27 Jahre liegen zwischen den Uraufführungen La Vestale von Gaspare Spontini und La juive von Fromental Halévy. Im ersten französischen Kaiserreich erschien die erste Oper, im Zeitalter des Bürgerkönigs die zweite. Beide erschienen als Produktionen einer Institution, die über lange Zeit »Académie royale de musique« hieß, 1807 allerdings gab es keinen König, daher hieß sie »Académie impériale de musique«. Sie spielte in einem Theater mit 2.300 Plätzen, das in der Rue Richelieu 1793 eröffnet worden war und im April 1794, auf dem Höhepunkt der »grande terreur«, dieser Institution zur Verfügung gestellt wurde. Ab Jetzt hieß sie schlicht »Opéra«, es gab weder einen König, noch einen Kaiser, noch nicht einmal einen »Konsul«. Mademoiselle Montansier, eine berühmte Schauspielerin und Theaterleiterin, die dieses Theater hatte erbauen lassen, war gerade unter absurden Anklagepunkten ins Gefängnis geworfen worden (sie wurde 10 Monate später freigesprochen, auch so etwas gab es) und man brauchte ein neues Haus für die Opéra, die seit 1781 in einem schnell errichteten Ausweichquartier spielte. Die Opéra gab es also weiterhin als Institution, aber die bevorzugte Form des Musiktheaters war in dieser Zeit die Opéra comique. Und das vordergründige Unterscheidungsmerkmal – in der Opéra wird alles gesungen, in der Opéra comique auch gesprochen – verschwand sogar gelegentlich. So wurden in diesem Theater »Opéras historiques« oder »drames lyriques« zur Uraufführung gebracht, in denen auch Dialoge vorkommen. Das änderte sich erst wieder nach dem Staatsstreich Napoleons. Die alten Adelsfamilien bekamen immer mehr Einfluss und ihre Lebensweise in Glanz und Pomp wurde wieder normal. Die Rue Richelieu bekam ihren alten Namen zurück; als das Théâtre Montansier gebaut wurde, hieß sie nämlich Rue de la Loi. Auf den Staatsstreich folgte die Kaiserkrönung und wir haben mit La vestale eine »Tragédie lyrique« ganz im Sinne Glucks und seiner Vorgänger. Das Libretto von Étienne de Jouy (der u. a. die Vorlage für Fidelio verfasst hatte) wurde, nachdem andere Komponisten es abgelehnt hatten, auf einen Hinweis der Kaiserin Joséphine von Gaspare Spontini vertont. Dass eine Tragödie mit dem Tod des oder der Protagonisten endet, ist in dieser Zeit eine absolute Ausnahme. Und eine solche Ausnahme bietet La vestale nicht. Hier die Handlung in Kürze:
Nach fünfjährigem Krieg kehrt der römische Feldherr Licinius (Tenor) siegreich zurück und muss erfahren, dass seine Verlobte Julia (Sopran) auf Wunsch ihres Vaters Vestalin geworden ist. Sein Freund Cinna (Tenor) verspricht ihm, bei der Wiedergewinnung Julias behilflich zu sein. * Julia wird von den Vestalinnen ausgewählt, den Sieger zu krönen; sie steht zwischen Furcht vor Entdeckung und Freude auf das Wiedersehen. Am Rande der Freudentänze erklärt ihr Licinius heimlich, sie in der Nacht entführen zu wollen. – Julia bekommt den Stock, mit dem sie das Feuer der Vesta die Nacht über am Glühen halten soll. Sie erfleht von Vesta Erbarmen und von Amor Schutz. Sie weigert sich zwar, mit Licinius zu fliehen, aber sie vergisst, das Feuer zu schüren. Es erlischt, und damit wird ihre Schuld offenbar. Sie weigert sich, ihren Liebhaber zu nennen und wird zum Tod verurteilt. – Julias Exekution, lebendig in die Grabstätte eingeschlossen zu werden, wird vorbereitet. Ihr Schleier wird auf den erloschenen Altar gelegt; sollte himmlisches Feuer ihn wieder entzünden, wäre ihre Schuld vergeben. Licinius gibt sich zu erkennen und bittet, ihn zu bestrafen und Julia am Leben zu lassen. Sie aber bestreitet, ihn zu kennen, und steigt selbst in die Grabstätte. Im allgemeinen Tumult verfinstert sich der Himmel, ein Blitz fährt herunter und entzündet das Feuer. * Julia ist vergeben und von ihrem Gelübde befreit; die Liebenden werden zusammengeführt.
