Montag, 8. Juni 2026

Carl Maria von Weber 5

Der Freischütz war schon fertig komponiert, aber noch nicht aufgeführt – das Neue Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Berlin befand sich noch im Bau – als Weber sich einem neuen Opernprojekt widmete. Ende 1819 war in der Abend-Zeitung (Dresden) eine Novelle des Berliner Kunsthistorikers und Philosophen Carl Seidel erschienen, auf die Weber aufmerksam wurde. Der Brautraub erzählte eine Geschichte aus dem fiktiven Spanien mit Studenten zwischen Salamanca und Madrid. Herausgeber der Abendzeitung waren der Schriftsteller Johann Friedrich Kind (1768–1843) und der Sekretär bei der Königlichen Akademie der Künste Carl Theodor Winkler (1775–1856). Kind hatte das Libretto zum Freischütz geschrieben und Winkler, der sich als Schriftsteller Theodor Hell nannte, verfasste nun ein Libretto Die drei Pintos nach dem Brautraub. Bis 1824 komponierte Weber – unterbrochen durch die Arbeit an der Euryanthe – insgesamt sechs musikalische Nummern für den geplanten ersten Akt und eine für den zweiten.

Die drei Pintos sind nicht das einzige Projekt Webers, das nicht zur Vollendung durch den Komponisten kam; die Weber-Gesamtausgabe erwähnt insgesamt 21 »nicht ausgeführte Kompositionsprojekte«, darunter allerdings auch zwei Kantaten und eine Schauspielmusik. Sechs der Titel stammen aus der Zeit vor Dresden, angefangen mit konventionellen Opernstoffen wie Libussa und Sappho, beide 1812/13. Eine Libussa komponierte Conradin Kreutzer 1822 für Wien, allerdings mit einem anderen Libretto. Das Melodram Sappho von Friedrich Wilhelm Gubitz (1786–1870) vertonte der nicht mit Carl Maria verwandte Bernhard Anselm Weber 1816 für Berlin. Theodor Körner (1791–1813) hatte ein Libretto Alfred der Große hinterlassen, das sich Weber 1814 vornahm. Das Libretto ist später mehrfach vertont worden, zuerst 1830 von Johann Philipp Schmidt (1779–1853). Die bekannteste Version ist von Antonín Dvořák, 1870 uraufgeführt, aber heute kaum bekannt. Immerhin gibt es eine Aufnahme des Tschechischen Rundfunks aus Prag von einer konzertanten Aufführung 2014, hier. Der englische König aus dem 9. Jh. interessierte Weber aber weiter. Nachdem er es aufgegeben hatte, Körners Libretto zu vertonen, er setzte sich wiederum mit Gubitz auseinander, doch über die Frage einer Ouvertüre mit Gesang entzweiten sie sich. Weber wollte das partout nicht. Für ihn gehörte die Ouvertüre ganz dem Orchester. Noch in Prag fasste er den Plan, eine Tannhäuser-Oper zu schreiben, zu der Clemens von Brentano das Libretto schreiben sollte. Fast zwanzig Jahre nach Webers Tod kam in Dresden Richard Wagners Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg heraus, der vieles von dem, was Weber für die Oper erfunden hatte, weiterführte.

