnert hätrte – mit der Oboensonate anfangen. Einem der allerletzten Werke Poulencs, die er fünf Jahre nach der Uraufführung der Dialogues geschrieben hat, und eines, das ich selbst schon kurz danach kennengelernt habe. Zusammen mit den Metamorphoses von Benjamin Britten ließ die Sonate in mir den leider nie realisierten Wunsch aufkommen, Oboist zu werden. Der Link zum ersten Satz, gespielt von Hansjörg Schellenberger funktioniert tatsächlich immer noch. Aber vielleicht wollen Sie ja die ganze Sonate hören, hier ist sie, gespielt von dem französischen Oboisten Maurice Bourgue und mit Noten.
Francis Poulenc (1899–1963) gehörte zur französischen Avantgarde der 1920er Jahre. Als er sich 1917 mit einer seiner ersten Kompositionen, Rapsodie nègre (hier gesungen von Anne Sofie von Otter), bewarb, flog er unsanft aus dem Büro des Direktors; er wäre wohl einer von denen, die Strawinsky nachahmen wollten und hätte hier nichts verloren. Wie zum Beweis schrieb er 1918 diese Sonate für zwei Klarinetten. Strawinsky wurde tatsächlich auf den jungen Kollegen aufmerksam und verschaffte ihm Kontakte zu einem englischen Verlag. Poulenc blieb als Komponist Autodidakt, auch wenn er später Privatunterricht von Charles Koechlin erhielt. Schon mit 17 Jahren lernte er Adrienne Monnier (1892–1955) kennen, eine Schriftstellerin und Verlegerin, die eine »Maison des Amis des Livres« betrieb, eine Buchhandlubg, in der sich literarische Avantgardisten trafen wie Guillaume Apollinaire (1880–1918), Max Jacob (1876–1944), Paul Éluard (1895–1952) und Louis Aragon (1897–1982). Aus den 30 Gedichten Le bestiaire ou Cortège d'Orphée von Apollinaire vertonte er 1918 sechs unter dem Titel Le bestiaire. Die erste musikalische Annäherung an das Projekt, das Apollinaire zuerst mit Picasso als Illustrator geplant hatte, der noch viele folgen sollten, allerdings keine von solchem Gewicht wie der Poulencs. 1945 hat Poulenc zusammen mit seinem langjährigen Liedpartner Pierre Bernac (1899–1979) den Zyklus in London aufgenommen. Im Januar hatten die beiden die Erlaubnis erhalten, aus dem befreiten Paris zu Konzerten nach London zu reisen, im Juni kamen sie mit der ersten Eisenbahnfähre, die nach dem Krieg fuhr, wieder zurück. Hier ist die Aufnahme. Das sind die besungenen Tiere: Das Dromedar, die Ziege im Tibet, der Grashüpfer, der Delfin, der Krebs, der Karpfen.
Auch Erik Satie (1866–1925), Maurice Ravel (1875–1937) und Jean Cocteau (1889–1963) gehörten zu den bedeutenden Kontakten Poulencs am Ende des Ersten Weltkriegs. Unter den Auguren Saties und Cocteaus formte sich 1920 die »Groupe des Six«, so benannt als Referenz an die »Gruppe der fünf (Novatoren)« im Russland des 19. Jahrhundets (Mussorgsky, Borodin, Balakirev, Cui, Rimsky-Korssakow). Als Erstes unternahmen die »Six« ein Gemeinschaftswerk, ein Ballett, für das Cocteau das Libretto geschrieben hatte und das von den »Ballets suédois« bzw. deren vermögendem Mäzen Rolf de Maré in Auftrag gegeben worden war. Außer Poulenc, der eine Polka und den Tanz der Badenden von Trouville beitrug, schrieben Geroges Auric (1899–1983), Arthur Honegger (1892–1955), Darius Milhaud (1892–1974) und Germaine Tailleferre (1892–1983) Musik dafür. Haben Sie nachgezählt? Richtig! Einer fehlt. Louis Durey (1888–1979), dem die Farce wohl irgendwie nicht passte, behauptete, zu krank zu sein, um etwas dafür schreiben zu können. Hier ist die komplette Musik des Balletts, das allerdings auch noch aus gesprochenen Texten bestand, für die Cocteau selbst und ein weiterer Schauspieler auf die Bühne traten. Die Polka und der Tanz der Badenden von Poulenc sind bei 04:25 und 05:10 zu hören. Die nächste Arbeit Poulencs für die Bühne war Les Biches, ein Ballett mit Chor, das von den »Ballets russes« am 6. Januar 1924 in Monte Carlo von Bronislava Nijinska zur Uraufführung gebracht wurde. Bekannt ist daraus die fünfsätzige Suite, die zur populären Klassik zählt, wie etwa auch die Suite aus der Liebe zu den drei Orangen von Prokofieff. Hier z. B. drei Sätze auf dem windigen Trafalgar Square 2019 mit Sir Simon Rattle. Und hier die komplette Ballett-Musik, auch in London aufgenommen, aber im Studio mit dem Philharmonia Orchestra und den Ambrosian Singers. Der Titel ist schwer zu übersetzen, Die Hindinnen ist zwar korrekt, aber viel zu gestelzt, während Die Rehlein viel zu niedlich ist. Das queere Personal der Strandrevue umfasste eine »Garçonne« und zwei sich liebkosende Mädchen. Die Texte sind französische Volkslieder aus dem 19. Jh.
