Es ist kaum zu glauben, aber in diesem Blog gibt es noch keinen Beitrag zu Werther von Jules Massenet. Dabei gehört diese Oper zu meinen Favoriten, das nur nebenbei. Eine Inszenierung dieser Oper steht in Berlin leider nicht an, aber immerhin gibt es an der Deutschen Oper Berlin (wo vor etwa 20 Jahren Stefan Baumgarten eine legendäre Interpretation vorlegte) eine konzertante Aufführung, mit der Dietmar Schwarz als Intendant verabschiedet wird und die zugleich das vorerst letzte Dirigat von Enrique Mazzola darstellt. Daher beginnen wir also von vorn, d. h. mit einer Darstellung der Handlung – die Sie aber nur hören und nicht sehen werden, es sei denn, Sie planen einen Ausflug nach Kanada oder Argentinien – in Toronto und Buenos Aires finden die nächsten szenischen Aufführungen statt.
Die vier Akte haben Überschriften, wie man es von italienischen Opern aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennt: 1. La maison du bailli (Das Haus des Amtmanns), 2. Les tilleuls (Die Linden), 3. Charlotte et Werther (Charlotte und Werther), 4. [1. Bild] La nuit de Noël (Christnacht) [2. Bild] La mort de Werther (Werthers Tod)
1. Akt: Der Amtmann von Wetzlar studiert schon im Sommer mit seinen jüngsten Kindern Weihnachtslieder ein. Schmidt und Johann bereiten sich auf den Ball vor, bei dem auch ein gewisser Werther erscheinen soll, das pure Gegenstück zu Albert, dem Verlobten Charlottes, der ältesten Tochter des Amtmanns. Kaum sind alle weg, erscheint Werther, der die Schönheit der Natur besingt (»O nature, pleine de grace« hier gesungen von Cesare Valletti, 1948). Die Kinder kommen wieder und auch der Amtmann, der nun Charlotte ankündigt. Werther, der sie zum ersten Mal sieht, ist ganz anders entzückt als die Kinder, die ihre Schwester freudig begrüßen, und fängt an zu träumen. Der Amtmann macht sich nun wirklich auf, nachdem er Charlotte Werthers Schutz anvertraut hat. Während die beiden spazieren gehen, kommt Albert von seiner Reise zurück und lässt sich von Charlottes Schwester Sophie berichten, dass alles in bester Ordnung ist – »Elle m'aime« singt hier Ludovic Tézier. Er zieht sich zurück und Charlotte und Werther kehren nach einer mit Orchestermusik (Mondschein) erfüllten Pause von ihrem Spaziergang wieder. Sie können schon kaum noch voneinander lassen, auch wenn die Schicklichkeit fordert, dass jetzt jeder seiner Wege geht, langer Dialog, an dessen Ende Werther erfährt, dass Charlotte verlobt ist und voraussieht, dass er daran sterben wird: »Il faut nous séparer« – »Moi, j'en mourrai! Charlotte! Un autre! son époux!« Hier die ganze Szene mit dem Mondschein-Zwischenspiel, in einer Aufnahme aus Barcelona von 1974 mit der ganz jungen Montserrat Caballé und dem nicht mehr ganz jungen Giuseppe di Stefano.
2. Akt: Nach zwei Monaten heiratet Charlotte und während alle zur Kirche gehen, kommt Werther zurück nach Wetzlar, um sein Unglück zu sehen: »Un autre est son époux!«, hier gesungen von Alfredo Kraus. Albert findet den Verzweifelten, versichert ihm seine Freundschaft und macht ihn vergeblich auf Sophie aufmerksam, die ihn erheitern könnte. Charlotte verhält sich pflichtbewusst kühl und erlaubt Werther höchstens, an Weihnachten wiederzukommen. Er denkt jetzt ernsthaft über Selbstmord nach: »Pourquoi trembler devant la mort«, hier gesungen von Charles Friant.
