Die letzten beiden Abende sind den Opern und Singspielen Webers vorbehalten. Selbstverständlich werden nicht alle zehn gleich viel Gewicht erhalten. Die erste, schon 1799 als Schülerarbeit in München verfasst, ist verschollen. Die Partitur soll verbrannt sein im Hause seines Lehrers Johann Nepomuk Kalcher, wo seltsamerweise nur gerade die Kiste den Flammen zum Opfer fiel, in der die Manuskripte Webers aufbewahrt waren. Auch die vierte, Rübezahl, ist bis auf die Ouvertüre, in einer vom Komponisten umgearbeiteten Form, verschollen. Die zweite, Das (stumme) Waldmädchen, 1800 in Freiberg uraufgeführt, hat er später zu Silvana umgeschrieben. Da kann also einiges zusammengefasst werden. Abu Hassan (1811) ist ein Einakter, kann dementsprechend in weniger als 18 Minuten abgehandelt werden. Die drei Pintos blieben unvollendet; es gibt eine spielbare Fassung von Gustav Mahler, aber auch da werden wir vielleicht nicht ganz so tief eintauchen. Dem Freischütz haben wir vor eineinhalb Jahren in den Zehlendorfer Operngesprächen einen ganzen Abend gewidmet, hier der Text dazu; da kann ich mich vielleicht auch etwas kürzer fassen. Mein Vorschlag: der 4. Abend deckt alles von den Anfängen bis zum Sensationserfolg Freischütz ab, am 5. kommt alles, was er danach noch komponiert hat. So haben wir nächste Woche etwas mehr Zeit für die beiden unterschätzten Meisterwerke Euryanthe und Oberon, denn sie müssen sich den Platz nur mit den Drei Pintos streiten.
Die Macht der Liebe und des Weins also ist verloren – bis vielleicht auf eine Melodie. Worum es in dem Singspiel ging, ist nicht mehr zu ermitteln. In den Sechs Variationen über ein Originalthema op. 2 steckt vielleicht ein Lied aus siner ersten Oper. Hier mit Noten. Ob eine Arie der Fatime aus Abu Hassan ebenfalls ursprünglich für Die Macht der Liebe und des Weins komponiert wurde, ist eine noch schwerer zu überprüfende Vermutung.
Die erste Oper, über die wir sprechen können, ist Das Waldmädchen, das Weber mit kaum 14 Jahren für Freiberg in Sachsen schrieb. Der Titel wird manchmal ergänzt und damit wird die Titelpartie genauer umschrieben: Das stumme Waldmädchen. Oder auch Das Waldmädchen aus dem Spessart. Dieser Titel wurde in Wien gewählt, um Verwechslungen mit der Vorlage zu vermeiden. Die Vorlage Das Waldmädchen war ein Ballett, das am kaiserlichen Kärtnertortheater am 23. September 1796 zur Uraufführung gekommen war. Da hatte der Ritter von Steinsberg den Stoff kennengelernt und danach für Weber in Freiberg ein Libretto geschrieben. Die Musik zu dem Ballett stammte von Paul Wranitzky, der seit 1789 im Freihaustheater auf der Wieden mit Volkstümlichen Opern den Weg für Mozarts Zauberflöte bereitete. Die Musik schlug offenbar so ein, dass Beethoven, der seine Studien bei Haydn, Albrechtsberger und Salieri beendet hatte und 1795 erstmals als Pianist in Erscheinung getreten war, einen russischen Tanz daraus zur Grundlage eines Variationenwerks machte, hier gespielt von Cécile Ousset und mit Noten. Das ganze Ballett ist vom Tschechischen Kammerorchester auf CD aufgenommen worden, hier ist es, der russische Tanz steht bei 53:32.
Lange galt Webers Partitur des Waldmädchens als verloren, aber man hatte ja Silvana, die zweite Fassung des Singspiels. Um 2000 tauchte aber das Aufführungsmaterial in St. Petersburg im Archiv des Mariinski-Theaters auf. Der Graf von Steinsberg hatte es dorthin gebracht. 2010 wurde es in St., Petersburg konzertant aufgeführt und 2015 wurde die Produktion vom Stadttheater in Freiberg eingeladen. Vermutlich ist eine der beiden dortigen Aufführungen auch vom Rundfunk übertragen worden, aber ich habe nicht aufgepasst und deswegen jetzt keine Aufnahme zur Verfügung. Sie müssen sich also bis Silvana gedulden.
