Montag, 23. März 2026

Lortzing in Leipzig

2026 ist ein Lortzing-Jahr. Den 175. Todestag begingen wir schon am 21. Januar (wer hat es mitbekommen?), den 225. Geburtstag gilt es am 23. Oktober zu feiern. Geboren und gestorben ist er in Berlin, aber von 1833 bis 1845 wirkte er in Leipzig. Danach ging er nach Wien, wo er wieder auf Robert Blum traf, mit dem er in Leipzig eine (nicht aufgeführte) Oper geschrieben hatte, Die Schatzkammer des Ynka. Die 1848er Erhebungen und die Hinrichtung Blums bekam er da hautnah mit. 1849 floh er über Leipzig nach Preußen, wo er ein halbes Jahr in Berlin am neugegründeten Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater als Kapellmeister wirkte. Lortzing ist ein Berliner, hier geboren, hier gestorben. An den heutigen Berliner Opernspielplänen merkt man das aber kaum. Einzig die Deutsche Oper Berlin bringt 2026 eine Neuinszenierung heraus, Zar und Zimmermann, hauptsächlicher Anlass für diesen Post und unser Treffen am Mittwoch in Zehlendorf. Als reifstes, Mozarts Le nozze di Figaro wenn nicht ebenbürtiges, so doch vergleichbares, Werk gilt Der Wildschütz, zu dem es hier schon einen Blog-Beitrag gibt. Etwas allgemeiner zu Lortzing hier. Und speziell zu Hans Sachs anlässlich der Leipziger Neuinszenierung von zwei Jahren hier.

Leipzig ist die Lortzing-Stadt. Dort stehen nun zwei Neuinszenierungen bevor, eine im Opernhaus, eine in der Musikalischen Komödie. Im Opernhaus kommt die »Revolutionsoper« Regina mit Jacquelyn Wagner (vor 20 Jahren wirkte sie an der Deutschen Oper Berlin) in der Titelpartie heraus, in der MuKo Der Waffenschmied, einst die beim Publikum beliebteste Oper von Lortzing. Ende April kommt in der MuKo außerdem Zar und Zimmermann zur Aufführung und im Opernhaus eine Wiederaufnahme von Undine. Am ersten Mai-Wochenende veranstaltet die Leipziger Oper zusammen mit der Leipziger Universität ein Symposion zu Lortzing unter Leitung von Prof. Stefan Keym, Musikwissenschaftliches Institut, Uni Leipzig, und Dr. Irmlind Capelle, Musikwisseschaftliches Seminar, Uni Paderborn/Detmold.

Der Waffenschmied, hat einmal von seinem unangemessenen Titel reichlich profitiert (z. B. in den 1930er Jahren) und litt später gerade unter der deutschtümelnden Tradition, die dort aufgebaut wurde. In der Statistik des Deutschen Bühnenvereins für die Spielzeit 1964/65 werden noch 169 Aufführungen an deutschsprachigen Theatern in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgeführt. Damit ist Der Waffenschmied Nummer 32, Der Wildschütz schafft es auf Platz 10 (314 Aufführungen), Zar und Zimmermann auf Patz 20 (239 Aufführungen). In der »aktuellen« Werkstatistik (sie umfasst die Spielzeit 2023/24) stehen nur die 9 Aufführungen von Der Wildschütz in Gera-Altenburg und die 8 Aufführungen Hans Sachs in Leipzig. Unter den 25 beliebtesten und den 11 am häufigsten inszenierten Musiktheaterwerken taucht Lortzing dementsprechend nicht auf. 

Irreführend ist der Titel insofern, als die Hauptfigur Stadinger zwar tatsächlich eine Schmiedewerkstatt betreibt, in der auch Waffen hergestellt werden können, außerdem betreibt er aber auch eine Tierarztpraxis, was ihn zeitweise von seiner Werkstatt fernhält. Geschmiedet wird zwar am Anfang mit einer musikalischen Szene, die musikalisch zwischen den Rheingold-Nibelungen und der Hämmerei im Trovatore liegt, aber hauptsächlich geht es um eine Verkleidungskomödie. Ein Graf rettet sich vor der Zwangsverheiratung als Schmiedegeselle Konrad in Stadingers Werkstatt und verliebt sich in dessen Tochter Marie. Seine Liebe wird erwidert und jetzt muss er herausfinden, ob sie ihn auch lieben würde, wenn er nicht ein armer Schmiedegeselle wäre, sondern ein reicher Graf. Deshalb legt er die Verkleidung zeitweise ab, wird erwischt und als Graf von Stadinger verjagt. Als Konrad will ihm Stadinger seine Tochter aber auch nicht geben, lieber dem Knappen Stadingers, Georg, der sich mit in die Werkstatt eingeschlichen hat. Eine nächtliche Kussszene bringt weitere Verwirrung, Stadinger steht am Ende ebenso blamiert da wie der Bürgermeister öfter in Zar und Zimmermann. Der Graf veranstaltet noch eine fiktive Entführung der Marie und fälscht ein Schreiben des Magistrats, das Stadinger zwingt, seine Tochter an Konrad zu geben. Am Ende löst sich natürlich alles auf, Marie liebt die Person und nicht das Kleid, und Stadinger macht gute Miene zum bösen Spiel der Täuschungen, denen er ausgesetzt war. Und wo ist jetzt, bitte, das kriegsverherrlichende Element, oder wenigstens das nationalistische Element, das eine heutige Aufführung verhindern sollte? Die klassische LP-Aufnahme aus München von 1964 mit Kurt Böhme, Hermann Prey, Gerhard Unger und Lotte Schädle finden Sie hier. Es dirigiert Fritz Lehan. Als Alternative gibt es eine Rundfunkaufnahme aus Zeiten wo das Werk noch viel gespielt wurde. Michael Bohnen ist 1936 beim Reichssender Berlin Stadinger, mit ihm singen Carla Spletter, Hans Wocke und Erich Zimermann. Hier. Ein Video habe ich nicht gefunden. Den Hit der Oper, Stadingers »Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar«, finden Sie natürlich von allen namhaften Bässen gesungen. von Gottlob Frick über Ivan Rebroff bis John Tomlinson und Günter Groissböck.