3. Akt: Charlotte liest immer wieder die Briefe Werthers, auch an Weihnachten, niemand kann sie aufheitern: »Va! laisse couler mes larmes« hier gesungen von Rita Gorr (mit Mady Mesplé als Sophie). In der Inszenierung von Stefan Baumgarten erschien das Saxophon auf der Bühne, darüber werden wir zu reden haben.) Die Begegnung mit Werther bleibt trostlos, sie versuchen es mit gemeinsamem Musizieren: »Pourquoi me réveiller?« (Das werden wir uns mit Sicherheit in verschiedenen Interpretationen anhören.) Hier Jonathan Tetelman, der es ja dann auch an der Deutschen Oper Berlin singen wird. Gleich nach der Arie kommt die einzige Stelle, wo Werther und Charlotte im Duett singen. Das ist der musikalische Beweis, dass sie sich lieben. Hier die ganze Szene mit Jonas Kaufmann und Sophie Koch. Werther gibt vor, eine Reise unternehmen zu wollen und bittet Albert, ihm dafür seine Pistolen auszuleihen. Albert gewährt die Bitte, vielleicht wissend, dass die Reise nicht touristischer Art sein wird. Charlotte aber weiß es und versucht, das Schlimmste zu verhindern.
4. Akt: Das erste Bild ist rein instrumental, einen Vogelflug über Wetzlar am Weihnachtstag stellten sich die Autoren dafür vor. Werther hat sich selbst getötet, Charlotte kommt zu spät. Das Schluss-Duett wird von den Weihnachtsgesängen der Kinder aus dem Nebenzimmer kontrastiert.
Wer Goethes Die Leiden des jungen Werthers gut kennt (z. B. in Erinnerung an die Schullektüre) erkennt selbstverständlich die Grundzüge dieses Briefromans wieder: junger Mann liebt verheiratete Frau und nimmt sich das Leben, als er erkennt, dass es keine Lösung des Konflikts gibt. Als Massenets Oper 1892 an der Wiener Hofoper zur Urauffürung kam, meldeten sich ganz schnell die Erbsenzähler, die befanden: »Aber mit unserem Goethe hat das gar nichts zu tun, das ist einfach eine Oper, und außerdem: der Versuch, Leitmotive einzusetzen, ist meilenweit von Wagners Meisterschaft entfernt.« Das Publikum aber liebte die Oper und sie verbreitete sich bis zum Ende des Jahrhunderts über die ganze Welt. Nach Berlin dauerte es etwas länger, da kam sie 1907 an die damalige Komische Oper an der Weidendammer Brücke.
Nach seinem Besuch der Bayreuther Festspiele 1886 (es wurde Parsifal und Tristan und Isolde gespielt) kam Massenet mit seinem Veleger und Librettisten Georges Hartmann in Wetzlar vorbei, wo sie das Haus besuchten, in dem Goethe seinen Briefroman geschrieben hatte. Die Idee, eine Werther-Oper zu schreiben, gefiel der Leitung der Opéra-Comique, ein Uraufführungsvertrag kam aber nicht zustande, stattdessen interessierte sich die Wiener Hofoper. Seit der Eröffnung des Hauses am Ring 1869 hatte es zwar einige Uraufführungen gegeben, alles Werke von lokalen Komponisten, als deren bedeutendster Karl Goldmark gelten muss. Offenbachs Misserfolg Die Rheinnixen war noch im Theater am Kärntnertor. Die Hofoper brachte sich mit Massenet also ins internationale Geschäft – ohne das weiter auszuweiten – und Massenet konnte sich Achtung im deutschsprachigen Raum erhoffen.
Fast überall kann man lesen, dass Massenet die Partie des Werther »für den Wagner-Tenor Ernest van Dyck« schrieb, der damals im Ensemble der Hofoper wirkte. Seltener liest man, dass van Dyck seine musikalische Ausbildung in Paris unter anderem von Massenet erhalten hatte. Und gänzlich unerwähnt bleibt in der Regel, dass er bis dahin lediglich Parsifal in Bayreuth gesungen hatte (erst nach Massenets Besuch dort) und dass erst später Lohengrin dazu kam. Tannhäuser, Siegmund und Siegfried hat er noch später auch gesungen und zwar an großen Opernhäusern außerhalb Bayreuths. Das heißt also, 1892 war er noch jugendlicher Held und nicht Heldentenor. Eine Aufnahme der »Winterstürme« wurde 1903 in London gemacht, hier zu hören. Auch die Aufnahme von »Pourquoi me réveiller« aus Werther (hier), die in keiner Sammlung »Creators of Opera« fehlen darf sang er selbstredend erst, als er sich zum Heldentenor entwickelt hatte. Oben hatte ich auf eine Aufnahme von Jonathan Tetelman verlinkt, der die Partie eher heldisch angeht, hier das Gegenstück, Nicolai Gedda. Und noch lyrischer mit wunderbaren »Voix-mixte-Tönen« (nicht die reine Bruststimme wie in der üblichen »Do di petto«-Manier) in italienischer Sprache hier Benjamino Gigli.
