Montag, 27. April 2026

Stiffelio

In den fünf Jahren 1847 bis 1851 kamen nicht weniger als acht Opern von Giuseppe Verdi zur Uraufführung. So dicht war die Premierenfolge nie vorher und erst recht nicht nachher. Im der Fünfjahresperiode davor, 1841 bis 1846, hatte sich das Tempo angebahnt: sechs Opern, und dabei war 1841 gar keine herausgekommen, da erlebte er persönliche Tragödien und war in eine Schaffenskrise geraten. Von den acht Opern 1847–1851 stehen allerding nur zwei heute noch regelmäßig auf den Spielplänen der großen Opernhäuser: Macbeth (1847) und Rigoletto (1851). Macbeth allerdings fast immer in der späteren Fassung von 1865. Gelegentlich (gerade eben an der Wiener Staatsoper, in der nächsten Spielzeit in Münster und in Linz) wird noch Luisa Miller (1849) gespielt. Fast gar nie aber wird die 1850, also zwischen Luisa Miller und Rigoletto, erschienene Oper Stiffelio aufgeführt. Jetzt aber doch, und zwar auch in Wien, am 13. Mai im Theater an der Wien.

Wie immer hatte Verdi bei Stiffelio erst einmal mit der Zensur zu kämpfen. Es geht darin wie in der französischen Vorlage, um den Ehebruch der Gatin eines Pastors. Die französische Vorlage spielt natürlich auch nicht in Frankreich, wo die Priester in der Rgel katholisch und demnach nicht verheiratet sind, sondern in einer protestantischen Gemeinde an der Salzach. Das aber war der Zensur in Triest zu skandalös, es musste eine Sekte daraus werden. Und eine Kirche sollte möglichst auch kein Schauplatz sein. An einer ganz zentralen Stelle hatte sich der Librettist Francesco Piave, obwohl er sich sicherlich nach protestantischen Bräuchen erkundigt hat, aber doch vergaloppiert. Lina verlangt von ihrem Mann, eben dem Pastor Stiffelio, ihr die Beichte abzunehmen, damit sie ihm ihren Ehebruch gestehen kann, er aber professionell damit umgehen muss. Das wäre eine wunderbare dramaturgische Erfindung – wenn es denn in der protestantischen Kirche eine Beichte gäbe. Das durfte auch nicht sein und aus »Nimm mir die Beichte ab« wurde »Höre mich an«. Da fehlt der doppelte Boden und die Szene wird quasi sinnlos, weil Stiffelio ja nun nicht mehr zwischen seiner Funktion als Priester und seinen Gefühlen als Privatmann steht. 

Was Verdi vermutlich an dem fünfaktigen Drama Le pasteur ou L'évangile et le foyer, das am 10. Februar 1849 im Théâtre de la Porte-Saint-Martin uraufgeführt wurde, fasziniert hat, ist die letzte Szene, die in einer Bibellesung mündet, aus der die Konsequenz der Versöhnung folgt. Es ist die Geschichte von der Ehebrecherin (»...wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein...«), der am Ende vergeben wird. Das Drama von Émile Souvestre (1806–1854) und bereits verstorbenen Eugène Bourgeois (1818–1847) scheint kein großer Erfolg gewesen zu sein. Sicher hatten die Pariser in den ersten Wochen von Napoleons Republik andere Themen, die sie interessierten. Klopstock lesende Protestanten gehörten nicht dazu. Selbst in der Bibel Lesen war im nach wie vor katholisch geprägten Frankreich eher unüblich und auf solche Geschichten wie eben die der Ehebrecherin kommt man dabei schon gar nicht. Dass Verdi aber davon angezogen wurde, ist evident, denn er liebte die Bibel, kannte sie auch, trotz mancher Kritik an der katholischen Kirche, und hatte ihr etwa in Nabucco (mit Psalmzitaten) schon Erfolge zu verdanken. Und Vergebung bzw. Versöhnung steht am Ende fast aller seiner »melodrammi«. Nur erfolgt – typisch für die italienische Oper des 19. Jahrhunderts – die Versöhnung sonst erst im Tod. Wenn die Rache vollzogen ist, kann der Geschädigte verzeihen. So ist es bei Stiffelio genau besehen zwar auch, denn der Schwiegervater hat den Verführer im Affekt getötet. Aber hier geht es ja nicht um Versöhnung zwischen den Rivalen, sondern um Vergebung des Fehltritts der Frau – völlig uninteressant für das damalige italienische Opernpublikum. Die stirbt sowieso, wird verbannt oder muss ins Kloster. Und ist nur als Opfer interessant.