1927 ließ sich Poulenc noch einmal auf eine Gemeinschaftskomposition ein, diesmal war es ein Märchen-Ballett für Kinder. Insgesamt 10 Komponisten beteiligten sich; der Titel L'Éventail de Jeanne (Der Fächer der Jeanne) spielt auf die Mäzenin Jeanne Dubost an. An der Spitze – buchstäblich, denn er komponierte die einleitende Fanfare – stand Ravel. Außer Poulenc wirkten aus dem Kreis der »Six« noch Milhaud und Auric mit. Weitere Komponisten von Rang sind Florent Schmitt (1870–1958), Jacques Ibert (1890–1962) und Albert Roussel (1869–1937). Hier ist das alles zu hören. Die nächste Bühnenmusik Poulencs ist Aubade, ein Ballett um die jagende Diana, wiederum von Bronislava Nijinska choreografiert. Nun aber nicht für die Oper in Monte Carlo, sondern für die Privatwohnung der Vicomtesse de Noailles, daher das bescheidene Instrumentarium von Klavier, 11 Bläsern, 6 Streichern und Pauken. Am 18. Juni 1929 kam es zu Uruafführung, wenige Monate später dann doch in das Théâtre des Champs-Élysées, dort allerding dann von Balanchine choreografiert. Als Ballett hat die Musik nicht überlebt, aber als Klavierkonzert, hier gespielt von Jacques Février, einem Pianisten, der viel mit Poulenc zusammengearbeitet hat.
In den folgenden Jahren konzentrierte sich Poulenc auf Instrumentalmusik und Lieder für den Konzertsaal; das Concert Champêtre für Cembalo und Orchester für Wanda Landowska war schon 1927–28 entstanden, hier wird es gespielt von Ewa Mrowca auf dem Pleyel-Cembalo Landowskas in einer nicht ganz störungsfreien Aufnahme. Das Cembalo ist ein historisches, aber nicht in dem Sinne, wie wir es heute sonst verstehen. Es ist ein von einem Klavierbauer konstruiertes Instrument mit schwerem Stahlrahmen und entsprechendem Klang. Das Konzert kann übrigens auch mit einem modernen Flügel gespielt werden, es ist »für Cembalo oder Klavier«. 1932 entstand das Konzert für zwei Klaviere, bestes Futter für Klavierstars wie Lucas und Arthur Jussen, hier beim Hessischen Rundfunk unter Alain Altinoglu. 1939 das Orgelkonzert, hier gespielt von der französischen Organistin Marie-Claire Alain, die mir damkit noch gut damit in Erinnerung ist, weniger allerdings mit Bach. Es erstaunt immer wieder, dass für die Begleitung Streichinstrumente und Pauken ausreichen. Aber auch hier liegt es an den Umständen der Urauführung, dass kein größeres Orchester verwendet werden kann. Die Princesse de Polignac hatte das Werk für die Cavaillé-Coll-Orgel in ihrem Salon beauftragt.