Mit Winkler, den er zur gleichen Zeit wie Kind in Dresden kennenlernte, plante er schon 1817 eine Oper, von der wir aber das Sujet nicht kennen. Die drei Pintos kann es noch nicht gewesen sein, denn die Novelle erschien erst 1819. Auch gleich am Anfang seiner Dresdner Tätigkeit kam man überein, dass er eine itaienische Oper schreiben sollte. Davon ist nichts bekannt, es sei denn, man nimmt die »Festa teatrale«, eine Hochzeitsoper, L'Accoglienza dafür, die bereits im September 1817 aufgeführt wurde und inzwischen bereits in einer kritischen Ausgabe vorliegt. Von einer Aufnahme ist mir allerdings nichts bekannt. Eine deustche Hochzeitsoper mit dem Titel Alcindor, die 1819 auf einen Text von Friedrich Kind geplant war, kam nicht zustande. Kind veröffentlichte den Text später, vertont worden ist er allerdings wohl nie. Die nächsten beiden unausgeführten Projekte gingen um Sujets, die wir sehr wohl aus der Oper kennen, aber eben nicht von Weber. Der Cid, ein Libretto von Kind lehnte Weber ab, weil gerade in dem Jahr 1821 zwei Opern nach diesem Stoff erschienen waren. Vertonungen der Tragödie von Pierre Corneille gab es schon im 18. Jahrhundert. Die bekannteste Oper Le Cid stammt von Jules Massenet und wurde 1885 uraufgeführt. Auch vom deutschen Komponisten Peter Cornelius (1824–1874) gibt es Der Cid. 1993 wurde sie konzertant im Berliner Konzerthaus von Gustav Kuhn mit Robert Schunk in der Titelpartie aufgeführt. Leider hat wohl niemand auf den Aufnahmeknopf gedrückt bei der Übertragung durch den Deutschlandfunk. Bei YouTube ist das Konzert nicht zu finden. Das Libretto Belisar hat Ludwig Rellstab, nachdem es 1821 mit Weber nichts wurde, nach eigenem Bekunden 1825 auch Ludwig van Beethoven angeboten, doch auch daraus wurde nichts. Den Stoff hat hingegen Gaetano Donizetti 1835 mit einem Libretto von Salvatore Cammarano vertont. Auch Allucius, das Libretto, das Rellstab Weber 1822 anbot, vertonte Weber nicht. Rellstab sagt, er habe einfach keine Zait dafür gehabt. Ein Projekt von 1825, das Weber mit Pius Alexander Wolff (für dessen Preciosa er die Bühnenmusik geschrieben hatte) vereinbarte, von dem wir aber auch nicht genau wissen, welchen Stoff es bearbeitete, wollte er nach Abschluss des Oberon angehen. Dazu kam es bekanntermaßen nicht. Dass Weber auch eine Opéra für Paris schreiben sollte, ist bezeugt, allerdings ist er da wohl einem Hinweis des französischen Gesandten Ferdinand de Cussy auf den Leim gegangen. Dessen Kollege Auguste Désaugiers (1767–1841) hatte La colère d'Achille der Opéra bereits drei Mal erfolglos angeboten. Ob das dann etwas geworden wäre, wenn Weber es wirklich komponiert hätte, sei dahingestellt.

Nun aber endlich zu Die drei Pintos: Don Pinto da Fonseca (Bass) soll in Madrid Clarissa (Sopran) heiraten, die Tochter eines Freundes seines Vaters, des Don Pantaleone (Bass). Auf dem Weg gerät er in die Abschiedssauferei des Studenten Gaston (Tenor), der von Salamanca nach Madrid umzieht. Inez, die Wirtstochter (Sopran), sorgt mit dafür, dass sich Don Pinto ordentlich betrinkt. Am Ende wird er von Gaston seiner Papiere beraubt. Der macht sich nun als »Don Pinto« auf nach Madrid, um dort Clarissa zu heiraten. * Don Pantaleone verkündet die bevorstehende Hochzeit seiner Tochter. Die jedoch ist verzweifelt, denn sie liebt Don Gomez (Tenor), der sich wegen eines verbotenen Duells versteckt halten muss. Sie treffen sich dennoch und er schwört, den ungebetenen Freier mit dem Degen zu verjagen. * Die Hochzeit wird weiter vorbereitet. Gaston, der falsche Pinto, setzt sich mit Gomez ins Benehmen und rät ihm, sich seinerseits jetzt als Pinto auszugeben. Gleichzeitig mit Pantaleone und Clarissa kommt auch der echte Pinto in den Saal. Aber er stellt sich so ungeschickt an, dass er wieder hinausgeworfen wird. Doppelhochzeit: Clarissa bekommt Gomez und Gaston nimmt Laura, Clarissas Dienerin.

