Die Opern von Jean-Philippe Rameau (1683–1764) stehen eher selten auf den Spielplänen der großen Opernhäuser. Berlin macht hier keine Ausnahme, aber in den letzten 15 Jahren sind immerhin drei Opern in Berlin gespielt worden: Hippolyte et Aricie (Staatsoper 2018), Zoroastre (Komische Oper 2017) und Castor et Pollux (Komische Oper 2014). Zu den ersten beiden gibt es in diesem Blog auch etwas zu lesen (Sie finden es, wenn Sie links oben in das Suchfeld »Rameau« oder den Titel der Oper, über die Sie etwas erfahrn wollen, eingeben). Vielleicht erinnert sich auch jemand an die Schwetzinger Produktion aus dem Jahr 1980 Hippolyt und Aricia (jawohl, es wurde auf Deutsch gesungen), die auch in der Deutschen Oper gespielt wurde. Herbert Wernicke, der zwei Jahre davor die Bühnenbilder für Le nozze di Figaro in der Inszenierung von Götz Friedrich geschaffen hatte, führte hier auch Regie. Fragmente seiner Bühnenbilder für Mozart sind auch heute noch an der Deutschen Oper zu sehen. Bei Hippolyt und Aricia hat meines Wissens zum ersten Mal ein fremdes Orchester im Graben der Deutschen Oper gespielt, die »Grande Écurie« des Jean-Claude Malgoire.
Zum Anfangen greife ich jetzt aber auf Respighi zurück. Anlässlich La Fiamma hatte ich ihnen La Poule, bzw. La gallina aus Gli Uccelli vorgestellt, damals dirigiert von Oksana Lyniv, hier jetzt eine Aufnahme von France Musique unter der Leitung von Barbara Hannigan. Das Original von Rameau finden wir in der Nouvelle suite de pièces de clavessin (1727), dort in der zweiten Suite G-Dur, hier eine der ersten Schallplattenaufnahmen gespielt von der Cembalo-Pionierin Wanda Landowska. Wie die Cembalowerke von Johann Sebastian Bach sind auch die von Rameau gut auf jedem anderen Tasteninstrument zu spielen, also auch auf dem modernen Flügel, hier von Víkingur Ólafsson.
Erst mit über 40 Jahren fing Rameau an, für das Theater zu komponieren. Bevor er Opernkomponist – und einer der bedeutendsten seiner Epoche – wurde, war er Organist (wie sein Vater), Cembalist und streitbarer Musiktheoretiker, der sich von den Enzyklopädisten anregen ließ. In seinem Ehevertrag nannte er sich 1726 noch Organist, drei Tage später auf der Hochzeitsurkunde »Bürger von Paris«. Hier hatte er sich nämlich 1722 endgültig niedergelassen, nachdem er schon 1706 bis 1709 hier gelebt hatte. Bei seinem ersten Paris-Aufenthalt arbeitete er mit dem Organisten Louis Marchand zusammen. Das ist derjenige um den sich die sagenhafte Geschichte rankt, nach der er 1717 in Dresden Reißaus vor Bach genommen habe. Rameau gab 1706 seine erste Sammlung von Cembalostücken heraus, eine Suite in 10 Sätzen, die mit einem Prélude beginnt, das ohne Taktstriche notiert ist. Hier mit den Noten zu hören, gespielt von Scott Ross. Außer der rhythmischen Freiheit ist auch die harmonische Kühnheit auffällig. Zum Vergleich hier, vom gleichen Cembalisten gespielt, die Préludes aus L'Art de Toucher le Clavecin (Die Kunst das Cembalo zu spielen) von François Couperin, zehn Jahre später herausgegeben. Rameau klingt irgendwie moderner. L'Art de Toucher le Clavecin ist eine theoretische Schrift, der als Beispiele einige Cembalostücke beigegeben sind. Gleich nach seiner Rückkehr nach Paris veröffentlichte Rameau seine bahnbrechende und viel diskutierte Schrift Traîté de l‘harmonie reduite à ses principes naturels (Harmonielehre unter Berücksichtigung der natürlichen Voraussetzungen). Darin lässt er das Generalbass-Zeitalter hinter sich. Erst 1911 brachte Arnold Schönberg eine ebenso bahnbrechende neue Harmonielehre heraus.