1934 schrieb Poulenc die Musik für einen kurzen Trickfilm La belle au bois dormant (Dornröschen) von Alexandre Alexeïeff, den man hier sehen kann. Prominent darin ist das Cembalo, das er selbst spielte. 1936 leitete der Schrecken über den Tod von Pierre-Octave Ferroud in einem Verkehrsunfall in Ungarn einen Wendepunkt in Poulencs Leben ein. Ferroud, einer der Komponisten des Éventail de Jeanne, wurde dabei enthauptet. Von seinem Ferienort in der Occitanie machte Poulenc kurz danach einen Ausflug nach Rocamadour, dem Wallfahrtsort mit der berühmten Schwarzen Madonna, zu dem schon die berühmte Leonore von Aquitanien (1137–1204) gepilgert ist. Unmittelbar danach begann er die Komposition der Litanies à la Vierge Noire, seine Rück- oder eigentlich eher Hinwendung zum Katholizismus. Hier eine Aufnahme. Die Gesänge der Nonnen in Dialogues des carmélites kündigen sich schon an.
Das folgende Leben Poulencs wird von Biografen als eines zwischen Mönch und Rüpel bezeichnet. Religiöse Werke nehmen einen immer größeren Raum ein, ohne dass die alte Aufmüpfigkeit aus den 20er Jahren verschwinden würde. Teilweise vermischen sich beide auch und sowohl das Stabat mater (1950) wie auch das Gloria (1959) fanden nicht die ungeteilte Zustimmung der Geistlichkeit.
Seine erste Oper begann Poulenc im 2. Weltkrieg. Von Guillaume Apollinaire, dem Autor vieler Lieder Poulencs stammt das »drame surréaliste« Les Mamelles de Tirésias (1917). Das antimilitaristische und feministische Stück war im 1. Weltkrieg ein Skandal, nicht nur weil die Patrioten sich veräppelt fühlten, sondern auch weil sich die Kubisten angegriffen glaubten. Das alles war nun wieder sehr aktuell: eine Frau, die sich weigert Kinder zu kriegen, um sie in den Krieg zu senden, ein Mann, der versucht, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und das alles in der Form einer opéra bouffe nach Offenbachschem Vorbild. 1947 kam der kurze Zweiakter an der Opéra-Comique zur Uraufführung. Die Kritik war begeistert, da Publikum nicht so sehr, was vielleicht daran liegt, dass die Oper an einem Abend zusammen mit La Bohème gespielt wurde, also in einen ungünstigen Kontrast kam. Hier ein Video von 2009 aus Feldkirch.
1952 erhielt Poulenc vom Teatro alla Scala den Auftrag für ein Ballett. Als Sujet wünschten sich die Mailänder die heilige Margareta von Cortona (1247–1297). Poulenc konnte sich damit jedoch nicht anfreunden und griff schnell zu dem Alternativ-Vorschlag, den Nachgelassenen Drehbuch-Text Le Dialogue des carmélites von Georges Bernanos (1888–1948) zur Grundlage eines Opernlibrettos zu machen. Da gab es aber erhebliche urheberrechtliche Probleme. Gertrud von Le Fort, deren Novelle Die Letzte am Schafott die Vorlage dazu lieferte, hatte 1949 dem ziemlich unbedeutenden amerikanischen Dramatiker und Drehbuchautor Emmet Lavery die weltweiten Rechte für Dramatisierungen ihrer Novelle verkauft, nachdem sie schon den Erben von Georges Bernanos erlaubt hatte, das nachgelassene Drehbuch zu veröffentlichen. Unter dem Titel Begnadete Angst wurde der ins Deutsche übersetzte Text von Bernanos 1951 in Zürich und München, 1953 in Wien als Schauspiel aufgeführt. Das französische Original 1952 in Paris. Dagegen klagte Lavery erwartungsgemäß. Im März 1954 erfuhr Poulenc von dem Rechtsstreit. Zur gleichen Zeit erkrankte sein Lebensgefährte Lucien Roubert schwer. Poulenc stellte die Arbeit an der Oper ein. Im Sommer erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Lavery gewann seinen Prozess und musste nun als Autor berücksichtigt werden. Die Verhandlungen darüber zogen sich bis zum 30. März 1955 hin. Lavery einigte sich mit Gertrud von Le Fort, den Erben Georges Bernanos' und den Koautoren des Drehbuchs Raymond Léopold Bruckberger und Philippe Agostini. Unverschämterweise erhielt er Autorenrechte für Texte, die er überhaupt nicht geschrieben hat. Nun konnte Ricordi, der Verlag Poulencs und Hausmacht des Teatro alla Scala, endlich seinerseits einen Vertrag ausarbeiten und Poulenc nahm die Arbeit wieder auf. Er beendete den Klavierauszug im Oktober 1955 an dem Tag, an dem Roubert starb.