Wir haben hier vor eineinhalb Jahren schon einmal kurz über La vestale gesprochen, als die Staatsoper Norma von Vincenzo Bellini vorbereitete. Damals lag die Premiere der Inszenierung in Paris nicht weit zurück, die jetzt von der Staatsoper nach Berlin geholt wird und die Übertragung war noch bei Operavision zu sehen. Die sechs Monate, die diesen Übertragungen in der entsprechenden Mediathek gewährt werden, ist jetzt längst vorbei, aber es gibt bei YouTube noch eine 10 Jahre ältere Produktion aus Paris zu sehen, die noch den Vorteil hat, auf historischen Instrumenten musiziert zu werden, hier. Nicht nur für Norma ist La vestale ein Vorbild, sondern auch für Aida. In Norma ist es das das Motiv der Priesterin, die ihr Keuschheitsgelübde bricht, in Aida ist es die grausame Todesstrafe des lebendig Begrabenwerdens. Beide nach der bürgerlichen Revolution von 1830 geschaffenen Werke aber enden mit dem Tod der Protagonistin. Norma ihrerseits ist mit dem Scheiterhaufen, in den die Sopranistin auf einem Pferd sprengt, Blaupause für die Götterdämmerung des heimlichen Bellini-Liebhabers Wagner.
Gasparo Spontini wurde 1774 in den Bergen der heutigen Provinz Ancona in den italienischen Marken geboren. Seine Karriere als Komponist und Dirigent teilt sich in drei Phasen, ab der zweiten nennt er sich Gaspare Spontini. Bis 1802 reüssierte er in Italien hauptsächlich mit komischen Opern. Ab 1804 wirkte er in Paris, wo er zuerst für die Opéra-comique schrieb, eine Opéra comique, einen Fait historique eine Comédie en prose. Seinen Druchbruch aber hatte er 1807 mit La vestale an der Académie impériale de musique. Den Erfolg konnte er nicht ganz reproduzieren mit Fernand Cortez (1809) und Olimpie (1819), die gleichwohl wesentliche Marksteine auf dem Weg der Tragédie lyrique zur so genannten »Grand Opéra« Meyerbeers sind. Nach dem Attentat auf den Duc de Berry, dritter in der Thronfolge des kinderlosen Königs der Restauration, Louis XVIII, wurde das Theater niedergerissen, um an der gleichen Stelle ein Monument für den Ermordeten zu errichten. Nun gab es nichts mehr, was Spontini in Paris hielt. Er machte sich auf nach Preußen, wo er als Generalmusikdirektor eine ganz neue Berufsbezeichnung erhielt. Hier schuf er Festspiele, Ballette und Opern bis er 1841 in den Ruhestand (»von den Functionen dispensirt«) trat, nach Paris zurückkehrte und 1850 in seine Heimatstadt zog, wo er im Januar des nächsten Jahres starb.