1723 begann Rameau die Zusammenarbeit mit dem Dramatiker Alexis Piron (1689–1773), der auch aus Dijon stammte. Für die Foire-Theater (also nicht für die königlichen Institutionen) schrieben die beiden mindestens drei Opéras comiques, von denen aber so gut wie nichts erhalten ist. Ab 1715 hatte Rameau in Clermont-Ferrand mindestens sieben Kantaten komponiert, die jeweils wie ein Monodrama aufgebaut sind. Die erste ist L'Enlèvement d'Orithie bzw. Aquilon et Orithie, hier gesungen von Thomas Guthrie. Diese Sage von der Entführung der Oreithyia ist später auch Bestandteil von Les Boréades. Als Rameau 1727 den berühmten Dramatiker Antoine Houdar de La Motte um ein Libretto bat, schickte er ihm gleichzeitig eine Partitur von Aquilon et Orithie, um sein Talent vorzustellen. Auch eine Médée und ein Orphée gehören zu den Kantaten aus Clermon-Ferrand. Die letzte Kantate war 1729 Le berger fidèle, nach dem Hirtenspiel Il pastor fido von Giovan Battissta Guarini, das u. a. auch Händel vertont hat.
Vermutlich schon vor 1727 lernte Rameau den reichen Steuerpächter Alexandre Le Riche de La Pouplinière kennen, der ihm den Kontakt zu Houdar de La Motte und auch zu Voltaire und Rousseau vermittelte. Ab 1731 – da kam La Pouplinière aus Dijon wieder nach Paris zurück – dirigierte Rameau sein Privatorchester für die nächsten 22 Jahre. Auch bei ihm lernte er den Cluniazenser Abbé Simon-Joseph Pellegrin (1663–1745) kennen, der bereits verschiedene Libretti geschrieben hatte. Mit ihm zusammen schrieb er nun Hippolyte et Aricie, seine erste Oper für die Académie Royale de Musique, die eine Woche nach seinem 50. Geburtstag, am 1. Oktober 1733, herauskam. Zwar folgt die Oper noch ganz dem Schema der Tragédie lyrique mit einem Prolog und fünf Akten, mit Göttern und Halbgöttern, aber die Musik ist neuartig und ruft sofortigen Widerspruch hervor. Die »Querelle des Lullistes« der Streit zwischen den Anhängern des längst verstorbenen Lulli und den Anhänger des neues Stils wird in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Besondere Ablehnung durch die Traditionalisten erfahren die bizarren Szenen wie das Terzett der Parzen im 2. Akt. Thésée hat den Entschluss gefasst, wieder aus der Unterwelt zu entfliehen, weil er seinem Freund doch nicht helfen kann. Pluto fordert die Parzen (Schicksalsgöttinnen) auf, ihm sein grausames Schicksal, nämlich die Hölle auf Erden, zu verkünden. Die Schicksalsgöttinnen werden von zwei Tenören und einem Bass gesungen. Hier in einer konzertanten Aufführung in Budapest 2014. Zu den späteren Neuerungen Rameaus gehört auch, dass er »den Prolog abschafft«. Auch Hippolyte et Aricie hat in seiner dritteen Fassung 1752 keinen Prolog mehr.
Die letzte Oper schrieb Rameau 1763. Es fanden zwar Proben statt, aber es kam zu keiner Aufführung. Lange Zeit glaubte man, Rameaus Tod habe dazu geführt. Aber inzwischen ist klar, dass diese Proben ab Ende April 1763 stattfanden, also eineinhalb Jahre vor Rameaus Tod. Es kann also nur spekuliert werden, wieso die Oper abgesetzt wurde. Im Pariser Palais-Royal hätte sie ohnehin nicht aufgeführt werden können, das dortige Theater war Anfang April abgebrannt. Außerdem hatte Ludwig XV. im Siebenjährigen Krieg große Teile seiner Kolonialgebiete in Nordamerika und Indien verloren und sein Ansehen unter den Parisern war entsprechend gesunken. Also es wäre möglich, dass deswegen im Theater von Choisy, dem Ausweichquartier der Académie Royale de Musique, im Juni 1763 keine so aufwändige Oper wie Les Boréades gespielt wurde, sondern Ismène et Isménias von Benjamin de Laborde. Sie haben noch nie von diesem Komponisten gehört? Ich auch nicht. Aber man kann nachlesen, dass er nicht nur ein Schüler von Rameau war, sondern auch ein Steuerpächter und Kammerdiener des Königs. Und möglicherweise stand er Madame de Pompadour sehr nahe. Möglich also, dass er sich hineinintrigiert hat und seinen alten Lehrer verdrängt. Eine dritte Möglichkeit wäre, dass der Hof inhaltliche Vorbehalte gegen Les Boréades hatte. Die Königin Alphise setzt am Ende durch, dass sie ihren Geliebten Abaris heiraten kann und nicht einen der Söhne des Boreas, wie es von ihr verlangt wird. Im Libretto ist in dem Zusammenhang von Freiheit die Rede. Es kann schon sein, dass das einem spätabsolutistischen Monarchen nicht passte. 1770 soll es eine konzertante Aufführung in Lille gegeben haben, danach aber erklang für mehr als ein Jahrhundert keine Musik mehr daraus. 1894 führte Louis Diémer, der bei der Weltausstellung 1889 die Renaissance des Cembalos eingeleitet hatte, größere Ausschnitte daraus auf. Danach gab es erst 1963 eine gekürzte Aufführung im Französischen Rundfunk. Und erst als John Eliot Gardiner sich des Werks annahm, gab es 1975 eine konzertante Erstaufführung in London und eine szenische Uraufführung 1982 in Aix-en-Provence. In diesem Jahr nahm Gardiner die Oper auch auf LPs bzw. CDs auf, hier zu hören.