Verdi arbeitete zeitweise parallel an Stiffelio und Rigoletto. Es gibt sogar das Gerücht, dass die Melodie für »Caro nome« zuerst für Lina komponiert worden sei, dort aber keine Verwendung gefunden habe. Jedenfalls war Verdi der Ansicht, dass die Musik für Stiffelio mehr wert sei, als wegen immer strengerer Zensurvorgaben verstümmelt zu werden. Daher zog er das Werk zurück und arbeitete es zu Aroldo um. Diese Oper kam 1857, fünf Monate nach der Erstfassung von Simon Boccanegra in Rimini heraus. Auch diese Fassung, die in Schottland unter Kreuzrittern spielt, war kein großer Erfolg. Da aber Verdi die Vernichtung des Aufführungsmaterials zu Stiffelio angeordnet hatte, war das zunächst die einzige Fassung der Oper, die man aufführen konnte, als 1951 der 50. Todestag Verdis mit einer Aufführung sämtlicher Opern im itaienischen Rundfunk gefeiert werden sollte. Hier die Playlist, Arturo Basile dirigiert, Vasco Campagnano singt die Titelpartie, Maria Vitale die Mina. Erst mehr als zehn Jahre später wurden in Neapel doch noch Klavierauszüge von Stiffelio gefunden und die Oper konnte rekonstruiert werden. 1968 dirigierte Peter Maag in Parma die erste moderne Aufführung, die natürlich bei YouTube auch festgehalten ist, hier.

Die Handlung in Kürze: Im Schloss des Grafen Stankar erzählt der von einer Reise zurückgekehrte Stiffelio den Gästen, dass ihm die Brieftasche eines Mannes übergeben wurde, der aus dem Fenster des Schlosses gesprungen war. Er wollte damit nichts zu tun haben und hat die Brieftasche ins Feuer geworfen. Als er mit seiner Frau Lina allein bleibt fällt ihm jedoch auf, dass sie seinen Ring nicht mehr trägt. Stankars Verdacht, dass seine Tochter fremdgegangen ist, erhält dadurch Nahrung. Wir Zuschauer bekommen sogleich den Beweis: Lina betet zu Gott, er möge ihren Fehltritt ungeschehen machen. Stankar hindert seine Tochter daran, vor Stiffelio ihre Schuld zu bekennen. Raffaele, der unbekannte Fensterspringer deponiert einen Brief an Lina in einem Buch, das irrtümlich Stiffelio überbracht wird. –Stiffelios Rückkehr wird jetzt offiziell gefeiert. Der Brief fällt aus dem Buch, Stankar nimmt ihn an sich. Unterdessen lenkt der alte Geistliche Jorg den Verdacht auf Federico, einen Vetter Linas, der Ehebrecher zu sein. * Lina betet schon wieder, jetzt auf dem Friedhof am Grab ihrer Mutter. Raffaele kommt, wird von ihr aber abgewiesen. Stankar überrascht die beiden und fordert Raffaele zum Duell, das jedoch vom ebenfalls dazu kommenden Stiffelio verhindert wird. Da er nun aber auch überzeugt ist, dass seine Frau ihn betrogen hat, lässt er sich dazu hinreißen, sie zu verflüchen während die Gläugiben in der Kirche beten. * Um der Schande, die seine Tochter über seine Familie gebracht hat, zu entgehen, will Stankar sich erschießen, entscheidet sich dann aber doch für den konventionellen Weg: er stürzt davon, um mit dem Schwert Rache an Raffaele zu üben. Der ist schon im Nebenzimmer und wird von Stiffelio gezwungen, seinem Gespräch mit Lina zuzuhören. Darin legt er ihr die Scheidungsurkunde vor, worauf sie von ihm verlangt, ihr die Beichte abzunehmen. Darin gesteht sie ihren Fehltritt, aber auch, dass sie Stiffelio immer noch liebt. Stankar stürzt mit den blutigen Schwert hinzu. – Lina ist zum Gottesdienst Stiffelios gekommen. Als er sie erblickt, liest er die Geschichte von der Ehebrecherin vor. Er verzeiht Lina vor der versammelten Gemeinde.

Größere Verbreitung fand die Schallplattenproduktion (1979, kurz vor der Erfindung der CD erschienen) mit José Carreras als Stiffelio und Sylvia Sass als Lina, hier die Playlist. Carreras hat die Partie später auch in Lodon auf der Bühne gesungen, auch das können Sie bei YouTube finden. Mehrere szenische Aufführungen sind bei YouTube zu finden, z. B. eine aus Parma von 2012, dirigiert von Andrea Battistoni, inszeniert von Guy Montavon mit Roberto Aronica, Yu Guancun und Roberto Frontali hier, und eine aus Venedig von 2016, dirigiert von Daniele Rustioni, inszeniert von Johannes Weigand mit Stefano Secc, Julianna di Giacomo und Dimitri Platanias, hier, aber auch die DVD-Produktion von Covent Garden (1993) mit José Carreras und Catherine Malfitano, dirigiert von Edward Downes und inszeniert von Elijah Moshinsky hier.

Nun machen Sie es gut, es grüßt sie herzlich, Ihr Curt A. Roesler

 

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