Nach Nabucco – auf ein Libretto, das ursprünglich für Otto Nicolai geschrieben worden war, und ein Ballett zur Vorlage hatte – liegt allen Opern Verdis ein literarisches Bühnenstück zugrunde. Das betrifft auch La traviata. Nicht der Roman La Dame aux camélias von Alexandre Dumas jr. ist nämlich die Vorlage, sondern das Bühnenstück mit dem gleichen Titel, das Verdi vermutlich in Paris gesehen hatte. Vorlagen boten Zeitgenossen wie Victor Hugo und seine Nachahmer, vor allem aber der, den Verdi als »papa« (Vater bzw. Papst) bezeichnete, William Shakespeare. Drei Opern schrieb er nach dem englischen Giganten des Theaters (Macbeth, Otello, Falstaff), an einer vierten (Re Lear) arbeitete er ein Jahrzehnt lang, eher er es aufgab. Gleich vier Mal griffen er und seine Librettisten hingegen auf einen deutschen Klassiker zurück, dessen »Sturm und Drang« ihm sehr nahe kam: Friedrich Schiller.
Beim ersten Mal blieb in der Umarbeitung zum »dramma lirico« nicht sehr viel Schiller übrig. Die Angabe zu Giovanna d'Arco »nach Die Jungfrau von Orléans von Friedrich Schiller« ist nicht viel mehr als eine nachträgliche Behauptung. Der Librettist Temistocle Solera schrieb 1844 in einem Brief an den Direktor der Mailänder Scala, er habe Anregungen von Schiller und Shakespeare (First Part of King Henry VI.) empfangen, aber ein eigenstädiges Werk geschaffen. Das musste er auch sagen, denn es gab schon mindestens zwei erfolgreiche Opern mit dem gleichen Sujet auf dem Markt, von Nicola Vaccai (1827) und Giovanni Pacini (1830). Zur Wahrheit aber gehört, dass die größte Verbiegung der Legende zur Operntauglichkeit von Schiller selbst stammt, der die Heldin nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern in der Schlacht sterben lässt. Verdi hatte sich 1844 noch nicht intensiv mit Schiller befasst, so ist die erste Schiller-Vertonung eher ein Zufallsprodukt. Heute gehört Giovanna d'Arco zu den eher seltener gespielten Opern, dennoch gibt es eine gewisse Auswahl an Videos, etwa mit Anna Netrebko. Die Ouvertüre steht – wie die von Nabucco – noch ganz in der Tradition Rossinis (an Guillaume Tell könnte man denken), hier dirigiert von Riccardo Chailly mit Partitur. Die Behandlung des Orchesters ist das, was Verdis Werk von der zeitgenössischen italienischen Oper abhebt. Wenn Sie die ganze Oper hören wollen, empfehle ich Ihnen daher eine konzertante Aufführung aus Graz von 2012, da kann man das Orchester sehen, hier. Lassen Sie sich ncht davon irritieren, dass das Video mit der Ouvertüre zu Le nozze di Figaro beginnt. Ach ja, und natürlich wie immer bei mir, hier eine Playlist mit Carlo Bergonzi. Die Aufnahme wurde – wie auch einige andere seit Verdis Tod nicht mehr gespielte Opern – vom Mailänder Rundfunk 1951 zum Gedenken an den 50. Todestag Verdis gesendet.
Schon 1845 unterschrieb Verdi einen Vertrag mit Queen Victorias Royal Italian Opera Covent Garden. Einen Re Lear wollten die Engländer nicht akzeptieren, man einigte sich auf Il corsaro nach Lord Byron. Doch Verdi erkrankte und konnte den Premierentermin nicht einhalten. Nachdem er den Schiller-Übersetzer Andrea Maffei kennengelernt hatte, der ihm beim Libretto zu Macbeth behilflich war, bat er diesen um ein Libretto nach Die Räuber, das er quasi gleichzeitig mit Macbeth vertonte, und Covent Garden als Ersatz anbot. Daraus wurde die zweite Schiller-Vertonung, I Masnadieri. Die Urteile über diese Oper gehen weit auseinander. Johannes Felsenstein hielt sie für ein Meisterwerk und hat sie nicht nur in Dessau inszeniert. Ich freue mich an einigen sehr intensiven Szenen und Finali mit psychologisch fein ausgestalteten offensichtlichen und unterschwelligen Konflikten, kann aber mit den Zwitscherarien des Soprans nicht viel anfangen. Für die berühmte Jenny Lind wurden sie geschrieben. Im Vergleich mit Macbeth, wo die Koloraturen der Lady einen dramaturgieschen Sinn haben, sind sie konventionell und inhaltsleer. I Masnadieri in einer Inszenierung von David McVicar an der Mailänder Scala 2019 können Sie hier sehen. Die Szene im 3. Finale, wo Massimiliano (Michele Pertusi) aus dem Versteck geholt wird, beginnt bei etwa 1:34. Carlo ist in dieser Aufnahme Fabio Sartori, Francesco Massimo Cavalletti und Amalia Lisette Oropesa. Das steht leider nicht in der Beschreibung, auch nicht in kiryllischen Buchstaben. Und hier die Tonaufnahme mit Bergonzi, Caballé, Cappuccilli und Raimondi, Playlist der Philips-LPs von 1975. Il corsaro wurde auch noch fertig und kam 1848 in Triest heraus.