In jedem Lexikon steht zu lesen, dass Spontini ein »italienischer Komponist« sei, was bestenfalls die halbe Wahrheit ist. Er ist ein europäischer Komponist im besten Sinn wie Mozart, Gluck, Meyerbeer etc. Aber lange Zeit wurde er als Italiener wahrgenommen und La vestale wurde schon unter Weber in Dresden als italienische Oper aufgeführt und die berühmteste Tonaufnahme ist ebenfalls in Italienisch, Sie kennen sie wahrscheinlich, hier bei YouTube mit Partitur. Zugegeben, selbst auf einem Handy klingt das schräg, es ist eine Radioübertragung aus der Mailänder Scala, für Mittelwelle gedacht, von 1954. Die große Arie der Julia kann man aber von Maria Callas auch in einem Fernsehkonzert von 1959 in Hamburg hören, hier. Das Andante »O nume tutelar« gibt es sogar ein einer Schallplatteneinspielung, die können Sie ebenso finden wie Entsprechungen von Rosa Ponselle oder Raina Kabaivanska. Wenige Jahre älter als die Aufnahme aus der Scala mit Maria Callas ist eine Produktionn der RAI Milano unter der Leitungvon Ferdinando Previtali mit Maria Vitale in der Hauptpartie, die schon bald danach von Cetra auf Langspielplatten herausgegeben wurde, hier ist sie. Das war meine erste Begegnung mit der Oper, eine neue kam 1974 hinzu, wiederum aus dem italienischen Rundfunk, jetzt aus Rom und jetzt in französischer Sprache. Gundula Janowitz sang die Titelpartie, Ruza Baldani, die Grande Vestale, Gilbert Py den Licinius, Paolo Corradi den Cinna und es dirigierte Jesús López Cobos, auch das ist bei YouTube zu finden, hier.
Auf die Ouvertüre folgen 21 Nummern, verbunden mit Rezitativen. Dass sie aufgeteilt ist in drei Akte, unterscheidet La vestale von den Vorbildern von Lully, Rameau und Gluck, die in der Regel wie die klassische französische Tragödie 5 Akte haben. Dass aber sowohl der erste wie der dritte Akt mit einer Sammlung von »Airs de Ballet« enden, verbindet sie mit der alten Tragédie lyrique. Mehr dazu am Mittwoch; nun zu La juive.
Noch einmal Napoleon: nachdem es 1806 im Elsaß antijüdische Ausschreitungen gegeben hatte, trieb er die Integration der Juden ein Stück weit voran. Dazu gehörte, dass sie einen Familiennamen annehmen sollten; den hatten sie nämlich in der Regel nicht, es sei denn, man nimmt den Stammeszusatz, den manche im Namen führten, als solchen an. Bei seiner Geburt am 7. Prairial des Jahres VII hatte der Komponist der La juive den Namen Jacques Fromental Élie bekommen. Als dem Stamme der Leviten zugehörig hatte sich die längere Zeit in Fürth beheimatete Familie, zu der auch einige Kantoren gehörten, den Zusatz Levi gegeben. Jacques (oder Jaakov oder Haflon) hießen schon viele männliche Mitglieder der Familie und Élie (oder Elias) hieß auch sein Vater. Fromental (Gewöhnlicher Glatthafer, Französisches Raygras) ist der Tagesname des 247. Tages im revolutionären Kalender, der seit 1792 galt, also ebendieses 7. Prairial, nach unseren Vorstellungen des 27. Mai (1799). 1807 ließ der Vater den Familiennamen Halévy registrieren, möglicherweise in Anlehnung an einen sephardischen Poeten und Philosophen gleichen Namens aus dem 11./12. Jahrhundert. Um sich einzuschreiben als Schüler am Conservatoire hatte Jacques Fromental Élie nun einen »richtigen« Namen. Zu seinen Lehrern gehörte Luigi Cherubini, einer von denen, die das Libretto La vestale abgelehnt hatten. 1817 errang er einen 2. Rompreis und 1819 den begehrten 1., der ein Stipendium mit Aufenthalt in der Villa Medici in Rom enthielt. Wie die meisten Rompreisträger kommt er von dort nicht direkt nach Paris zurück. Er lernt erst in Neapel noch weitere italienische Meister kennen und geht dann nach Wien, wo er Beethoven, sein großes Vorbild, trifft. Ab 1822 wirkt er in Paris als Lehrer am Conservatoire, später als »chef de chant«, also Studienleiter zuerst am Théâtre-Italien, dann an der Opéra.