Les Boréades 1. Akt: Alphise schickt ihre Leute auf die Jagd, während ihre Schwester sie ermahnt, aus den Söhnen des Nordwindes Borée einen Gatten auszusuchen, wie es von ihr verlangt wird. Das Werben der Brüder Borilée und Calisis läuft demnach ins Leere, sie können den heimlich Geliebten Abaris nicht verdrängen. Aber überhaupt heiraten? Aber ja, auf dem ruhigen Meer und im stillen Hafen der Ehe ist es doch viel gemütlicher als im Sturm der Liebe, sagen die Tänzer und Alphise stimmt scheinbar ein. 2. Akt: Abaris wird von Adamas, dem Oberpriester Apollons, ehrenvoll empfangen. Dass er selbst ein Sohn des Gottes ist, bleibt ihm aber noch geheim. Alphise berichtet von einem Traum, in dem Boreas ihren Palast zerstört hat und bittet die Priester um Hilfe. Abaris bietet sich als Opfer an und bittet Amour um Hilfe. Calisis, Borilée und Alphises Gefolge stellen pantomimisch den Raub der Orythie dar. Am Ende tritt Amour selbst auf und überreicht Alphise einen magischen Pfeil. 3. Akt: Alphise ist weiter von Ängsten geplagt und Abaris fürchtet, sie nicht heiraten zu können, weil er nicht wie seine Rivalen von göttlichem Geschlecht ist. Als Alphise von Adamas ultimativ aufgefordert wird, einen Gatten zu wählen, erklärt sie den Thronverzicht, um Abaris heiraten zu können. Diesem überreicht sie den magischen Pfeil als Liebespfand. Vom Volk wird sie gefeiert, aber Borilée und Calisis fordern Rache durch den Nordwind. Während eines Unwetters wird Alphise entführt. 4. Akt: Borée lässt sich nicht beruhigen und zerstört die Stadt. Abaris will, von Adamas zum Verzicht auf seine Liebe aufgefordert, sich mit dem Pfeil erstechen, doch Adamas erinnert ihn auch daran, dass der Pfeil magische Kräfte hat. Nun fleht er Apollon an und unterwirft sich ihm. Dessen gesamtes Gefolge erscheint mit den Musen und mit den Zéphirs, den Abgesandten des Südwinds. Sie tragen ihn bis zum Sitz des Donners. 5. Akt: Die gefangene Alphise lässt sich von Borée nicht einschüchtern und weigert sich standhaft, einen seiner Söhne zu heiraten. Den herbeigeeilten Abaris fordert sie zur Flucht auf, doch der bezwingt das Gefolge Borées mit dem magischen Pfeil. Apollon tritt auf und verkündet, dass Abaris sein Sohn sei. Borée hat also verloren. Alle feiern Alphise und Abaris.
Es gibt bei YouTube dieses Video von der Aufführung in Paris 2003, dirigiert von William Christie, inszeniert von Robert Carsen. Eine DVD der Inszenierung von Barrie Kosky mit Emanuelle Haïm am Pult ist zur Zeit lieferbar, sie wurde 2019 in der Rameau-Stadt Dijon aufgezeichnet. Und wenn man beim Suchen nicht aufgibt, findet man sie hier auch bei YouTube. Eine neuere (von 2023) Tonaufnahme mit dem ungarischen Barockspezialisten György Vashegyi aus dem Concertgebouw gibt es als CD und hier.