Für das Teatro San Carlo in Neapel wollte Verdi 1849 eigentlich eine patriotische Oper im Sinne von Nabucco oder La battaglia di Legnano schrieben. Aber das hätte die Zensur ohnehin nicht durchgehen lassen. Daher gibt es keine Oper L'Assedio di Firenze von Verdi, die sich mit dem Scheitern der Florentinischen Republik und der Rückkehr der Medici 1531 befasst, sondern nur eine von Giovanni Bottesini, 1856 im Théâtre-Italien in Paris uraufgeführt, und Il rinnegato Fiorentino von Giovanni Bazzoni, 1864 in Turin uraufgeführt. Vorlage für beide ist die historische Erzählung L'Assedio di Firenze von Domenico Guerrazzi (1830).
Luisa Miller war eine Notlösung, allerdings eine, die Verdi als Idee schon im Köcher hatte, seit er bei Maffei Schiller studierte. Sie stellt den vorläufigen Höhepunkt dieser Auseinandersetzung dar, die später in Don Carlos mündete (in diesem Blog seit 2011 vielfach beschrieben) und mit der in La forza di destino integrierten Kapuzinerpredigt aus Wallensteins Lager noch einen Nachschlag fand. Und um es noch etwas komplizierter zu machen: Schiller paraphrasierte mit seiner Kapuzinerpredigt einen Text von Abraham a Sancta Clara. Jetzt aber nur noch zu Luisa Miller.
Nach ihrem Sensationserfolg mit Macbeth an der Deutschen Oper Berlin brachten Giuseppe Sinopoli und Luciano Damiani Luisa Miller 1981 an die Hamburgische Staatsoper. Sie brachen damit einen Bann, der mehr als ein Jahrhundert nördlich der Alpen über dem Werk schwebte, das zwar 1851 in Hannover zur deutschen Erstaufführung gekommen war und 1928 an der Krolloper gespielt wurde, aber nicht zum gängigen Repertoire gehörte. Heute ist das offensichtlich anders. Oder verspricht, anders zu werden. 2018 schickte die Met Luisa Miller in die Kinos und vor wenigen Monaten brachte die Wiener Staatsoper eine Neuinszenierung heraus – sie ist im November wieder zu sehen. Nicht weniger als vier Stadt- und Staatstheater im deutschsprachigen Raum folgen in dieser Spielzeit: in Bremerhaven hatte die Oper am 19. September Premiere, Linz folgt am 5. Dezember, Augsburg am 30. Januar und Münster am 6. März.
Luisa Miller in Kürze:
1. Akt (L'amore – Die Liebe) Auf Luisas (Sopran) Geburtstag erscheint »Carlo« (Tenor), ihr Verlobter, dem ihr Vater Miller (Bariton) intuitiv misstraut. Es ist nämlich Rodolfo, der Sohn des Grafen Walter (Bass). Aber Vater Miller kann nichts ausrichten. * Walter präsentiert Rodolfo die Frau, die er für ihn ausersehen hat: Federica d’Ostheim (Alt), seine Cousine. * Rodolfo sucht Luisa auf, doch sein Vater ist ihm auf den Versen, beschimpft Luisa als Hure und lässt sie mitsamt ihrem protestierenden Vater verhaften. Rodolfo erreicht die Freilassung mit einer Drohung gegen den Vater.
