Montag, 13. April 2026

Dorian Gray hier und dort

Das Berliner Ensemble bereitet gerade mit dem finnischer Regisseur Heiki Riipinen ein Spektakel auf Grundlage des Romans The Picture of Dorian Gray von Oscar Wilde vor. Die ersten beiden Vorstellungen sind schon ausverkauft. 1891 erschein die Buchfassung und erlebte Ablehnung und Zustimmung von Anfang an. Die Idee eines Bildes, das anstelle des Porträtierten altert, hat etwas Anekdotisches. Wikipedia zitiert aus einer Biografie, dass Wilde selbst beim Besuch eines Malerateliers, wo gerade ein ungewöhnlich schöner junger Mann zu Modell saß, darüber sinniert habe, wie schade es sei, dass solche Schönheit vergänglich sei, und der Maler entgegnet habe, er wäre glücklich, wenn das Porträt statt des Porträtierten altern würde. Dass dieser Maler Basil Ward geheißen habe (im Roman ist es Basil Hallward), ist allerdings weniger wahrscheinlich. Bekannt ist nur ein neuseeländischer Architekt deises Namens, der aber wurde erst 1902 geboren. Schon eher möglich ist die Vermutung, dass Wilde selbst den Wunsch geäußert habe, als er selbst porträtiet wurde. Über Oscar Wilde wird sehr viel geschrieben und natürlich findet man auch Spekulationen darüber, an welchen Maler Wilde gedacht haben möchte, als er Basil Hallward beschrieb. Und da kommt man schnell auf den Amerikaner James McNeill Whistler (1834–1903), der Ende des 19. Jahrhunderts in Lodon und Paris ein ebenso glamouröses Leben führte wie Oscar Wilde,beide waren befreundet und korrespondierten u. a. über die Frage, ob Malerei oder Schriftstellerei eher die »wahre« Kunst darstellen würden.

Der Roman von Oscar Wilde sieht auf den ersten Blick aus wie die ideale Vorlage für eine Oper. Warum kennen wir aber keine? Es ist nicht so, dass keine geschrieben wurden. In den letzten 110 Jahren findet man eine ganze Reihe Titel – alle fast vergessen. An annotated Listing of Musical Adaptions of Works by Oscar Wilde von der renommierten flämischen Literaturwissenschaftlerin Tine Englebert fördert über fünfzig Opern, Ballette und Musicals bis 2021 zutage. Dazu sind noch weitere gekommen, so hat Marguerite Donlon (sie gehörte als Tänzerin einst zum Enseble der Deutschen Oper Berlin) zu Beginn der laufenden Spielzeit am Slowenischen Nationalballett eine Choreografie herausgebracht mit Musik von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Edward Elgar, Claude Debussy, Richard Wagner und anderen. Andere Choreografen griffen gern auf Klavierwerke von Alexander Skrjabin zurück, der Schott-Verlag bietet sogar eine Orchesterfassung an. 

Aribert Reimanns letztes großes Projekt war ein Bildnis des Dorian Gray. 2025 sollte es in Frankfurt am Main zur Uraufführung kommen, doch es kam nicht mehr dazu. In den letzten 15 Jahren sind zwei Opern von Komponistinnen erschienen, die gerade noch einmal aktuell werden. In Annaberg-Buchholz wird ab 18. April Dorian Gray der slowakischen Komponistin Ľubica Čekovská gezeigt, es inszeniert Vera Nemirova. Die zweite der bisher drei Opern der slowakischen Komponistin (geboren 1975) wurde 2013 in Bratislava uraufgeführt. Die kanadische Schriftstellerin Kate Pullinger schrieb das englischsprachige Libretto. 2015 wurde die Produktion zum Prager Frühling eingeladen, von da stammen vermutlich die Ausschnitte, die man bei YouTube finden kann. Hier eine Kritik der Prager Aufführung und hier der Moment, in dem Gray gewahr wird, dass er Sybil Vane in den Selbstmord getrieben hat. Wer nicht bis Annaberg-Buchholz fahren will, um Dorian Gray als Opernheld zu sehen, kann sich auch in sein Sofa fläzen. Seit 11. April bietet Operavision für ein halbes Jahr Dorian Gray in der Fassung von Elżbieta Sikora an. Die mittlerweile 82jährige polnische Komponistin lebt seit 1981 (Ausrufung des Kriegsrechts in Polen) in Paris, sie ist in allen musikalischen Gattungen bewandert. Von den bisherigen Opern – angefangen mit einer Ariadna 1977 – hatte Madame Curie, 2011 in Paris uraufgeführt, die größte Aufmerksamkeit erlangt. Auch sie hat Dorian Gray in englischer Sprache vertont. Sie hatte dafür einen Altmeister des Librettos an ihrer Seite, David Pountney, der die Uraufführung in Poznán, die jetzt gezeigt wird, auch inszeniert hat. Die Oper wurde im November 2025 zum ersten Mal aufgeführt und hat noch nicht einmal Eingang in die verschiedenen Werkverzeichnisse von Sikora gefunden.

Über 50 musikalische Bühnenwerke um den schönen und skrupellosen ewig jungen Mann und das an seiner Stelle alternde Bild, aber keines hat offenbar Eingang in das Repertoire gefunden! Liegt etwa doch – anders als in Salome oder dem Geburtstag der Infantin – keine Musik in dem Stoff? Es ist schwer zu sagen. Möglich ist, dass die Komponisten, die sich des Stoffs angenommen haben (lesen Sie das Listing gerne durch, Sie werden die wenigsten Namen vorher schon einmal gehört haben), nicht gut genug waren, und es wäre insofern interessant gewesen, was Aribert Reimann daraus gemacht hätte. Die Fassung von David Pountney und Elżbieta Sikora hat zumindest das Potential zu einer »Oper des 21. Jahrhunderts« zu werden. Basil Hallward ist hier kein Maler, sondern ein Fotograf und er erzeugt einen medialen Hype für Dorian Gray, indem er unerlaubterweise Bilder von ihm ins Netz stellt. Und dieser ist nicht empathielos wie bei Oscar Wilde, sondern lässt sich von Basils Skrupellosigkeit als Kriegsreporter schockieren.

Der erste Film nach Wildes Roman wurde 1910 von einem dänischen Regisseur gedreht. Leider nicht erhalten ist der Film von Wsewolod Meyerhold von 1915, wo Dorian Gray von einer Frau gespielt wird. Es gibt nur den amerikanischen Film aus dem gleichen Jahr bei YouTube zu sehen, hier. Seither sind unzählige Kino- und Fernsehfilme erschienen, der berühmteste 1945 von Albert Lewin mit Hurd Hatfield und George Sanders, der letzte erfolgreiche 2009 von Oliver Parker mit Ben Barnes und Colin Firth.

Machen Sie es gut! Ihr Curt A. roesler 

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