In den 1950er Jahren wurden die Werke des 1936 im Spanischen Bürgerkrieg von den Anhängern Francos ermordeten Dichters und Dramatikers Federico García Lorca in Deutschland populär. Das war vor allem das Verdienst des deutsch-schweizerischen Übersetzers Heinrich Enrique Beck, der sich von den Erben das alleinige Übersetzungsrecht eingeholt hatte. Darum gab und gibt es bis heute viel Streit, manche Fachleute halten die Übersetzungen für verfälschend, deshalb haben sich Verlage vor Gericht Alternativen erstritten. Bodas de sangre (Bluthochzeit, 1933) wurde besonders oft aufgeführt, aber auch Yerma (1934) und das kurz vor der Ermordung geschriebene Stück La Casa de Bernarda Alba fanden große Verbreitung. Yerma und Bluthochzeit wurden schon in den Fünfzigern zur Grundlage von Opern. 1955–56 schrieb Heitor Villa-Lobos (der mit den Bachianas Brasileiras) Yerma. Aufgeführt wurde die Oper allerdings erst posthum, 1971 in San Francisco. Bis ins 21. Jahrhundert hat Lorca noch Opernkomponisten angezogen, so 2000 Aribert Reimann (Bernarda Albas Haus) und 2007 Flavio Testi (Mariana Pineda). 1957 kam in Köln Bluthochzeit, die erste abendfüllende Oper von Wolfgang Fortner (1907–1987), heraus. Cress ertrinkt, »ein Schulspiel mit Musik«, war 1930 der erste dramatische Versuch des Komponisten; da stand er noch noch ganz im Fahrwasser der pädagogischen Spiele von Hindemith, Weill und anderen im Gefolge von Bertolt Brecht. Folgerichtig diffamierten ihn die Nationalsozialisten 1933 als »Kulturbolschewisten« und er hatte erst einen schweren Stand, wurde schließlich – 1939 – doch in die Partei aufgenommen, und nach dem Weltkrieg als »Mitläufer« eingestuft. In der Zeit bis 1945 schuf er vorwiegend Vokalwerke (z. B. Eine deutsche Liedmesse oder eine Feierkantate zur Zweihundertjahrfeier der Universität Göttingen) und kleiner besetzte Orchesterwerke, die er mit dem Heidelberger Kammerorchester zur Auffürhung brachte, das er 1935 gegründet hatte. 1933 schuf er einen Liedzyklus nach Hölderlin, den auch Dietrich Fischer-Dieskau und Hermann Prey noch in ihrem Repertoire hatten. Hier Prey: »An die Parzen«, »Hyperions Schicksalslied«, »Abbitte« und »Geh unter, schöne Sonne«.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Fortner zu den Gründern der »Kranichsteiner Ferienkurse für Neue Musik«, wo er sich mit Studenten traf, die an der Musik interessiert waren, die 12 Jahre in Deutschland unterdrückt worden war. Diese Kurse, heute bekannt unter dem Namen »Darmstädter Ferienkurse« fanden ursprünglich im Kranichsteiner Jagdschloss statt, daher der Name. Fortner gab Kurse in Darmstadt und wurde einer der bedeutendsten Kompositionlehrer im Nachkriegsdeutschland, zuerst (1954) in Detmold, dann (1957) in Heidelberg. Zu seinen bedeutendsten Schülern gehören Hans Werner Henze, Milko Kelemen, Rudolf Kelterborn, Arghyris Kounadis und Berns Alois Zimmermann.
Für Jens Keith, den Chorerografen der Städtischen Oper Berlin seit 1946, schrieb Fortner Die weiße Rose. Der Titel des 45minütigen Werks kann auf eine falsche Spur führen. Hier ist die weiße Rose der Infantin gemeint, es handelt sich bei dem Ballett um eine pantomimische Darstellung der Geschichte vom Zwerg auf dem Geburtstag der Infantin nach Oscar Wilde. 1952 folgte bei den Berliner Festwochen ein zweites kurzes Handlungsballett, Die Witwe von Ephesus, nach der satirischen (im Satyricon des Petronius zu findenden) antiken Erzählung. Das Libretto schrieb Grete Weil und Walter Jokisch inszenierte die Pantomime. Um diesen Stoff existierten da schon zwei Opern, von Eugen d'Albert (1864–1932) und Karl Amadeus Hartmann (1905–1963), beide um 1930 geschrieben, Hermann Reutter (1900–1985) folgte 1954 mit seiner Opern-Fassung.
Von 1933 bis 1945 war Federico García Lorca in Deutschland als »Kommunist« verboten bzw. nur im Untergrund bekannt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war der Hunger nach dem bisher Verbotenen groß. Bodas de sangre hatte Lorca 1932 geschrieben, die Uraufführung erfolgte in Madrid wenige Wochen nach der Machtübernahme Hitlers in Berlin. Es konnte also erst ab 1945 größere Kreise in Deutschland erreichen. 1948 wurde Bluthochzeit, so die deutsche Übersertzung von Heinrich Enrique Beck, von Karl-Heinz Stroux in Düsseldorf (eine andere Quelle sagt in Hamburg, das halte ich aber für fraglich) auf die Bühne gebracht. Dafür hatte er sich eine Bühnenmusik von Wolfgang Fortner schreiben lassen. Möglicherweise sind Teile dieser Musik acht Jahre später in die Oper eingeflossen; ganz sicher eingeflossen ist die Szene Der Wald für Sopran, Tenor, Bariton und Sprecher, die 1953 vom hr-Rundfunkorchester zur Uraufführung gebracht wurde. In den folgenden drei Jahren richtete sich Fortner das gesamte Drama in der Übersetzung von Beck als Opernlibretto ein. Am 8. Juni 1957 kam die Oper in Köln zur Uraufführung, drei Wochen nach der Eröffnung des neuen Opernhauses. Hier der Rudfunkmitschnitt: 1. Akt, 2. Akt.
