Montag, 6. April 2026

Sechs Mal Monteverdis letzte Oper

Durchsucht man unsere Zusammenstellung »Die Opernspielzeit 2025/26« nach dem Begriff »Poppea«, erhält man sechs Treffer. Und immer ist L'incoronazione die Poppea von Claudio Monteverdi gemeint, die in dieser Spielzeit offenbar große Belietheit genießt. Nicht sehr erstaunlich, denn es handelt sich um eines der großartigsten Musiktheaterwerke, das alles enthält, was man wünschen kann. Heiteres wie Tragisches, Lyrisches wie Dramatisches. Schwerin machte am 15. Dezember 2025 den Anfang (hier eine ausführliche Kritik mit Fotos), es gibt noch eine Vorstellung am 3. Mai; in Lübeck war die Premiere am 14. März (Kritik hier), zu sehen ist die Produktion noch bis zum 27. Juni; in Augsburg war die Premiere am 28. März (Kritik hier), zu sehen noch bis 31. Mai; in Darmstadt kommt die Oper am 18. April heraus und ist bis zum 12. Juni zu sehen; wer etwas weiter fahren möchte, hat in Kopenhagen die Möglichkeit, ab 26. April die Oper in einer Inszenierung von Christoph Marthaler zu sehen; und noch weiter muss man fahren, um ab 15. Juni eine Inszenierung der Berlinerin Tatjana Gürbaca zu sehen, nach Lyon.

2017 war L'incoronazione di Poppea Gegenstand unserer Zehlendorfer Operngespräche, dort können Sie sich eine Inhaltsangabe und weitere nützliche Informationen holen. Hinweise auf Videos sind nicht dabei, das wird hier nachgeholt. Der »Klassiker« ist natürlich die Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle vom Zürcher Opernhaus, die auf DVD verfügbar ist. Aufgezeichnet wurde sie 1979, etwa zur gleichen Zeit gastierte das Zürcher Opernhaus in der Deutschen Oper Berlin und in der Hamburgischen Staatsoper. Derzeit funktioniert bei YouTube dieser Link (erster Teil) und für den zeiten Teil dieser Link. An L'incoronazione di Poppea lässt sich sehr gut beobachten, wie sich die musikalische Interpretation der frühen Barockwerke über die Jahrzehnte veränderte. 1961 wurde die Oper in Aix-en-Provence gespielt, in sehr stark gekürzter Form, hier zu sehen und zu hören. Die Gegenspieler Nerone und Ottone wurden beide von Baritonen gesungen, d. h. eine Oktave tiefer als notiert. So war man es damals auch von Giulio Cesare in Händels Oper und von Orfeo in Glucks Oper gewohnt. Nerone ist für einen Bariton allerdings, selbst eine Oktave heruntergesetzt, für einen Bariton sehr hoch, deswegen gab es in jener Zeit auf Schallplattenaufnahmen auch Tenöre, so Friedrich Brückner-Rüggeberg in der allerersten Schallplattenaufnahme unter Walter Goehr und Carlo Bergonzi in der RAI-Aufnahme 1954. Das Schlussduett mit Brückner-Rüggeberg und Sylvia Gähwiller aus der Aufnahme unter Walter Goehr können Sie hier im Vergleich mit weiteren historischen Aufnahmen des Duetts hören. Bergonzi ist nicht dabei, dafür aber di Stefano. Und wegen Silvia Gähwiller, die Sie wahrscheinlich nicht kennen werden: die Aufnahme wurde 1952 in der Tonhalle Zürich gemacht und ist eine der wenigen Aufnahme dieser großen Sängerin und Pädagogin. Harnoncourt betraute die Partie des Nerone auch einem Tenor und für Ottone entschied er sich schon für einen Countertenor (der also in der originalen Tonhöhe sang. Als L'incoronazione di Poppea 2000 wieder in Aix gespielt wurde, sang Anne Sofie von Otter die Partie des Nerone. Im Folgenden sind die Besetzungen von Aix 1961, Zürich 1979, Aix 2000 und Venedig 2017 gegenübergestellt. Seneca ist die einzige Partie, die immer vom gleichen Stimmtyp gesungen wird: vom Bass. Interessant ist die Travestierolle der Amme Arnalta, in Aix von einer Altistin gesungen, in Zürich von einem Countertenor und in Venedig von einer Mezzosopranistin.

Ottone (Aix1961: Rolando Panerai, Bariton; Zürich: Paul Esswood, Countertenor; Aix2000: Sylvie Brunet, Mezzosopran; Venezia: Carlo Vistoli, Countertenor)
Nerone (Aix1961: Robert Massard, Bariton; Zürich: Eric Tappy, Tenor, Venezia: Kangmin Justin Kim, Countertenor)
Seneca (Aix: Giorgio Tadeo, Bass; Zürich Matti Salminen, Bass; Aix 2000: Denis Sedov, Bass; Anne Sofie vin Otter, Mezzosopran; Venezia: Gianluca Burrato, Bass)
Valletto (Aix1961: Jane Berbié, Mezzosopran; Zürich: Peter Keller, Tenor; Aix2000: Allison Cook, Mezzosopran; Venezia: Silvia Frigato, Sopran
Poppea (Aix: Jane Rhodes, Mezzosopran; Zürich: Rachel Yakar, Sopran; Aix2000: Venezia: Hana Blažíková, Sopran)
Ottavia (Aix: Teresa Berganza, Mezzosopran; Zürich: Trudeliese Schmidt, Mezzosopran; Aix2000: Mireille Delunsch, Sopran; Venezia: Marianna Pizzolato, Mezzosopran)
Arnalta (Aix: Carol Smith, Alt; Zürich: Alexander Oliver, Tenor; Aix2000: Jean-Paul Fouchécourt, Haute-Contre; Venezia: Lucile Richardot, Mezzosopran)

Die aktuellste bei YouTube verfügbare Aufnahme stammt von 2023 aus dem Théâtre des Champs-Élysées. Emiliano Toro González dirigiert. In halbszenischer Form wird auch sein Orchester I gemelli gut beleuchtet. Suchen Sie nicht nach einem taktstockschwingenden Dirigenten, Emiliano Toro González ist im Gesangsensemble zu finden, nicht weniger als fünf Rollen verkörpert der Tenor, z. B. den Liberto, den Schüler Senecas, der als Erster versucht, ihn vom verordneten Selbstmord abzuhalten. Die Seneca-Szene, nicht ohne Witz, beginnt etwa bei 1h:15m.

So viel für heute zu Monteverdi. Machen Sie es gut! Ihr Curt A. Roesler

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