Drei Aufführungen Les Boréades gibt es ab jetzt noch in Karlsruhe. Platée hatte am Samstag Premiere in Hagen und in Genf und Graz kommen in dieser Spielzeit noch Castor et Pollux auf die Bühne. Ich hatte daher versprochen, auch auf diese beiden Werke noch einzugehen, die zwei bzw. drei Jahrzehnte früher entstanden. Platée zumindest schaffe ich noch.
Platée bezeichnete der Komponist als einziges seiner Werke als »Ballet bouffon«; die auch verwendete Bezeichnung »Comédie lyrique« ist der Versuch, sie in die Tradition Lullys einzuordnen. Platée steht auf jeden Fall Offenbach und seinen Operas bouffes näher als Massenet und seiner Comédie lyrique Don Quichotte. An Orphée aus enfers erinnert schon der Stoff, der aus der giechischen Mythologie geholt ist. Schon der Titel der Vorlage Platée ou Junon jalouse sagt, dass hier im Hintergrund der Streit zwischen Jupiter und Juno schwelt. Als die Oper 1745 auf die Bühne kam, war die »Querelle des anciens et des modernes« bzw. die »Querelle des Lullystes et de Ramistes«, die mit Hippolyte et Aricie 1733 begonnen hatte, noch längst nicht abgeflaut. Und man kann die Oper auch als einen Beitrag Rameaus dazu sehen. Die Arie der La Folie am Ende des zweiten Aktes interpretiert Regine Klingsporn als Kommentar zu den drei häufigsten Kritikpunkten der Lullisten: Übertreibung, Ablenkung von der einfachen Melodie, Dissonanzen. Indem er dies alles im Sinne der Folie, des Wahnsinns einsetzt, gibt er die Begründung dafür, dass er die Mittel anders nutzt als Lully. Hier Mireille Delunsch in einer konzertanten Aufführung mit Marc Minkowski.
Platée Prolog: Die Geburt der Komödie. Die Weinbauern wecken Thespis auf, er soll ein Schauspiel zu Ehren Bacchus' aufführen, Thalie und Momus springen helfend zu Seite, Momus schlägt als Stoff die Sage vor, nach der Jupiter einst Junon von der Eifersucht heilte. Amour will aber auch mitspielen. 1. Akt: Mercure vermutet Junons Eifersucht als Grund für die Stürme, die die Ernte zu vernichten drohen. Cithéron schlägt vor, dass Jupiter sich zum Schein in die völlig hässliche alte Nymphe Platée verlieben soll, damit Junon einsieht, dass ihre Eifersucht völlig unbegründet ist. Platée kann ihr Glück kaum fassen. 2. Akt: Jupiter schwebt in einer Wolke herab und verwandelt sich erst in einen Esel, dann in eine Eule. Erst dann gibt er sich als Herr der Blitze. Momus soll in der Wartezeit bis zur Hochzeit für Unterhaltung sorgen. Folie tritt auf. 3. Akt: Hochzeitstag. Momus hat sich als l'Amour verkleidet und bringt Platée als Hochzeitsgaben Tränen, Schmerzen, Sehnsucht und Hoffnung. Im letzten Moment erscheint Junon und reißt Platée den Schleier herunter. Beim Anblick ihrer Hässlichkeit bricht sie in Lachen aus. Jupiter ist erleichtert, dass er Platée nicht heiraten muss und Junon ist endlich von ihrer Eifersucht geheilt. Das göttliche Paar schwebt in den Himmel und Platée zieht sich unter Verwünschungen in den Sumpf zurück.
Platée war die erste Oper von Rameau, die man als Schallplatte erwerben konnte. In der Folge der Aufführungen in Aix-en-Provence 1956 mit dem Orchestre de la Société des Concert du Conservatoire dirigerte Hans Rosbaud die Aufnahme im Studio, hier die Playlist. Die Titelpartie – eine Travestierolle – singt Michel Sénéchal, der für über zwanzig Jahre fast der einzige Interpret dieser Rolle blieb, auch 1977 sang er sie in Paris unter der Leitung von Michel Plasson. Seit 1989 (1. CD-Aufnahme) kommt man an Marc Minokwski fast nicht mehr vorbei, wenn man eine vollständige und hochwertige Tonaufnahme sucht. Aber auch bei Video-Aufnahmen steht er ganz vorne mit dieser von Laurent Pelly inszenierten Produktion der Pariser Oper von 2003, wo ebenfalls Mireille Delunsch beteiligt ist. Derzeit gibt es noch eine antipodische Alternative, diese Aufnahme der Pinchgut Opera aus Sydney von 2021.
Nun also bis Mittwoch bei Rameau, ich freue mich,
Ihr Curt A Roesler