Für das Théâtre-Italien schreibt er 1828 die »opera semiseria« Clari für die weltberühmte Sängerin Maria Malibran. Malibran machte Cecilia Bartoli neugierig und sie setzte 2008 eine Inszenierung am Opernhaus in Zürich durch, die auch von arte übertragen wurde, aber Mist: ich habe nicht auf den Aufnahmeknopf gedrückt. Hier immerhin eine Arie der Bartoli. Niemand würde annehmen, dass diese Arie nicht von einem italienischen Komponisten wie Bellini, Donizetti etc. komponiert worden wäre. Und genau das, die Integration unterschiedlichster Stile kommt in seinem sieben Jahre später entstandenen Hauptwerk La juive zum Tragen, wo ein Tedeum für den deutsche Kaiser neben einer Pessach-Feier steht und wo sich echte und falsche Juden tummeln. Es gab einmal eine DVD von Clari, aber ob sie noch lieferbar ist, wieß ich nicht, in der Naxos Video Library jedenfalls erscheint sie nicht.
Ende Juli 1830 erhoben sich die Pariser gegen das immer repressiver werdende Regime der Restauration. Charles X., der sich nach Rambouillet, 29 km südwestlich von Versailles, zurückgezogen hatte, dankte am 2. August ab und das Zeitalter des Bürgerkönigtums begann. Louis-Philippe nannte sich nun nicht mehr König von Frankreich, sondern König der Franzosen. Und eine Forderung, die bei fast allen Revolutionen gestellt wird, wurde umgesetzt: Abschaffung der Zensur. Die Pariser Theater erlebten darauf fünf Jahre nie gekannte Freiheit. Es konnten Werke geschrieben werden wie Robert le diable (Meyebeer, 1831) mit tanzenden Nonnen, undenkbar vorher und nachher nur sehr eingeschränkt. Oder Le Pré aux clercs (Hérold, 1832), Vorbild für den 3. Akt von Les Huguenots. Oder Gustave III. ou le bal masqué (Auber, 1833) mit einem Königsmord am Ende, nicht denkbar vorher und nachher, aus dem König musste bei Verdi bekanntlich ein Gouverneur werden. Anlass für die Wedereinführung der Theaterzensur bot das Attentat von Joseph Fieschi auf Louis-Philippe am 28. Juli 1835. Das Ereignis wirkte sich sehr stark auf die Entstehung von Les Huguenots aus. Hier konnte nun die Zensur wieder Einfluss auf das Libretto nehmen. Interessant finde ich, dass genau 100 Jahre später der junge Tonfilm in Hollywood ebenfalls eine fünfjährige Phase der Freiheit erlebte, ehe nämlich der Hays Code eingeführt wurde. Die Filme, die in der Zeit entstanden, darunter Scarface, Dracula, Tarzan der Affenmensch, Blonde Venus, zeigen natürlichste Dinge, die später »verboten« wurden, vorehelichen Sex, Küsse nicht verheirateter Menschen unterschiedlichen oder auch gleichen Geschlechts. Auch Dinge kommen vor, die wir heute zum Glück nicht mehr so oft sehen, wie positiv konnotierter Rassismus, das sollte auch erwähnt werden.
