Bordelle in Nordafrika, Piraterie und Stürme auf dem Mittelmeer gibt es nicht erst seit Rossini. Abgesehen davon, dass das Libretto von Angelo Anelli gar nicht für Rossini geschrieben wurde, sondern fünf Jahre früher für einen damals noch bedeutenden, heute vergessenen Kollegen in Mailand, kannte der Autor möglicherweise die antike Komödie Rudens. Seit 1793 schrieb der Rechtswissenschaftler (und als solcher musste er die antike Literatur genau kennen) Anelli Libretti für das Teatro alla Scala und war auch tätig in der Theaterleitung. 1808 wurde er als Professor für Rhetorik an die Universität berufen. Er wird also die Komödien von Plautus (um 254 v. Chr. – 184 v. Chr.) gekannt haben. Um 200 v. Chr. schrieb der Rudens (Das Schiffstau). Darin geht es um eine Europäerin, Palaestra, die in ein nordafrikanisches Bordell geraten ist. Anscheinend hatte der Zuhälter sie auf einem Sklavenmarkt gekauft, und nicht geraubt, aber wer weiß? Jetzt wittert er ein großes Geschäft. Ein Sizilianer hatte ihn auf die Idee gebracht, mit zwei seiner Mädchen auf der italienischen Insel reichlich Geld zu verdienen. Doch die Götter waren dagegen. Als Prolog tritt der Fixstern Arktur auf und kündigt an, dass er gleich einen großen Sturm entfachen wird, der das Schiff mit den Mädchen ans Ufer zurück treibt. Die Komödie beginnt in der vom Sturm gebeutelten Stadt, in der der Zuhälter nach den Schiffbrüchigen sucht. Auch der Vater Palaestras sucht zufällig und ausgerechnet hier nach seiner Tochter und am Ende erkennen sie einander anhand einer im Sturm verlorenen, aber in ein Fischernetz gegangenen Truhe. Und weil er überlistet wurde, muss der Zuhälter die Tochter dem Vater kostenlos überlassen. Im Auftrittsmonolog der Palaestra kann man ein Modell für die Persönlichkeit der Isabella sehen. Der Text von Plautus (Latein/Deutsch) ist hier zu finden.
Zu Rossini gibt es in diesem Blog schon eine ganze Reihe von Posts. Kein Wunder, gehört doch Rossini zu meinen Lieblingskomponisten. Und zwar nicht nur der komische Rossini! Jetzt aber kommen wir zu seinem ersten genialen Beitrag zum »dramma giocoso«. Seit 1810 hatte er Opern für Venedig geschrieben, meist komische Einakter, als »farsa« bezeichnet. Eine zweiaktige komische Oper hatte er 1811 aber in Bologna unterbringen können, L'equivoco stravagante. Sie wurde allerdings nach drei Vorstellungen verboten. Das Sujet war im »Königreich Italien« (ganz Norditalien, Venetien, an der Adria hinunter bis zu den Marken; König: Napoleon I., Vizekönig: Eugène de Beauharnais) zu gewagt. Die Verwicklung erlebt ihren Höhepunkt in dem Gerücht, dass die Braut gar kein Mädchen sei, sondern ein kastrierter Junge, mit dem der Vater statt einer Militär- eine Bühnenkarriere vorhatte. Dank seiner Mutter ist dieses Schicksal Rossini selbst ein Jahrzehnt vorher erspart worden. Auch wenn sich am Ende herausstellt, dass sie doch eine Frau und heiratsfähig ist, so etwas roch doch zu sehr nach Rechtfertigung von Fahnenflucht und Kastraten waren auch nicht mehr so hoch im Kurs. Wichtig aber für Rossini war, dass er erstmals sein Talent für das organisiserte Durcheinander eines 1. Finales zeigen konnte. Und dass er eine Sängerin kennenlernte, die solche starken Frauen verkörpern konnte, die sich in der männlich dominierten Welt behaupten. Marietta Marcolini, die Stendhal in Bologna einen Monat vor L'equivoco stravagante zu sehen bekam und in seinem Journal in den höchsten Tönen lobte. Sie wird außer in L'Italiana in Algeri noch in vier weiteren Uraufführungen Rossinis Hauptpartien singen, darunter zwei Hosenrollen (Ciro in Babilonia, Sigismondo), was sie besonders liebte. Das Libretto zu Ser Mercantonio von Stefano Pavesi, Sensationserfolg der Scala von 1810, stammte von dem schon erwähnten Angelo Anelli (diese Oper sah Stendhal in Bologna) – und sollte das Modell für eine der berühmtesten komischen Opern von Gaetano Donizetti bilden, Don Pasquale. Zwei Opern von Luigi Mosca standen außerdem auf dem Uraufführungszettel de Marcolini, die ihre Karriere 1819 beendete.
