Montag, 16. März 2026

Olga Neuwirth

Es hätte sein können, dass man den Namen Olga Neuwirth nur in Speziallexika zum Jazz findet. Eine Karriere als Trompeterin war vorgezeichnet, als ein Unfall mit Kieferverletzung die Pläne zunichte machte. In die gleiche Zeit fiel die erste Begegnung mit der künftigen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die, nebenbei gesagt, über eine fundierte Ausbildung als Komponistin verfügt. Workshops mit Hans Werner Henze und Gerd Kühr gaben den Ausschlag, dass sich Olga Neuwirth definitiv für das Komponieren entschied. Als Sechzehnjährige erhielt sie bereits einen Kompositionsauftrag vom Steirischen Herbst in ihrer Geburtsstadt Graz. Die Uraufführung des Orchesterwerks mit dem originellen – und für Neuwirth typischen – Titel Der rosarote Zwerg auf dem Weg nach Garanas oder Die gelbe Kuh tanzt Ragtime erfolgte sechseinhalb Wochen nach ihrem siebzehnten Geburtstag. Unmittelbar danach ging sie nach San Francisco, wo sie  hauptsächlich bei Elinor Armer in Komposition unterrichtet wurde. Die Amerikanerin Elinor Armer hatte ihrerseits Kompositionsunterricht bei Darius Milhaud genossen, der einige Zeit am Mills College in Kalifornien wirkte. Zurück in Österreich, studierte Neuwirth anschließend bei Erich Urbanner, der an der Musikuniversität der Stadt Wien seit 1969 ordentlicher Professor war und die Richtung der Darmstädter Schule und der experimentellen Beschäftigung mit der elektronischen Musikerzeugung vertrat. Abschließend studierte sie noch bei Tristan Murail in Paris, einem der »Gründer« des Spektralismus (wir sprachen anlässlich Innocence über ihn). Wesentliche Anregungen für ihr Komponieren empfing Olga Neuwirth außerdem durch Adriana Hölszky und Luigi Nono, der mit seinem Prometeo. Tragedia dell'ascolto 1984 einen ganz neuen Umgang mit der Raumakustik einführte.

Die ersten Bühnenwerke Olga Neuwirths sind zwei Kurzopern, die 1991 bei den Wiener Festwochen zur Uraufführung kamen. Elfriede Jelinek, mit der Neuwirth inzwischen eine bis heute dauernde Freundschaft verband, schrieb die Texte für Körperliche Veränderungen und Der Wald. Eine weitere Kurzoper, Die Schamlosen oder ein Spektakel in einem Akt kam im Jahr darauf ebendort zur Uraufführung. Diesmal hatte sich Neuwirth Texte von Daniil Charms, Sylvia Plath und Unica Zürn selbst zu einem Libretto zusammengestellt.

1994 kam ein weiteres Auftragswerk beim Steirischen Herbst zur Uraufführung, Sans Soleil. Zerrspiegel für zwei Ondes Martenot, Orchester und Live-Elektronik. Eine der beiden Ondes Martenot spielte ihr Lehrer Tristan Murail, sie selbst betreute die Live-Elektronik, Friedrich Goldmann dirigierte, hier der Audio-Mitschnitt vom ORF. Wie so oft bei Neuwirth, die ihre Magisterarbeit über den Einsatz von Filmmusik in dem Film L'amour à mort von Alain Resnais geschrieben hatte, nimmt die Komposition Bezug auf einen Film. Er hat den gleichen Titel, Sans Soleil (deutsch: Unsichtbare Sonne), und wurde 1984 als bahnbrechender Essayfilm gesehen. Der Titel des Films wiederum bezieht sich auf Musik, nämlich auf den Liedzyklus Ohne Sonne von Modest Mussorgski. Hier der Film. Hier der Liedzyklus, geungen von Benjamin Luxon.

Zwei Werke der späten 90er Jahre in Zusammenarbeit mit Elfriede Jelinek bergen gewissermaßen den Nukleus für Monster's Paradise, das neueste, vor wenigen Monaten in Hamburg aufgeführte Werk. In Elfi und Andi für Sprecher, E-Gitarre, Kontrabass, Bassklarinette, Saxophon und 2 CD-Zuspielungen haben sich Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth schon einmal so in Szene gesetzt, wie sie das mit Vampi und Bampi in Monster's Paradise tun. Für Bählamms Fest nahmen sie eine Erzählung der britisch-mexikanischen Surrealistin Leonora Carrington als Vorlage für ihre Oper von Werwölfen und anderen vampiristischen Fantasien. Von Elfi und Andi habe ich keine Aufnahme gefunden, aber Bählamms Fest existiert als CD-Aufnahme bei den Streamingdiensten und in dieser Playlist.