La Juive entstand in wenigen Monaten 1834/35. Die vier Protagonisten standen von vornherein fest: Cornélie Falcon (dramatischer Sopran), Julie Dorus-Gras (leichter Sopran), Nicolas-Prosper Levasseur (Bass) und Adolphe Nourrit (Tenor). Allen vier begegnen wir wieder in Les Huguenots (1836). Die 20jährige Falcon, eine Schülerin von Nourrit hatte bereits Alice in Repertoirevorstellungen Robert le Diable gesungen und wird Valentine in Les Huguenots singen sowie 1837 die Titelpartie Esmeralda in Louise Bertins Oper nach Hugos Notre-Dame de Paris. 1830 war Dorus-Gras als Elvira an der denkwürdigen Aufführung der Muette de Portici in Bruxelles beteiligt, die mit der Unabhängigkeitserklärung Belgiens in Verbindung gebracht wird, sie war die ursprüngliche Alice in Robert le diable (1831), Oscar in Gustave III (1833) und wird Marguerite de Valois in Les Huguenots. Mit 43 Jahren der Älteste ist Levasseur, der schon eine lange Karriere, auch in Italien, hinter sich hat und den teuflischen Bertram in Robert sang sowie Ankastrom in Gustave III. und Marcel in Les Huguenots singen wird.
Die Verteilung der beiden Sopranistinnen ist von vornherein klar: die jüngere ist prädestiniert für die aus den Flammen gerettete und als Jüdin aufgezogene Tochter des Kardinals, die sich als Jüdin opfert, die ältere für deren aristokratische Rivalin. Der Bass ist der Bösewicht mit menschlichen Seiten. Und der Tenor, der müsste den Liebhaber geben. Aber Nourrit begeisterte sich für die Rolle des Éléazar, und ihm schrieb Halévy sie auf den Leib. So kommt es, dass wir ausnahmsweise eine Vaterrolle für Tenor bekommen. Für den Liebhaber brauchte man also einen zweiten Tenor. Man fand ihn in Marcelin Lafont, der in der Opéra zwar schon Hauptpartien gesungen hatte wie die von Nourrit kreierte des Masaniello in La Muette de Portici, aber schon in Robert le Diable an der Seite von Nourrit in der Titelparite den zweiten Tenor des Raimbaut gegeben hatte. Hauptsächlich wurde er sonst in Opern eingesetzt, die man da schon historisch nennen musste, wie Œdipe à Colone von Antonio Sacchini (1786) und Don Juan, der französischen Fassung von Don Giovanni (1787). Auf eine Anregung bzw. einen Wunsch Nourrits soll es auch zurückgehen, dass der 4. Akt nicht mit einem pompösen Finale endet, sondern mit der berühmten Arie »Rachel quand du Seigneur«.
Und nun La Juive in Kürze: Kardinal Brogni (Bass) begnadigt Éléazar (Tenor) und seine Tochter Rachel (Sopran), die hingerichtet werden sollen. Léopold (Tenor), der die Hussiten besiegt hat und die Nichte des Kaisers Eudoxie (Sopran) heiraten soll, ist inkognito eingetroffen, denn er liebt als »Jude Samuel« Rachel. Als Éléazar und Rachel erneut der Tod droht, kann er sie in seiner wahren Identität aus den Fängen der Wachen retten. * Die Pessach-Feier im Hause Éléazars, an der auch »Samuel« teilnimmt, ohne jedoch das ungesäuerte Brot zu sich zu nehmen, wird von Eudoxie unterbrochen, die von Éléazar eine Kette erwerben will, die sie als Hochzeitgeschenk für Léopold braucht. Éléazar will den »Verräter« erdolchen, doch Rachel hält ihn zurück. * Auf der Hochzeit erkennt Rachel Léopold und denunziert ihn. Brogni lässt Léopold, Éléazar und Rachel in den Kerker werfen. * Vor Gericht nimmt Rachel die Schuld auf sich, Éléazar aber weigert sich durch Konversion sein Leben zu retten. Er erinnert Brogni an die gemeinsame Vergangenheit in Rom. * Éléazar und Rachel sollen hingerichtet werden. Rachel weist das Angebot als Christin weiterzuleben ab und steigt in den Kessel kochenden Wassers. Jetzt erst enthüllt Éléazar ihre wahre Identität: sie ist die Tochter Brognis, die er einst aus dem Feuer gerettet hat und als seine Tochter im jüdischen Glauben aufzog.