Nach Ciro in Babilonia (1812, Ferrara) und La pietra del paragone (1812, Milano), beide mit Marcolini, kam Rossini Anfang 1813 wieder nach Venedig zurück, wo er am Teatro San Moisè zunächst noch einmal eine einaktige »farsa«, Il signor Bruschino, herausbringen konnte, und, keine zwei Wochen später, am Teatro La Fenice seinen ersten Riesenerfolg im ernsten Fach, Tancredi. Am Erfolg Rossinis wollte auch der Impresario des Teatro San Benedetto teilhaben. Er spielte La pietra del paragone nach, doch im Gegensatz zu Mailand, kam die Oper in Venedig nicht besonders gut an. Er setzte sie also ab und gab dem gerade anwesenden Komponisten einen neuen Auftrag. Zum Schreiben einen neuen Librettos blieb allerdings keine Zeit, daher griff man auf L'Italiana in Algeri von Mailand 1808 zurück. Die Oper von Luigi Mosca wurde 2003 bei den Rossini-Festspielen in Bad Wildbad konzertant aufgeführt und von der italienischen Schallplattengesellschaft Bongiovanni für CD aufgenommen. Bei jpc und anderen können Sie die CD erwerben. Natürlich existiert sie auch bei den Streamingdiensten. Allerdings nicht unter dem Namen Mosca, sondern als Rossini. Da es von Rossinis Oper aber hunderte Aufnahmen gibt (Gesamtaufnahmen, Querschnitte, nur Ouvertüre etc.), ist sie nur ganz schwer zu finden. Sie können aber einen Trick anwenden. Wenn Sie zwei Namen von Mitwirkenden in die Suche eingeben (ich schlage vor: »Gierlach Cohen«, passen Sie aber auf, dass Ihnen kein Korrekturprogramm reinpfuscht) und sich nur Alben anzeigen lassen, dann reduziert sich die Auswahl. Vertrauen Sie dem Cover, wo Luigi Mosca drauf steht, und nicht der Angabe: »Rossini: L'Italiana in Algeri« darunter. Naxos hat inzwischen versprochen, den Fehler zu korrigieren. Also klappt es vielleicht bald mit »Luigi Mosca«.
Ein anonymer Bearbeiter (villeicht Rossini selbst?) hat ein paar ganz kleine, aber sehr entscheidende Veränderungen vorgenommen. Besonders betrifft es das Finale I. Wir lieben die Stretta als Modell für ein dadaistisches oder absurdes Musiktheater, was Ligeti und Kagel vorausnimmt. Der Text endet im Nonsens: »Tic, tic, tic... / Cra, cra, cra... / Bum, bum, bum... / Tac, tac, tà...« Zwar gibt es schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der neapolitanisch geprägten Opera buffa Silben-Spielereien, etwa bei Cherubini oder Paisiello, meist aber geht es dann darum, Vogelstimmen oder Gewehrschüsse nachzuahmen. Hier wird es dramaturgisch so aufgebaut, dass Elvira damit beginnt »Ho in testa un campanello« (»Ich habe ein Glöckchen in meinem Kopf«), was Zulma und Isabella sekundieren mit »La mia testa è un campanello che suonando fa din din« (»Mein Kopf ist ein Glöckchen, das din din schallt«) während Lindoro und Haly befinden »Nella testa un gran martello mi percuote e fà tac tà« (»In meinem Kopf schwingt ein großer Hammer und macht tac tà«), Taddeo bekennt »Sono come una cornacchia che spennata fa crà crà« (»Ich bin wie eine gerupfte Krähe, die crà crà macht«) und Mustafà meint »Come un scoppio di cannone la mia testa fa bum bum« (»Wie ein Kanonenschuss macht mein Kopf bum bum«). Dann vserelbständigen sich die Silben zu einem großen Durcheinander.