2003, ein Jahr bevor Elfriede Jelinek den Nobelpreis für Literatur erhielt, kam die nächste Zusammenarbeit mit ihr heraus. Wieder eine eng mit dem Kino verbundene Geschichte, Lost Highway nach dem Film von David Lynch. Den Film können Sie bei vielen verschiedenen Diensten streamen (leihen oder kaufen) bei Arthaus+ ist er sogar in der Flatrate enthalten. Die Oper ist auf CD aufgezeichnet worden und bei Streamingdiensten zu hören oder über diese Playlist. Acht Jahre dauerte es danach bis zur nächsten Zusammenarbeit: Kloing! / A Songplay in 9 fits. Homage à Klaus Nomi. Klaus Nomi finanzierte sich sein Gesangsstudium um 1970 als Platzanweiser an der Deutschen Oper Berlin.1973 zog er nach New York, wo er seinen Tenor zum Countertenor weiterbilden ließ und im Bereich der Popmusik (als »singender Konditor«) eine Karriere begann. Er führte eine Arie aus King Arthur von Henry Purcell als »Cold Song« in die Popmusik ein. Damit trat er auch bei Thomas Gottschalk auf. Hier der »official clip« und hier die Version der Arie von einem heutigen Barockspezialisten. Und hier ein Ausschnitt aus der Hommage von Olga Neuwirth (Achtung, sehr laut). 1983 starb Klaus Nomi als eines der ersten prominenten Opfer einer HIV-Infektion.

American Lulu, eine Überschreibung der Lulu von Alban Berg wurde 2012 an der Komischen Oper Berlin uraufgeführt, vielleicht haben Sie das gesehen. Auch das nächste szenische Werk Neuwirths entstand ohne Mitwirkung Jelineks; es war wieder einmal ein Hommage ans Kino: The Outcast. Homage to Herman Melville.

Eine neue Stufe erreichte Olga Neuwirths Karriere mit dem Auftrag der Wiener Staatsoper für eine abendfüllende Oper. Sie entschied sich für einen Stoff, der besonders in der queeren Welt ein hohes Ansehen genießt, Orlando von Virginia Woolf. Neuwirth konzipierte das Libretto selbst, indem sie Woolfs Erzählung von der unsterblichen Schriftstellerin bis in die eigene Gegenwart ausdehnte, und holte sich Unterstützung durch die amerikanische Dramatikerin Catherine Filloux, die als Drehbuchautorin und Verfasserin verschiedener Libretti für Oper und Musical über einschlägige Erfahrung verfügt. Das Libretto ist in der Weltsprache Englisch verfasst, wie so viele Opern der letzten 30 Jahre inklusive der endgültigen Fassung von Ligetis Le Grand Macabre.

Orlando ist bei Woolf wie bei Neuwirth ein Renaissance-Adliger, Favorit der Königin Elisabeth I., der irgendwann zu dichten beginnt und Unsterblichkeit erlangt. Nach mehreren Liebesenttäuschungen geht er als Botschafter nach Konstantinopel, wo er in einen Zauberschlaf verfällt und nach eingen Tagen als Frau aufwacht, was aber – und das ist Woolfs ironische Lehre – an seiner Persönlichkeit nichts ändert. Über die Jahrhunderte spielt Orlando nun mit Geschlechterrollen, indem er/sie in Männerkleidern ausgeht, sich gegenüber Halbweltdamen aber als Frau zu erkennen gibt und sich mit ihnen anfreundet. Bis er/sie schießlich 1928 (im Erscheinungsjahr des Romans) als 36jährige Frau Auto fährt und sich im modernen Leben einrichtet. Das alles ist voller Ironie und mit englischem Witz geschrieben. Weltliteratur. Neuwirths Libretto, die der Konsumwelt der 20er Jahre 68er Bewegung, Klimawandel und neurechte Bewegungen hinzufügt, driftet etwas ins Dogmatische ab. Allerdings hebt ihre Musik, die von Renaissance-Madrigalen bis zur Geräuschkomposition geht, das wieder ins Allgemeingültige und -verständliche hinaus. Die Uraufführung wurde von Unitel aufgezeichnet, hier eine Playlist. Um das Zitat des evangelikalen Liedes »Danke für diesen guten Morgen« ist eine juristische Auseinandersetzung geführt worden, es darf jetzt nicht mehr verwendet werden. Aber wir Berliner erinnern uns ohnehin bestens an Christoph Marthalers Murx den Europäer in der Volksbühne, wo dieses Lied auch eine prominente Rolle spielte.

Monster's Paradise, die neueste Arbeit von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek wurde vom WDR3 (Radio) direkt übertragen und lag 30 Tage lang auf deren Homepage zum Nachhören bereit. Die 30 Tage sind jetzt allerdings vorbei und so gibt es nur noch Rahmenprogramm, Interviews und Kritiken bei YouTube zu sehen. Inzwischen ist die wunderbare Inszenierung von Tobias Kratzer nach Zürich umgezogen. Wir hoffen auf eine Video-Aufzeichnung.

Dann also bis Mittwoch, ich freue mich auf Ihre Kommentare zu Olga Neuwirth.
Ihr Curt A. Roesler

 

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.