Bei Peter Schmoll (und seine Nachbarn) – der Zusatz kam später hinzu – haben wir sogar eine Auswahl bei der Tonaufnahme. Ich habe mich für diese vom ORF entschieden, es dirigiert Roberto Paternostro, Paul Armin Edelmann (der Bruder von Peter Edelmann, der längere Zeit an der Deutsche Oper Berlin wirkte) singt die Titelpartie. Da und dort kann man im Peter Schmoll durchaus schon den Freischütz ahnen, etwa in der ausgiebigen Verwendung des Horns im Orchester, oder darin, dass die Handlung nach einem Krieg beginnt. Allerdings sind es hier die gegenwärtigen napoleonischen Kriege und nicht der historische Dreißigjährige Krieg. Der reiche Peter Schmoll hat sich mit seiner Nichte Minette nach Holland gerettet. Sie hat ihren Vater verloren und auch ihr Verlobter Karl ist nicht zurückgekehrt. Peter macht sich Hoffnungen, seine Nichte heiraten zu können und ihre gute Laune missversteht er als Einverständnis. Sie aber freut sich, weil sie davon gehört hat, dass Karl wieder aufgetaucht sei. Der ist ihnen zusammen mit Peters Bruder Martin auf der Spur. Die Verliebten werden von Peter entdeckt und er tobt vor Eifersucht. Doch Martin kann ihn davon überzeugen, dass Karl viel besser zu Minette passt, als er. Die traditionelle Doppelhochzeit am Ende kommt dadurch zustande, dass der Nachbar Niklas inzwischen mit der Köchin ins Einvernehmen gekommen ist.
Die Gestalt des Rübezahl wurde – wie auch u. a. Faust ud Till Eulenspiegel – in der Zeit von Reformation und Gegenreformation populär. Der Respekt für das Unerklärliche sollte die Schäfchen zusammenhalten. Hexen und Zauberer faszinierten, besonders wenn man sie auf Distanz halten konnte. Die Wahl des Stoffs weist Weber als einen Komponisten auf dem Weg zur Romantik aus. Interessant wäre es natürlich, diese Oper zu haben, um den Weg nachzuzeichnen, aber sie ist wie gesagt verloren bis auf die Ouvertüre. Von den zahlreichen Aufnahmen habe ich Ernest Ansermet mit dem Orchestre de la Suisse Romande ausgewählt. Die Nähe zu den Sinfonien ist unverkennbar, aber man mag da und dort auch schon Stimmungen erkennen, die für den mehr als zehn Jahre später begonnenen Freischütz bestimmend wurden.
Das Waldmädchen, das so ein großer Erfolg war, wollte Weber auch in Stuttgart zeigen, obwohl er da keine entsprechende Stellung hatte. Der Hofkapellmeister Franz Danzi (Vogler-Schüler wie Weber, aber ältere Generation, 1763 geboren und gestorben wie Weber 1826) stand dem Unternehmen aufgeschlossen gegenüber und ermutigte Weber zur Neufassung. Das Libretto überarbeitete der Maler und Hofschauspieler Franz Carl Hiemer (1768–1822). Der Entstehungsprozess zog sich dahin und eine Aufführungsmöglichkeit hatte sich noch nicht ergeben, als Weber 1810 Württemberg verlassen musste. Die fertige Oper, die nun Silvana hieß, hatte er im Gepäck, als er statt nach Mannheim, wo er seinen Vater treffen wollte, zuerst nach Frankfurt fuhr. Dort kam sie zur Uraufführung mit Caroline Brandt in der Titelpartie, die er später als Schauspielerin/Sängerin nach Prag holte und heiratete, als er nach Dresden zog.
Silvana dirigierte Weber 1812 auch in Berlin und je nachdem, wie man die Geschichte der deutschen romantischen Oper erzählt, ist diese Aufführung eine frühe Station darin. Alles was Romantik ausmacht, ist darin schon enthalten: geraubtes und unter falschem Namen aufgezogenes Kind, Familienfehde, Naturschilderungen. Ernani, Il trovatore und La forza del destino – und ihre lliterarischen Vorlagen – bauen auf die gleichen Elemente auf. Der stummen Tielpartie stehen vier große und fünf kleinere Gesangspartien gegenüber. Daneben kommen Damen- und Herrenchor, sowie mindestens vier Sprechrollen zum Einsatz. Es ist nicht ganz einfach, dem Handlungsfaden zu folgen und logische Abläufe zu finden, es ist halt eine Oper. Aber der Schlaftrunk, der Silvana verabreicht wird, um sie zu entführen, hat doch eine Wirkung wie K.O.-Tropfen und die Familienfehden setzen sich heute in Clan-Kriminaliät fort. Wo bleibt die Inzenierung an einem großen Opernhaus im Weber-Jahr? Ich finde nur die Landesbühnen Sachsen, wo Hinrich Horstkotte inszenierte. Es gibt noch am 5. Juni in Bad Elster und am 7. Juni in Radebeul (nur noch Restkarten) eine Aufführung.