1830 war die Zeit der »Rettungsoper« vorbei, auch wenn Glinka mit Ein Leben für den Zaren 1836 und Smetana mit Dalibor 1861 noch zwei Opern beitrugen, die man als Nachzügler sehen kann. Überhaupt: »Schreckensoper« oder »Rettungsoper« sind Begriffe, die vor allem in der deutschen Musikwissenschaft und in der Folge auch in der englischsprachigen (»Rescue Opera«) verwendet werden, nicht aber in der französischen und italienischen. Das nicht ganz eindeutig zu definierende Genre entfaltet sich in der Zeit der französischen Revolution. Ein ganz typisches Beispiel ist Léonore, ou L'Amour conjugal, die unmittelbare Vorlage für Fidelio von Beethoven und Leonora von Ferdinando Paër, über die wir hier demnächst auch sprechen werden. Mit der alten »opera seria« hat die Rettungsoper gemein, dass für die Hauptfiguren alles gut ausgeht. Aber es ist jetzt nicht mehr dem Eingreifen einer Macht von außen (wie auch in La Vestale) zu verdanken, sondern es ist der Sieg des Guten über das Böse. Darüber sind wir in der Oper des bürgerlichen Zeitalters hinaus. Zwar kämpft immer noch das Gute gegen das Böse, aber es gibt keinen eindeutigen Sieger; Befriedung und Versöhnung gibt es nur in der Utopie. Das »lieto fine« hat ausgedient, Shakespeares tödliche Schlüsse werden wieder aufführbar. Spektakulär vor allem aber muss das Ende sein. Der Ausbruch der Vesuv ist eine Möglichkeit, die sich die Theatermacher eine Menge Geld kosten lassen. 1825 kam in Neapel L'ultimo giorno di Pompei von Giovanni Pacini heraus. Dort soll eine der Untreue bezichtigte Ehefrau (wie Julia in La Vestale) lebendig begraben werden, doch die eigentlich Schuldigen gestehen unter dem Grollen des Vulkans und werden statt ihrer ins Grab geschlossen. Die Lava ergießt sich über die gesamte Szene und macht keinen Unterschied. Davon ließen sich Germain Delavigne, Eugène Scribe und Daniel F. E. Auber inspirieren und gaben ihrer La Muette de Portici einen ähnlichen Schluss. Nur befinden wir uns jetzt nicht im Jahr 79 v. Chr. sondern 1647, wo es gar keinen Ausbruch des Vesuvs gab. Im Nachhinein allerdings wurde der Ausbruch von 1631 als Vorahnung auf den Fischeraufstand Masaniellos gedeutet. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen dem Fischeraufstand und dem Vesuv, aber die Handlung der Muette ist reine Fiktion.
Zurück zu La Juive. Auch diese Oper besteht aus Arien, Duetten, Terzetten, Finali etc., die durch Rezitative verbunden werden, wobei die Zusammenfassung zu größeren szenischen Komplexen noch etwas weiter getrieben wird. Die 25 Nummern bilden zusammen fünf Akte, wie es in der Tragédie lyrique der Fall war, Ballett ist ebenso Bestandteil wie aufwändige Dekorationen. La Juive gehört zusammen mit Robert le diable und Les Huguenots von Meyerbeer und La Muette de Portici und Gustave III. von Auber zu den Mustern der bürgerlichen »Grand Opéra« die der Pianist und Musikwissenschaftler Charles Rosen im 11. Kapitel seines grundlegenden Werks Musik der Romantik mit dem Titel Die romantische Oper: Politik, Schund und hohe Kunst so beschreibt (er verwendet dabei den Begriff »opera seria« weil er die italienische Oper mit einschließt): »Die Opera seria ist fast immer politisch [...] Die simple politische Botschaft dieser Opern folgt dem in Les Huguenots vorgezeichneten Muster: Der Held und die Heldin – kaum einmal in ihrer Bindung an ihre Klasse gesehen, sondern nur als Individuum oder als Personen, die sich über die engen Klasseninteressen erheben – sind gefangen zwischen der unmoralischen Korruption der Aristokratie und der doktrinären Starrheit oder der geheimen Gier der Anführer des Proletariats.« Die Opéra – wesentlich immer noch von der Aristokratie finanziert – ist jetzt davon befreit, die Adligen immer gut und edel aussehen lassen zu müssen, aber sie hält auch der aufstrebenden neuen Gesellschaft den Spiegel vor.