Sieben musikalische Nummern zu Die drei Pintos hatte Weber komponiert, als er in London vor jetzt ziemlich genau 200 Jahren starb. Die Witwe Caroline musste nicht lange überlegen, wen sie bitten könnte, die Oper zu vollenden. Sie wandte sich an seinen Freund Giacomo Mesyerbeer, dem sie 1827 die Skizzen übergab. Der aber schreckte letztlich davor zurück und nach 20 Jahren Bedenkzeit gab er sie Webers Sohn zurück. Von ihm erbte sie der Enkel und der zeigte sie Gustav Mahler, dem jungen Dirigenten der Oper in Leipzig, der sich seinerseits vor allem für Webers Ehefrau interessierte. Aber für die Idee, das Werk Carl Maria von Webers zu vollenden, konnte er sich noch mehr begeistern. Er ordnete die Dramaturgie neu und suchte für die fehlenden Nummern Vorlagen im gesamten Œuvre von Weber. Werke von 1809 bis 1826 fanden so in die Partitur, die am 20. Januar 1888 in Leipzig zum ersten Mal aufgeführt wurde. Alles Musik, die bis heute nur dank Mahler überhaupt überlebt hat. Ich habe von keiner einzigen Vorlage eine Tonaufnahme gefunden. Schauspielmusiken, Lieder und sogar eine Nummer aus der Jubel-Kantate von 1818 sind dabei. 1976 wurde die Oper mit dem Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Gary Bertini für die Schallplatte aufgenommen, Lucia Popp, Werner Hollweg, Heinz Kruse, Hermann Prey und Kurt Moll sind unter den Solisten. Hier zu hören. 2003 Wurde die Oper in Wexford gespielt unter der Leitung von Paolo Arrivabeni. Davon gibt es diese Aufnahme, falls Sie Lust auf Abwechslung haben. Eine konzertante Aufführung unter der Leitung von Marek Janowski mit Klaus Geitel als Erzähler und Michaela Kaune als Clarissa wurde vom Rundfunk übertragen, aber nie veröffentlicht.

Die erste Unterbrechung an der Arbeit an den Drei Pintos erfolgte, nachdem Weber einen Auftrag des Kärtnertortheaters in Wien angenommen hatte. Auf der Suche nach einem Librettisten kam er auf ein Mitglied des Dresdner »Liederkreises«, die Lyrikerin Helmina von Chezy. Sie, die bisher noch kein Libretto geschrieben hatte, schlug zuerst eine Komödie von Calderón, die in Wien spielt, als Voralge vor, aber Weber wollte ein ernstes Thema. Daraufhin sprach Chezy u. a. die Geschichte von der schönen Magelone, Melusine und Euryanthe an. Letztere fand Webers Zustimmung, aber das Problem, dass er eine Librettistin ohne jede Erfahrung hatte, blieb und hat möglicherweise dazu beigetragen, dass trotz anfänglichen Erfolgen, die Oper heute kaum gespielt wird. Das Libretto wird nicht nur wegen seltsamer Formulierungen und logischer Unstimmigkeiten, sondern insgesamt von Theaterleitern für ungeeignet gehalten. Und darum geht es: Adolar (Tenor) versucht sich als Minnesänger für Euryanthe (Sopran). Lysiart (Bariton) liebt sie aber auch. Also wetten sie beide um ihre  Treue. ‖ Euryanthe verrät Eglantine (Sopran), dass Adolars Schwester Emma, die als Gespenst umgeht, sich aus Liebeskummer selbst vergiftet hat. Eglantine will sich mit diesem Wissen an Adolar rächen, der sie verschmäht hat. * Lysiart droht die Niederlage, da er Euryanthe nicht verführen konnte. Eglantine hat den Giftring aus Emmas Grab gestohlen. Wenn sie ihm hilft, damit Euryanthes Untreue zu beweisen, will er sie heiraten. ‖ Lysiart triumphiert: Euryanthes Schweigen zur Geschichte vom Giftring deuten alle als Schuldeingeständnis. Adolar verflucht sie. * Adolar will Euryanthe im Wald töten, doch eine Schlange greift ihn an und Euryanthe rettet ihn. Er lässt sie lebend zurück. Sie wird vom König (Bass) und seinem Gefolge gefunden. ‖ Adolar stellt Lysiart und Eglantine auf ihrem Hochzeitszug. Die Nachricht von Euryanthes Tod bringt Eglantine dazu, ihre Intrige zu gestehen. Lysiargt ersticht sie und wird dafür zum Tode verurteilt, aber Adolar bittet um Gnade für ihn. Euryanthe lebt und Adolar ist überzeugt, dass Emma durch das Leiden Euryanthes ewige Ruhe findet.

