Die Frage, die beim letzten Weber-Abend aufkam, ist in der Tat eine sehr alte. Es ist der Generationenkomflikt, der schon bei Mattheson im 18. Jahrhundert seine Spuren hinterlassen hat, und der seit etwa einhundert Jahren die ewig gleichen Diskussionen hervorruft. Mattheson liegt allerdings noch ganz auf der Linie des Sokrates, der die Jugend ändern möchte. Dass man sich, um erfolgreich zu sein, der Jugend anpassen müsse, ist ein neuerer Gedanke, der sich in den letzten hundert Jahren verbreitet hat. Und zu Verrenkungen unter den Opernschaffenden geführt hat, die manchmal Erstaunen lassen. Und wenn alles Bestreben danach geht, ein besonders junges Publikum anzusprechen, dann kann einiges schiefgehen. Allerdings: ältere Besucher sind oft toleranter. So manch einer hat mir gesagt: »Ich mache einfach die Augen zu.«
Man sollte sich von dem Gedanken frei machen, dass Oper etwas für buchstäblich jeden sei. Auch Fußball (aktuelles Beispiel) ist nichts für jeden. Statistiker sollen herausgefunden haben, dass 35 bis 42 Prozent der Bevölkerung sich gar nichts aus Fußball macht. Das würde bedeuten, dass 58 bis 65 Prozent gelegentlich, häufig oder immer Fußball gucken. Und die Leute, die wirklich ins Stadion gehen, sind deutlich weniger. Man kann Statistiken der Theater mit Statistiken der Bundesliga vergleichen. Dann sieht es gar nicht so schlecht aus für die Theater und Opernhäuser. Allerdings wird sich kaum etwas anderes ergeben, als dass Oper eher etwas für »höhere« Bildungsgrade und Fußball eher etwas für »niedrigere« ist, in beiden Fangemeinden aber alles vorhanden ist, also beides etwas »für alle« ist.
Das ist alles Gegenstand der Diskussionen, denen ich seit über vierzig Jahren gegenüber stehe. Ein gesellschaftlicher Aspekt allerdings ist mir erst durch den Beitrag von Hein Mulders, dem Intendanten der Kölner Oper, in diesem Podcast wieder besonders klar geworden: es ist von Stadt zu Stadt ganz unterschiedlich. Axel Brüggemann, ein Journalist, der seit Jahren mehr Inszenierungen für die Jungen fordert – und sich selbst damit auch schon versucht hat –, stellt ihm die üblichen Fragen. Mulders berihtet von seinen Erfahrungen in Essen, wo er vorher war, und in Köln, wo er jetzt die Zeit der Renovierung sehr erfolgreich absolviert hat. Und jetzt auf mindestens fünf Jahre im neuen Haus ausschauen kann. Die Kölner sind deutlich diverser als die Essener, und so ist das Publikum. Und noch eine Legende zerpflückt er: man bekommt nich mehr junges Publikum, wenn man radikal mit Traditionen bricht, im Gegenteil. Für Experimente lassen sich eher die Älteren, Erfahreneren begeistern. Junge mögen es durchaus etwas weniger radikal.
Heute findet in Braunschweig die Jahrespressekonferenz des neuen Intendanten statt, ab heute abend wird man folglich die Premieren der folgenden Spielzeit im Internet finden können. Ich werde sie dann auch in meine Zusammenstellung eintragen, die sie hier rechts anklicken können. Aktuell fehlt außerdem noch Annaberg-Buchholz, Bonn, Brandenburg und Coburg.
Für unseren Herbst-Kurs, zu dem man sich bereits anmelden kann, habe ich folgenden Vorschlag:
Zu der Frage Peter van Pels, Uraufführung in Osnabrück: die Premiere ist am 19. September, die letzte Vorstellung am 18. Dezember. Sie sehen, am Anfang haben wir wenig Zeit. Also ich will mich dem keineswegs verweigern, aber ich habe einen Blick in die Partitur von Anno Schreier werfen können. Und mein Eindruck ist: diese Musik bedarf nicht unbedingt eingehender Erklärung. Wenn man sich ein wenig mit der Thematik befasst – im Anne Frank Zentrum ist mit Sicherheit Einschlägiges zu finden – ist man schon gut vorbereitet. Aber Wünsche sind mit immer sehr willkommen. Sparen Sie nicht damit.
Herzlich grüßt,
Ihr Curt A. Roesler
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