La Juive galt rund 100 Jahre lang als unverzichtbar für den Spielplan eines ambitionierten Opernhauses mit ausreichend Mitteln für großartige Sänger und Sängerinnen sowie prächtige Dekorationen. Danach geriet die Oper etwas in Vergessenheit. Ob es an den Aufführungsverboten in vielen europäischen Ländern lag oder an der allgemeinen Skepsis gegenüber der »Grand Opéra«, die inzwischen für eine unseriöse Kunst galt, weil sie ihre Sujets oft aus Vorlagen bezog, die man – siehe oben – als »Schund« beurteilte: Populärliteratur und »Grand-Guignol«, die Rocky Horror Picture Show des 18. und 19. Jahrhunderts. Vom Anfang des 20. Jahrhunderts also gibt es reichlich Tonaufnahmen von Arien daraus mit den großen Tenören, Bässen und Sopranistinnen. Vor allem natürlich Enrico Caruso der hier in einer späten Aufnahme »Rachel, quand du Seigneur« vom Ende des 4. Aktes singt. In französischer Sprache, wie es auch an der Met üblich war, wo er als Éléazar seit 1919 auftrat. Seine Partnerinnen waren Rosa Ponselle, hier »Il va venir« aus dem 2. Akt., und Florence Easton, von der ich aber keine Aufnahme aus der Oper gefunden habe. Carusos Nachfolger an der Met war Giovanni Martinelli, ein Vitaphone Film von 1928 zeigt ihn hier. Vitaphone hatte 1924 ein Verfahren für den Tonfilm entwickelt, bei dem ein Film-Projekttor mit einem Plattenspieler gekoppelt wurde. Martinellis Partnerin 1930 war Elisabeth Rethberg. Beide gastierten 1936 in San Francisco. Hier ein Mitschnitt des 2. Aktes, beginnend mit der Pessach-Feier; »Il va venir« ist auch enthalten. Die erste Arie in der Oper gehört dem Kardinal, der sich milde und versöhnlich gibt, und dessen schlimme Vergangenheit sich erst später herausstellt: »Si la rigueur« ist ein Plädoyer für Koexistenz und Vergebung. An der Met sang das ab 1925 Ezio Pinza, hier auf Schallplatte. Als Partner von Caruso war José Mardones in dieser Partie aufgetreten. Von ihm gibt es selbstverständlich auch eine Aufnahme, nur etwas älter, nämlich von 1910, hier.
Gesamtaufnahmen entstanden erst viel später. Zwischen 1960 und 1988 gab es eine Reihe von konzertanten Aufführungen, die vom Rundfunk übertragen und später auf Schallplatte oder CD veröffentlicht wurden. Darunter zwei mit Richard Tucker als Éléazar, 1964 in New York und 1973 in London. Richard Tucker konnte auch einige Opernhäuser davon überzeugen, die Oper wieder einmal szenisch aufzuführen, so etwa 1974 Barcelona. Ein brauchbares Video dieser Oper gibt es derzeit nur aus Wien, wo Günter Krämer die Oper mit 2003 mit Neil Shicoff inszenierte, hier, die Übertragung aus Genf, wo David Alden die Oper mit dem Dirigenten Marc Minkowski und John Osborn als Éléazar inszenierte, ist leider nicht mehr verfügbar.
So viel für heute, mehr am Mittwoch in Zehlendorf,
Ihr Curt A. Roesler