2. Akt (L'intrigo – Die Intrige) Miller ist doch im Gefängnis gelandet. Luisa, die sich zum Grafen aufmacht, wird von Wurm (Bass) abgefangen, der ihr ein falsches Liebesbekenntnis zu ihm selbst abringt. * Walter und Wurm müssen zwar immer noch die Drohung Rodolfos fürchten, die sie beide betrifft, aber Federica kann sich freuen, Rodolfo nun für sich zu haben. * Rodolfo erfährt den Verrat Luisas und kann daher mit der scheinheiligen Erlaubnis seines Vaters, sie zu heiraten nichts anfangen. Noch heute soll Hochzeit mit Federica gefeiert werden. Todessehnsucht und Schmerz.
3. Akt (Il veleno – Das Gift) Miller wurde freigelassen. Als er Luisas Selbstmordabsichten erfährt, schlägt er vor, dass sie zusammen auswandern. Rodolfo stellt Luisa zur Rede. Als sie die Authentizität des Briefes an Wurm bestätigt, fordert er sie auf, mit ihr zusammen die Limonade zu trinken. Sie ist vergiftet. Der sterbende Rodolfo ersticht Wurm. Die Väter Miller und Walter bleiben einsam zurück.
Von den sieben Bildern, aus denen die Oper besteht, füllt eines den ganzen dritten Akt aus. Die anderen sechs bilden zu gleichen Teilen die ersten beiden Akte. Von den 23 musikalischen Nummern, die der Ouvertüre folgen, füllen 13 den ersten, 6 den zweiten und 4 den dritten Akt. Einige Nummern gehen direkt ineinander über wie Nr. 3, Scena e Romanza »Lo vidi« der Luisa (mit Miller als Dialogpartner), in Nr. 4, Scena, Terzetto e Stretta dell Introduzione, in der Rodolfo dazu kommt. Eine Verdichtung auf das Ende hin ist unverkennbar, aber auch eine Tendenz zu dem, was man »Durchkomponieren« nennt, eine Methode, die bei Otello und Falstaff konsequent durchgeführt ist – und die Wagner ab Lohengrin anwendet. Besonders interessant ist Nr. 20, Scena ed Aria »Quando le sere al placido« am Ende des 2. Aktes. Sie füllt das ganze 3. Bild des 2. Aktes und folgt der »gewohnten Form« der romantischen italienischen Oper, wie Verdi sie selbst bezeichnet, vierteilig: kinetisch (Scena) – statisch (Cantabile) – kinetisch (Tempo di mezzo) – statisch (Stretta).
Auf die Scena, in der Rodolfo das schriftliche Bekenntnis Luisas zu Wurm enthält, folgt das berühmte Cantabile, das alle Tenöre in ihrem Repertoire haben. (»Durchkomponiert« hin oder her, natürlich lässt Verdi dem Publikum nach dem Schlusston Gelegenheit zum Applaus.) Nach einer Generalpause beginnt das »Tempo di Mezzo« mit den Auftritten Wurms und Walters, die auf Rodolfos Erpressung scheinbar eingehen, und mit dem Eingreifen des Chors. Die bewegte Szene mündet in die mehrstrophige Stretta Rodolfos »L'ara o avello apprestami«, der nun die Hölle einer Ehe mit Federica vor sich hat. Die Szene ist so etwas wie eine Blaupause für die berühmte Stretta in Il trovatore. Auch dort nimmt eine Nummer ein ganzes Bild ein, das letzte des 3. Aktes: Manrico will Leonora heiraten, sein Cantabile ist das Liebeslied. Im »Tempo di mezzo« hört man schon die Orgel, da platzt die Nachricht herein, dass Azucena auf den Scheiterhaufen gebracht wird. Das löst die Stretta »Di quella pira« aus, in der Manrico sich auf den Kampf einstellt.