Das Schauspiel nimmt auf einen Kriminalfall im Spanien des frühen 20. Jahrhunderts Bezug, in dem Blutrache nach alten Traditionen ausgeübt wurde. Lorca teilt die sieben Bilder seines Textes in drei Akte. Auch Fortner gibt seiner Oper in sieben Bilder, die er aber in zwei Akte teilt:
1. Bild, Wohnraum des Bräutigams: Die Mutter des Bräutigams hat schlimme Vorahnungen, denn die Braut stammt aus dem Geschlecht der Félix, das für den Tod ihres Mannes und des älteren Sohnes verantwortlich ist; 2. Bild, Zimmer im Haus der Schwiegermutter: Léonardo Félix ist beunruhigt, als er erfährt, dass seine frühere Geliebte heiraten will. Das Wiegenlied, das seine Schwiegermutter und die Mutter seines Kindes anstimmen, ist keineswegs beruhigend für ihn. Er ist unglücklich in seiner Ehe und die Schwiegermutter und die Frau quälen ihn mit unangenehmen Fragen; 3. Bild, Inneres der in den Berg gehauenen Behausung der Braut: Die Braut vertraut darauf, dass sie die Erinnerungen an Leonardo vergessen wird, wenn sie erst verheiratet ist; 4. Bild, Großer Vorraum im Haus der Braut: Auf der Hochzeitsfeier verschwindet Leonardo mit der Braut; 5. Bild, Vor der in den Berg gehauenen Wohnung der Braut: Alle machen sich auf die Suche nach den beiden im nahen Wald, dabei begegnen sie seltsamen Gestalten wie dem Tod als Bettlerin und dem personifizierten Mond; 6. Bild, Wald: Die Flüchtigen werden gefunden, der Bräutigam geht auf Leonardo los, sie bringen sich gegenseitig um. ; 7. Bild, Weißer Raum mit dicken Bögen und Mauern: Die Mutter wartet vergeblich. Totenglocke. Die Leichname werden ins Dorf gebracht. Für die Mutter schließt sich der Kreis.
1964 brachte die Württembergische Staatsoper Stutgart Fortners Bluthochzeit heraus, Günter Rennert inszenierte, es sangen: Marta Mödl (Die Mutter), Anny Schlemm (Die Braut), Hans-Günter Nöcker (Leonardo), Margarethe Bence (Die Magd), Hans-Ulrich Mielsch (Der Mond), Hetty Plümacher (Frau Leonardos), Paula Brivkalne (Schweigermutter Leonardos), Res Fischer (Die Bettlerin/Der Tod), Lieselotte Becker-Egner (ein Mädchen), Heidi Abel, Hannelore Schulz-Pickard, Claudia Hellmann (Drei Mädchen), Lieselotte Kiefer, Elfriede Dobbertin (Zwei Mädchen), Gustav Grefe, Alfred Pfeifle, Frithjof Sentpaul (Drei Holzfäller); ; es dirigierte Ferdinand Leitner. Das ZDF zeichnete die Produktion auf, hier ist sie. Als ikonisches Werk der deutschen Nachkriegsmoderne, das objektivierende Zwölftontechniken mit leidenschaftlicher Handlung paart, ging die Bluthochzeit nie ganz vergessen. Erst am Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Aufführungen seltener, aber 2013 brachte Wuppertal eine Neuinszenierung und jetzt inszeniert Alex Ollé in Frankfurt / Main die Oper, Premiere ist am 10. Mai. Das brachte mich darauf, hier an den Komponisten zu erinnern.
1962 legte Fortner eine Art Fortsetzung vor. Auf Grundlage der Musik zu Wald und Bluthochzeit schrieb er eine Kammeroper nach Lorca, nach Amor de Don Perlimplín con Belisa en su jardín, eine Farce, die in einer Tragödie endet. 1928 vollendet, aber ebenfalls erst 1933 zur Uraufführung gebracht. In Schwetzingen kam In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa am 10. Mai 1962 als Produktion der Kölner Oper heraus.
Bluthochzeit hat zwei Konkurrenzwerke: Bodas de Sangre (in spanischer Sprache, 1956) von Juan José Castro (1895–1968) und Vérnász (in ungarischer Sprache, 1962) von Sándor Szokolay (1931–2013). Die Fassung von Szokolay wurde 2013 in Bremerhaven gespielt.
Vielleicht fährt ja jemand nach Frankfurt, ich werde es vermutlich nicht schaffen. Machen Sie es gut, bis bald.
Ihr Curt A. Roesler
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