Von Marie Renard, die in der Uraufführung die Charlotte gesungen hatte, sind keine Tonaufnahmen bekannt, dafür aber von Marie Delna, die an der französischen Erstaufführung an der Opéra-Comqiue beteilt war. Hier die »Briefszene« von 1912, also fast 20 Jahre später. Sie können auch eine frühere Aufnahme finden, die aber im Ton gewöhnungsbedürftiger ist und sogar auch eine Aufnahme von »Va, leisse couler les larmes!« mit Klavierbegleitung.
Suzanne Brohly übernahm 1912 wenige Wochen vor dem Tod Massenets die Partie der Charlotte an der Opéra-Comique. Von ihr gibt es zwar keine Aufnahme als Charlotte, aber 1922 nahm sie Pensée d'automne aus den 20 Melodies von 1888 auf einen Text von Armand Silvestre auf, hier zu hören. Das führt uns zu der richtigen Bemerkung von Alfredo Kraus, dass das Fundament der Musik Massenets das Lied sei, er erwähnt dabei zwar nicht dieses, sondern das berühmteste überhaupt, die Élegie, hier von ihm 1990 in Salzburg gesungen. Die sehr schöne Probendeokumentation, in der er über seine Lieblingsoper Werther spricht, finden Sie hier.
Ein halbwegs aktuelle komplette szenische Aufnahme von Werther finden Sie hier, Paris 2017, es singen Jonas Kaufmann und Sophie Koch, die diese Partien auch an der Met gesungen haben, dort digierte Alain Altinoglu, hier ist es Michel Plasson. Die Partie des Albert singt Ludovic Tézier, den sie in dieser Aufnahme aus Wien auch als Werther sehen und hören können. Massenet hat nämlich die Partie für den berühmten Sänger Mattia Battistini umgeschrieben. Die Inszenierung in Wien stammt aus dem Jahr 2005, damals sang Marcelo Alvarez die Titelpartie, das ist hier abrufbar.
Und jetzt, wie meist von mir, noch der Hinweis auf besondere historische Gesamtaufnahmen. Die erste Gesamtaufnahme entstand mit dem Ensemble und Orchester der Opéra-Comique 1931, wo das Werk seit der Erstaufführung 1893 eine durchgehende Aufführungstradition hatte. YouTube bietet die Aufnahme in drei Teilen, 1. Akt, 2. Akt, 3. und 4. Akt. Georges Thill singt die Titelpartie, er hatte sie 1929 dort zum ersten Mal gesungen und nur wenige Male später, denn er war ja Mitglied der Opéra. Ninon Vallin hingegen, die Charlotte auf dieser Aufnahme war von 1912 bis 1925 Mitglied der Opéra-Comique, allerdings in einem anderen Fach. Bei der Aufnahme scheint es Stress mit Thill gegeben zu haben, in dessen Folge Vallin sich noch mehr aus Frankreich zurückzog und Charlotte erst 1938 an der Opéra-Comqiue sang. Eine meiner Lieblingsaufnahmen stammt aus dem Jahr 1953 und ist mit dem Künstlerehepaar Pia Tassinari und Ferruccio Tagliavini in Turin aufgenommen worden, erstaunlicherweise in französischer Sprache, hier leider nur die verhallte und stereofonisierte Fassung von CETRA aus den 60er Jahren.
Mehr zu Werther am Mittwoch in Zehlendorf. Leider ist das schon die letzte Sitzung, im September geht es weiter. DieHerbstkurse sind aber leider noch nicht veröffentlicht und so kann man sich auch noch nicht anmelden. Ich freue mich auf MIttwoch,
Ihr Curt A. Roesler