Zurück zu Luisa Miller: Nach der Introduzione des 3. Aktes folgt mit Nr 22 Scena e Duetto eines der grandiosen Generationenduette Verdis. Dem Gefängnis entkommen, gelingt es Miller, seine Tochter Luisa vom Selbstmord abzubringen; gemeinsam wollen sie den Ort verlassen, ein neues Leben aufbauen, und sei es in Armut. Das Finale gehört zu den stäksten Verdis. Schon bei Nabucco hatte ihn nachträglich gestört, eine »Aria finale« geschrieben zu haben, wie es der Primadonna zusteht. Die »Aria finale« aber war eigentlich für ein »lieto fine« gedacht, in dem die BestehendeOrdnung gefeiert wird; davon aber war man inzwischen abgerückt und ließ die Opern mit dem Tod der Protagonistinnen enden. Und da sollen sie noch einmal eine Arie singen? Das ist doch unglaubwürdig! Schon beim Ernani weigerte sich Verdi und schrieb als Kompromiss ein Terzett. Bis zu den Abschieden von Violetta, Simon Boccanegra, Aida, Desdemona war es aber noch ein weiter Weg. Luisa Miller bedeutet einen gewaltigen Schritt vorwärts. Mit Simon Boccanegra hat Luisa Miller gemeinsam, dass es sich um eine Vergiftung handelt. Wer mag, kann das auch heraushören. Hier »Padre, ricevi l'estremo addio«, gesungen von Montserrat Caballé zusammen mit Luciano Pavarotti und Sherrill Milnes (der im Kommentar erwähnte Bonaldo Giaiotti kommt ganz am Schluss mit zwei Worten noch dazu). Und jetzt der Tod des Dogen Simon Boccanegra, gesungen von Piero Cappuccilli mit Mirella Freni, José Carreras und Nicolai Ghiaurov. Oder hier Aida, wieder Mirella Freni und José Cerreras, die genauso wie die beiden anderen ihre Seele bei hohen Streicherstimmen aushauchen. Den Trick kannte aber auch Wagner, z. B. im Lohengrin.
Wenn Sie die ganze Oper Luisa Miller sehen wollen, empfiehlt sich die DVD von Monarda (einst Arthaus Musik), eine Aufzeichnung aus Malmö 2012 mit Olesya Golovneva, eine detailreiche Inszenierung mit einem jungen Ensemble, das glaubwürdige Charaktere auf die Bühne bringt, und einem Dirigenten, der alle sicher ins Ziel bringt, hier. Wenn Sie wert auf prominentere Besetzung legen, nehmen Sie diese. 2007 wurde sie in Parma aufgezeichnet mit Fiorenza Cedolins, Marcelo Álvarez, Leo Nucci, Giorgio Surian und anderen. In Italien hat man traditionell weniger Zeit für szenische Proben. Man merkt es daran, dass sich die Protagonisten, wenn sie sich erst in einer Reihe an der Rampe aufgestellt haben, gern schauspielerisch aufs Augenrollen verlassen. Und nun zu den Tonaufnahmen. Es beginnt natürlich mit Carlo Bergonzi, der die Oper 1964 mit Anna Moffo, Cornel MacNeil, Giorgio Tozzi, Ezio Flagello und Shirley Verrett unter Fausto Cleva aufgenommen hat, hier (Playlist, Werbung einfach überspringen oder gleich zu Spotify o.ä. gehen). Es handelte sich dabei nicht um die erste Gesamtaufnahme, diese stammte wiederum vom italienischen Rundfunk 1951, diesmal in Rom. Ein schon nicht mehr ganz junger Tenor, der gerade für eine zweite Karriere Anlauf nahm, sang den Rodolfo. Noch nicht ganz sechzig war er, und er hielt bis 81 durch: Giacomo Lauri-Volpi. Lucy Kelston und Scipione Colombo waren an seiner Seite unter der Musikalischen Leitung von Mario Rossi, hier die Playlist. Einzelaufnahmen der berühmten Arie »Quando le sere al placido« entstanden schon sehr viel früher. Von Caruso gibt es zwar keineAufnahme, aber von seinen Zeitgenossen Alessandro Bonci hier (1906) und Giuseppe Anselmi, hier (1907). In der nächsten Epoche der Schallplatte (elektrische Aufnahme, originale Orchesterbegleitung) sang Tito Schipa 1928, hier. Eine neuere Gesamtaufnahme vom Bayerischen Rundfunk (2018) können Sie in der Naxos Music Library hören. Sie treffen da auf eine Reihe bekannter Namen: Ivan Repušić, der einige Zeit an der Deutschen Oper gewirkt hat, dirigiert, unter den Mitwirkenden sind Marko Mimica, Ante Jerkunica und Judit Kutasi, Marina Rebeka singt die Titelpartie. Ivan Magrì, der den Rodolfo singt, kennen Sie vielleicht von der Berliner Staatsoper.
Dann also bis Mittwoch in Zehlendorf,
Ihr Curt A. Roesler