Die Idee zu dieser Oper ist der Regisseurin und Choreografin Margherita Wallmann zu verdanken. Sie hatte ihren Mann 1953 zu einer Aufführung der Begnadeten Angst nach Wien geschleppt. Ihr Mann war Guido Valcarenghi, der Präsident des Verlagshauses Ricordi. Sie inszenierte dann auch die Uraufführung in italienischer Sprache am 26. Januar 1957 in der Mailander Scala. Erst in der französischen Erstaufführung am 21. Juni sang Denise Duval die Partie der Blanche, die Sängerin, mit der Poulenc eine ebenso intensive künstlerische Zusammenarbeit aufgebaut hatte, wie mit Pierre Bernac.
Gertrud von Le Fort verarbeitete in ihrer Novelle von 1931 die Geschichte der 16 »Carmélites de Compiègne«. Ihr Leidensweg vom 2. November 1789 (Einzug der Kirchengüter auf Beschluss der Nationalkversammlung) über die Entscheidung zum gemeinsamen Martyrium bis zu ihrer Hinrichtung in Paris am 17. Juli 1794 ist gut dokumentiert. Die »letzte«, die sich schon in Sicherheit befand und zu den anderen zurückkehrt, hat Le Fort hinzuerfunden. Hier der Ablauf der Oper in Kürze: Vater und Bruder sorgen sich um Blanche. Sie erscheint voller Panik und verkündet, in ein Kloster des Karmel eintreten zu wollen. – Beim Aufnahmegespräch lässt sich die Priorin nur schwer überzeugen. –Blanche trifft auf die fröhliche Novizin Constance, die sich nicht einmal von der Vision eines frühen gemeinsamen Todes schrecken lässt. – Die im Sterben fluchende Priorin vertraut Blanche Mère Marie an. * Blanche hält es an der Bahre der toten Priorin nicht aus. Constance sinnt über deren unwürdigen Tod. – Eine neue Priorin wird gewählt. Blanches Bruder meldet den Besuch an. – Er rät ihr, zu ihrem Vater zurückzukehren, wo sie vor den Revolutionären sicher ist. – Der Beichtvater verabschiedet sich, weil das Kloster aufgelöst wird. * Heimlich treffen sich die Nonnen, um die Entscheidung zur Blutzeugenschaft zu treffen, als letzte schließt sich Constance an. – Die ebenfalls geflohene Marie besucht Blanche heimlich. Die Gefangennahme der Schwestern wird bekannt. – Constance rechnet damit, dass Blanche zurückkehren wird. – Eine nach der anderen werden die Schwestern zur Guillotine geführt, auch Marie will zurückkehren, aber der Beichtvater verbietet es ihr. Im letzten Moment kommt Blanche hinzu.
2019 holte die Metropolitan Opera die 32 Jahre alte Inszenierung von John Dexter hervor und zur Zeit ist diese Aufführung in hervorragender Besetzung bei YouTube zu sehen, hier. Die englischen Untertitel können Sie ins Deutsche übersetzen lassen. Es gibt viele Alternativen, zu erwähnen ist diese Inszenierung von Olivier Py aus Bologna.
Der Film von Agostini und Bruckberger wurde schließlich auch gedreht und kam 1960 in die Kinos. Jeanne Moreau, Alida Valli Madeleine Renaud und Pascale Audret sind in den Hauptrollen zu sehen. Die Musik ist von Jean Françaix, dem Komponisten, der 1939 den Auftrag eines Orgelkonzerts für die Princesse de Polignac zurückgegeben hatte, weswegen Poulenc seines schrieb. Hier ist der Film.
Noch eine dritte Oper schrieb Poulenc, das »drame lyrique« La voix humaine nach dem gleichnamigen Monodrama einer einsamen Frau am Telefon von Jean Cocteau (1928/30). Denise Duval sang die Sopranpartie in der Uraufführung am 6. Februar 1959 in der Opera-Comique unter der musikalischen Leitung von Georges Prêtre. Gleich nach der Uraufführung haben beide das Werk auch im Schallplattenstudio aufgenommen, hier zu hören.