Jetzt wird es aber Zeit, die kurzgefasste (?) Inhaltsangabe anzugehen. 1. Akt: Die Eunuchen Mustafàs und Zulma bedauern das unabänderliche Schicksal von dessen ehemaliger Lieblingsfrau Elvira, von der er sich abgewendet hat. Er kommt slbst, vescheucht alle und erläutert Haly seinen Plan, Elvira mit dem Sklaven Lindoro zu verheiraten, damit er selbst sich eine richtige, nämlich italienische, Frau nehmen kann. Diese soll Haly beschaffen. Lindoro sehnt sich nach seiner verlorenen Liebe und wird von Mustafà mit dem Heiratsplan aufgeschreckt, Er wehrt sich vergebens, alle seine unerfüllbar scheinenden Wünsche an eine Gattin will Mustafà erfüllen. * Ein von Piraten getriebenes Schiff ist auf den Klippen gestrandet und wird nun von Haly und Seeräubern ausgeraubt. Dem Schiff entsteigt Isabella. Eine Italienerin, also gnau das, was Haly sucht. Sie war auf der Suche nach ihrem Geliebten Lindoro, nun bleibt ihr nichts, als sich auf ihren eigenen Charme zu velassen, um die Männerschar zu zähmen. Ihr Begleiter Taddeo gibt sich als Onkel aus und erreicht so, dass er bei ihr bleiben darf. Die Gelassenheit Isabellas weckt den Argwohn Taddeos, aber sie versöhnen sich. * Zulma versucht zwischen Lindoro und Elvira zu vermitteln, die sich herzlich abgeneigt sind. Mustafà verspricht ihm eine großzügige Belohnung, wenn er sofort mit Elvira nach Italien abreist. Haly kündigt die Ankunft Isabellas an. Mustafà ist entzückt. Lindoro verspricht Elvira, ihr noch zu einem Zusammentrffen mit Mustafà zu verhelfen. * Isabella erkennt sofort, dass sie bei Mustafà leichtes Spiel hat und verlangt erst einmal von ihm, Elvira und Lindoro zu behalten. Allgemeine Konfusion. – 2. Akt: Die Eunuchen machen sich über den verliebten Bey lustig. Zulma und Haly raten Elvira, die Launen ihres Gatten einfach abzuwarten. Lindoro erkennt in Isabella seine verlorene Liebe und kann sie davon überzeugen, dass er ihr treu geblieben ist. Sie planen die Flucht. Derweil ernennt Mustafà Taddeo zum Kaimakan (Stellvertreter des Beys), in der Hoffnung, Isabella damit günstig zu stimmen. Taddeo bleibt misstrauisch. * Isabella schmückt sich »für den Geliebten«. Mustafà, Taddeo und Lindoro schauen ihr heimlich zu. Jeder glaubt, der Geliebte zu sein. Lindoro wird beauftragt, Isabella hereinzuführen, Taddeo wird instruiert, den Raum zu verlassen, wenn Mustafà niest. Der stellt sich jedoch taub und Isabella wagt es, Elvira zum Kaffee einzuladen. Der daraus folgende Wutausbruch Mustafàs lässt wieder alle ratlos. * Taddeo hält sich immer noch für Isabellas Favoriten und wird von Lindoro auch in diesem Glauben belassen. Auch den Mustafà lässt er in diesem Glauben und kündigt an, dass Isabella ihn zu ihrem Pappataci machen wolle. Da das Leben eines Pappataci nur aus Essen, Trinken und Schlafen bestehen soll, nimmt er die Ehre gerne an. * Mustafà muss schwören, alle Regeln eines Pappataci zu befolgen, also nichts zu hören, nichts zu sehen und nichts zu sagen. Erst nachdem die italienischen Sklaven alle, inklusive Lindoro und Isabella, geflohen sind, erkennt er den Schwindel und muss sich vor seinem Hofstaat mit Elvira versöhnen. Eine Frau, auch die eines Beys, kann eben ihren Willen gegen alles durchsetzen.
(Bis zum Mittwoch muss das noch kürzer werden...)
La Cenerentola und Il barbiere di Siviglia überstrahlten wenige Jahre nach der Uraufführung L'Italiana in Algeri und zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielte man nur noch die Ouvertüre. Aber schon 1925 brachte Vittorio Gui die Oper in Turin wieder auf den Spielplan. Er hatte dafür auch die geeignete Altistin: Conchita Supervía. In der Folge nahm sie einige Ausschnitte für die Schallplatte auf. Ein kleiner Querschnitt ist daraus geworden, hier zu hören. später kamen La Cenerentola und Il barbiere di Siviglia in ihr Repertoire und sie trug wesentlich dazu bei, dass man diese Partien wieder in der originalen tiefen Lage interpretierte und sie nicht mit Soprankoloraturen überfrachtete.
Videos gibt es reichlich, ich weiß gar nicht, was ich empfehlen soll. Vielleicht die Salzburger Festspiele 2018 mit Cecilia Bartoli, dirigiert von Jean-Christophe Spinosi, inszeniert von Moshe Leiser und Patrice Caurier, hier. Sie können auch die älteste TV-Produktion finden. RAI 1957 mit Teresa Berganza, aber gekürzt und mit viel zu lautem, übersteuertem Ton, also keine Empfehlung. Wenn Berganza, dann lieber einzelne Arien, wie hier von 1962 die Auftrittsarie. Oder aus Florenz 1964, dirigiert von Silvio Varviso mit Luigi Alva, Fernando Corena und Rolando Panerai, hier die klassische Gesamtaufnahme als Playlist.
Bis Mittwoch! Ich freue mich auf Rossini,
Ihr Curt A. Roesler