Von der Ouvertüre zu Euryanthe finden Sie eine große Zahl an Aufnahmen bei YouTube, wenn Sie ewas Besonderes suchen: Toscanini mit dem NBC-Orchester als Video, hier. Achten Sie, egal in welcher Aufnahme – hier ist es bei 03:50 –, auf die zwischenspielartige Streicher-Episode. Bei der Generalprobe soll da der Vorhang aufgegangen und eine Giftmischerszene gespielt worden sein – das erzählte uns der berühmte Dirigierlehrer Hans Swarowsky – dabei hätten aber Franz Schubert und seine Freunde so laut gelacht, dass man in der Premiere darauf verzichtet habe. Das konnte mir bisher kein Weber-Forscher bestätigen. Und es widerspricht auch der Geschichte von der Auseinandersetzung mit Gubitz um Alfred. Möglich wäre immerhin, dass Weber in sieben Jahren seine Meinung zu Ouvertüren geändert, oder aus lauter Verzweiflung über die unverständliche Handlung, einer solchen Maßnahme erst zugestimmt, sie dann aber zurückgezogen hätte.

Euryanthe wird selten gespielt – kaum verständlich ist, dass nicht ein einziges deutsches Opernhaus die Oper im Weber-Jahr 2026 auf den Spielplan gesetzt hat. Aber es ist schon schwer, sich dafür zu entscheiden. Will man Weber spielen, so ist Der Freischütz gesetzt, den Titel kennt jeder, da wird man auch Leute begeistern können, die sich nicht alles in der Oper anschauen. Will man eine exemplarische deutsche romantische Oper zeigen, dann ist Lohengrin naheliegender. Wagner hat fast alles von Weber übernommen – mit Ausnahme der in vielen Teilen wenig plausiblen Handlung. Also die Welterfolge Freischütz und Lohengrin machen es der Euryanthe schwer.

Die Referenz-Aufnahme erfolgte 1974 in Dresden. Unter der Leitung von Marek Janowski sang ein internationales Ensemble, darunter Jessye Norman, Rita Hunter, Nicolai Gedda, Tom Krause und Siegfried Vogel, hier zu hören. 1954 unternahm Kurt Honolka eine Neubearbeitung, die mit Trude Eipperle, Wolfgang Windgassen und Gustav Neidlinger unter der Leitung von Ferdinand Leitner an der  Württembergischen Staatsoper Stuttgart ein Riesenerfolg wurde. Vom Rundfunk mit allen Hustern übertragen, hier. Auf das Giftring-Motiv verzichtete er vollständig und führte – wie schon französische Bearbeitungen des 19. Jahrhunderts – als Beweis für Euryanthes Untreue die Beschreibung eines Leberflecks unter ihrer Brust wieder ein. So war es auch in den literarischen Vorlagen aus dem 13. und 16. Jahrhundert. Zum Leberfleck kam noch die Beschreibung des Schlafgemachs und ein entwendetes Armband, Motive aus Shakespeare CymbelineEuryanthe gibt es aber auch szenisch (jetzt wieder in der originalen Gestalt von Weber): eine Aufführung der Bard Summerscape Opera 2014 hier.