Regina hat Lortzing 1848 in Wien geschrieben. Nachdem der dritte Aufstand niedergeschlagen und Robert Blum hingerichtet war, kam es natürlich nicht mehr zu einer Aufführung dieser »Revolutionsoper«. Nach dem Tod Lortzings galt das Manuskript sogar als verschollen, erst 1899 kam es zu einer (bearbeiteten und politisch entschärften) Uraufführung in Berlin. Hier der Inhalt in Kürze: Streik in der Fabrik, der Anführer der Radikalen Stephan (Bariton) steht dem Anführer der Gemäßigten Richard (Tenor) gegenüber. Beide lieben Regina (Sopran), die Tochter des Fabrikbesitzers Simon (Bass). Die Fabrik wird in Brand gesetzt. Anhand der Stimmlagen können Sie schon ahnen, wie das Ganze ausgeht; der Tenor gewinnt, der Bariton verliert. Und so geht es konkret weiter: Stephan entführt Regina in die Berge, wo er mit ihr vor der eigenen Soldateska fliehen muss. Auf einem Pulverturm droht er, sich und Regina in die Luft zu sprengen, doch bevor es dazu kommt erschießt sie ihn. Die (gemäßigten) Arbeiter haben gewonnen, Richard bekommt Regina. Schwarz-Rot-Gold wird im Dreivierteltakt gefeiert. Auch von Regina gibt es (noch) keine Videos, dafür aber zwei ganz unterschiedliche Audioaufnahmen. Eine von 1951 mit realsozialistisch bearbeitetem Text hier (Playlist). Und eine neuere nach einer kritischen Neuausgabe von Ricordi hier.

Und jetzt endlich Zar und Zimmermann in Kürze: Auf einer Werft zu Saardam arbeiten zwei Russen, beide nennen sich Peter. Der eine, Michaelow, ist der künftige Zar, der andere, Iwanow, ein Deserteur. Iwanow hat sich in Marie, die Nichte des Bürgermeisters, verliebt. Diese liest ihm wegen seiner Eifersucht die Leviten. Der aufgeblasene Bürgermeister glaubt, alles unter Kontrolle zu haben, doch welches der Russe Peter ist, den er auf Anweisung der Generalstaaten ausforschen soll, findet er nicht heraus. Unter den weiteren Ausländern in seiner Stadt befindet sich auch der französische Gesandte, der seiner Nichte den Hof macht. Ein Fest beendet den Tag. – Auf einer Hochzeitsfeier treffen sich alle. Nur der französische Gesandte hat herausgefunden, welches der Zar ist. Seine Aufgabe ist erfüllt, er verabschiedet sich von Marie. Geheimdiplomatie mischt sich mit persönlichen Intrigen in einem großen Sextett. Nachdem Marie für das Brautpaar gesungen hat, setzt der Bürgermeister zur großen Untersuchung an. Alle Ausländer müssen antreten, können sich aber bestens ausweisen. Das Ganze endet in einem Handgemenge zwischen ihm und Michaelow. – Der Bürgermeister übt mit dem Chor ein Lied auf den Zaren, den er in Iwanow sieht. Bevor der echte Zar sein berühmtes Lied singen kann, muss er noch Gnade walten lassen für den Deserteur und ihn Marie versprechen. Während der Bürgermeister das Fest für den falschen Zaren feiert, verlässt der echte Zar Saardam. Iwanow gibt sich zu erkennen und der Bürgermeister ist blamiert. Zar und Zimmermann gehört zu den Opernklassikern, die in den 1960er Jahren im Studio Hamburg nach Inszenierungen in der Staatsoper aufgenommen wurden. Hier das Video (auch wieder eine Playlist). Die Referenzaufnahme von 1965 unter der Leitung von Robert Heger mit dem unvermeidlichen Hermann Prey, mit Peter Schreier, Erika Köth und Gottlob Frick sowie Nicolai Gedda als französischer Gesandter, finden sie hier. Auch dazu gibt es eine Alternative vom Reichssender 1936 mit Wilhelm Strienz und Georg Hann, hier. Zehn Jahre nach Robert Heger in Leipzig hat Heinz Wallberg die Oper noch einmal mit Hermann Prey in München aufgenommen, da sind Lucia Popp und Karl Ridderbusch dabei. Die Aufnahme können Sie bei Spotify & Co. finden. Noch einmal dreizehn Jahre später entstand wieder in München unter der Leitung von Heinz Fricke eine weitere Gesamtaufnahme. Hier singt Wolfgang Brendel den Zaren, der die Partie auch in der legendären Aufführung an der Deutschen Oper Berlin gesungen hatte. Kurt Moll und Lucia Popp kommen dazu, aber auch Peter Seiffert als Chateauneuf, hier (Playlist mit Werbung).

So viel zu Lortzing. Die Pläne der Opernhäuser im In- und Ausland sammle ich fortlaufend. Ich habe dafür schon eine Seite eingerichtet: hier. Im Moment steht da noch nicht so viel, daher habe ich auch noch keinen Link auf der Hauptseite des Blogs. Speichern Sie sich also den Link ab, wenn Sie den Fortschritt beobachten wollen.

Jetzt freue ich mich auf Mittwoch mit Lortzing,
Ihr Curt A. Roesler

 

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.