Ist Oberon überhaupt eine Oper? Die Frage ist berechtigt, wenn man davon ausgeht, dass nichts außer Der Ring des Nibelungen und allenfalls noch Wozzeck oder Der Rosenkavalier und natürlich die Opern Mozarts es wert seien, auf einer Opernbühne gespielt zu werden. Also aus einer extrem germanozentrischen Sicht. Oberon ist nämlich eine englische Opera, ein Bühnenspektakel, dem Kintopp näher als Schiller und Goethe. 16 Bilder werden aufgefahren. Und die sind auch nicht ordentlich von einander getrennt durch eine kleine Pause in der vor verschlossenem Vorhang umgebaut wird. Die Verwandlungen passieren währen der Dialoge oder auch während der Musik – was in London auch schon zu Händels Zeiten gang und gäbe war. Gut, da gab es keine Dialoge, sondern Rezitative, aber Bühnenspektakel war auch schon wesentlich für den Erfolg. Der Elfenkönig Oberon ist natürlich derselbe, den wir aus Shakespeares Midnight's Dream kennen. Seine Streitigkeiten mit der Gattin Titania sind die gleichen, wie auch sein dienstbarer Geist Puck der gleiche ist. Unter dem Titel Oberon hatte aber seit 1780 »Ein Gedicht in vierzehn Gesängen« die Welt erobert. Zuerst anponym erschienen, war inzwischen der Verfasser auch eine bekannte Persönlichkeit, Christoph Martin Wieland. Die vierzehn Gesänge schmücken die Geschichte von Huon de Bordeaux aus, die in einer »Chanson de geste« Ende des 13., Anfang des 14. Jahrhunderts aufgezeichnet wurden. Dort gib es einen Zwerg Auberon, der Übernatürliches geschehen lässt. Wieland macht daraus den Oberon Shakespeares. Goethe ließ sich zu einigen Szenen im Faust II durch Wieland inspirieren. Und vor allem Die Zauberflöte ist ohne Oberon und die auch von Wieland herausgegebene Märchensammlung Dschinnistan nicht denkbar.

Eine Oper Oberon, König der Elfen gab es schon 1789, also vor der endgültigen Ausgabe Wielands 1796. Sie war die erste der Zauberopern, die im Freihaustheater auf der Wieden unter der Leitung von Schikaneder in Wien aufgeführt wurde, deren berühmteste Die Zauberflöte von Mozart ist. Der Komponist war Paul Wranitzky, dem wir hier schon öfter begegnet sind. Hier ist die Oper zu hören.

Zurück zu Weber: Oberon (Tenor) will nicht mehr mit seiner Gattin Titania (stumme Rolle) verkehren, bis ein Paar gefunden ist, das sich auch in äußerster Gefahr treu bleibt. ‖ Puck (Mezzosopran) schlägt Hüon von Bordeaux (Tenor) vor und lässt Reiza (Sopran), Hüon und Scherasmin (Bariton) erscheinen. Reiza glaubt gern, dass Hüon zu ihrer Befreiung kommt. Der erhält von Puck ein Zauberhorn. ‖ Scherasmin und Hüon geraten in Bagdad in Streitigkeiten und flüchten in die Hütte Namounas (Sprechrolle), von der sie erfahren, dass Reiza morgen Babekan (Sprechrolle) das Jawort geben soll, dies aber nicht will. ‖ Reiza kann nicht aus dem Harem fliehen. * Die Hochzeit mit Babekan ist vorbereitet, doch Hüon dringt in den Palast ein und erschlägt diesen. Mit dem Zauberhorn versetzt er die Gesellschaft in Starre und bereitet die Flucht mit Reiza, Fatime und Scherasmin vor. ‖ Oberon lässt vor ihnen den Hafen von Askalon erstehen, von wo aus sie fliehen. ‖ Reiza gerät in die Hände von Seeräubern, die Hüon überwältigen. ‖ Fatime und Scherasmin werden als Sklaven nach Tunis verkauft. * Hüon wird von Puck nach Algier entrückt, wo er erfährt, dass der Emir (Sprechrolle) eine weitere Sklavin gekauft hat, allem Anschein nach ist es Reiza. ‖ Roshana (Sprechrolle) verlangt von ihm, den Emir zu töten. Der Plan fliegt auf und Roshana und Hüon werden zum Tod verurteilt. ‖ Das Zauberhorn zwingt den Emir und seinen Hofstaat zum Tanzen, die vier sind gerettet. ‖ Oberon ist versöhnt und versetzt Hüon und Reiza an den Hof Charlemagnes (stumme Rolle).

Das Stichwort Kintopp ist schon gefallen. Und tatsächlich es gibt einen DEFA-Film von 1962. Erich Geiger, einst Chefdramaturg und Spielleiter bei Walter Felsenstein an der Komischen Oper, richtete Oberon neu ein. Sein offenbar für das DDR-Fernsehen vorgesehener Film war aber so unangepasst wie die vorher (La Bohème, Gianni Schicchi, Carmen, alle nach seinen Inszenierungen an der Komischen Oper), und der ebenfalls 1962 erschienene Spielfilm Meine Mutter ist Lucy Lane, dass er Hausverbot bekam und schließlich, nachdem er zu einer Beerdigung nach Westdeutschland gereist war, DDR-Einreiseverbot. Die Oper ist für den Film stark gekürzt auf etwa 1½ Stunden, Ingeborg Wenglor und Martin Ritzmann sind als Reiza (die hier natürlich Rezia heißt) und Hüon zu sehen und zu hören, Heinz Fricke dirigiert die Staatskapelle. Hier zu sehen. An der Berliner Staatsoper gab es Oberon erst 1976 zu sehen. An der Städtischen Oper gab es schon 1955 eine Inszenierung – auch Ost-Berlinern zugänglich – und dann wieder an der Deutschen Oper Berlin 1986 zum Weber-Jahr, nur für Rentner aus Ostberlin zugägnlich.

Eine modernere und vollständigere Variante gefällig: Hier ist die Inszenierung des Puppenspielers Nikolaus Habjan aus München mit Annette Dasch und Brenden Gunnell als Rezia (deutsch) und Hüon. Sie wundern sich? Wo bleibt die Ouvertüre? Sie kommt nach etwa zehneinhalb Minuten und führt u. a. die Puppen ins Spiel ein. Eine weitere Umstellung gibt es mit der Kavatine der Rezia Nr. 18, die nach dem Rondo Hüons Nr. 19 gespielt wird. Der umfangreiche gesprochene Text klingt original (Theodor Hell hatte ihn damals aus de Englischen des Planché ins Deutsche übersetzt), bestht aber in wesentlichen Teilen aus Zitaten von Wieland und Shakespeare (in ebenfalls historischen Übersetzungen). Für möglichst originale Klangsprache sorgte im Prinzregenten Theater mit dem Orchester der Bayerischen Staatsoper Ivor Bolton. Sehr sehens- und hörenswert. Aber man braucht Zeit dafür, fast doppelt so viel wie für den DEFA-Film, 2 Stunden und 50 Minuten. Wer noch Lust hat auf eine historische Rundfunkproduktion, hier vom Reichssender Berlin 1936 oder 1937, stark hegürzt. Margarete Teschemacher, Helge Rosvaenge, Karl Schmitt-Walter und Walther Ludwig sind unter den Solisten, doch ob Joseph Keilberth oder Hans Rosbaud der Dirigent ist, ist nicht so ganz klar, die Angaben widersprechen sich.

Mehr am Mittwoch in der Alten Feuerwache, Ihr
Curt A. Roesler 

 

 

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