Graf Adelhart (Bass) hatte einst zwei Töchter, Mechthilde (Sopran) und Ottilie. Mechthilde ist heimlich mit Albert von Cleeburg (Tenor) verlobt. Doch dessen Vater hatte einst Ottilie geraubt, deshalb sind die Familien verfehdet, und für Adelhart kommt eine Heirat nicht in Frage. Er hat Mechthilde daher offiziell mit dem Grafen Rudolph von Helfenstein (Tenor) verlobt. Die Oper beginnt mit einer Bärenjagd. Die Jäger Adelharts erlegen im Wald nicht nur einen Bären, sie finden auch ein stummes Mädchen, Silvana. Rudolph verliebt sich, und da das Mädchen nicht freiwillig mitkommt verabreicht er ihr einen Schlaftrunk. Im zweiten Akt sind wir auf dem Schloss Adelharts, dem seine Tochter Mechthild ordentlich Widerstand leistet und sich noch einmal mit Albert trifft. Die entführte Silvana wacht auf und tanzt vor dem Spiegel. Rudolph freut es, zu erfahren, dass Mechthilde einen Geliebten hat, denn so ist er frei für Silvana. Beim Turnier gewinnt ein fremder Ritter, es ist Albert von Cleeburg, der nun offiziell um Mechthildes Hand anhält. Natürlich wird er mit seinem ganzen Gefolge verjagt. Im dritten Akt treffen sie auf Ulrich, einen ehemaligen Bediensteten von Alberts Vater, der die geraubte Ottilie im Wald töten sollte. Stattdessen zog er sie in der Wildnis auf und verbot ihr zu sprechen. Nun ist er auf der Suche nach ihr. Auf dem Schloss indessen steigert sich Adelhart immer mehr in Rachefantasien und will Albert und Silvana töten. Nur Mechthild und Rudolph widersetzen sich ihm. »Ihr tötet euer Kind« schleudert ihm Albert entgegen, als er dennoch zum Schlag ausholt. Ein Muttermal identifiziert Silvana als Ottilie. Ulrich löst das Sprechverbot. Rudolph kann Ottilie/Silvana heiraten und Albert Mechthilde. Doppelhochzeit. Hier ist die Aufnahme der Oper von Ulf Schirmer mit Michaela Kaune (Mechthilde), Jörg Schörner (Albert) und Detlef Roth (Adelhart). Dieser Aufnahme liegt die Fassung von 1810 zugrunde.
1885 haben Ferdinand Langer und Ernest Pasqué eine eigene vieraktige Fassung herausgegeben, in der »Die Sage« als Erzähler dazu kommt und in der Silvana ein Sopran ist (stumme Hauptrollen sind halt schwierig) und in der sie von einem Gericht zum Tode verurteilt wird (eine Vaterfigur als Mörder ist auch schwierig), die da und dort gespielt wurde. Die erste Aufführung in neuerer Zeit erfolgte 1996 in Hagen. Ihr lag die Fassung von 1812 zugrunde. Und auch diese Aufführung wurde auf CD veröffentlicht, hier.
Franz Carl Hiemer hatte noch ein anderes Libretto für Weber verfasst, das auch nicht mehr in Stuttgart zur Aufführung kommen konnte. »Geld, Geld, Geld!« mochte Weber von seinen Gläubigern in den Tagen oft gehört haben, so war es bestimmt keine Hexerei, den Text des Chors in Musik zu setzen. Auf seinen rastlosen Reisen komponierte er das Singspiel. Als es fertig war, fand er einen Großherzog, dem er es widmen konnte. Es war der von Darmstadt, der auch ein ordentliches Honorar dafür locker machte. Zu einer Uraufführung kam es dort allerdings nicht. Nach dem Konzert in der Residenzstadt, das die finanzielle Lage des Komponisten weiter aufbesserte musste er weiter ziehen. Er hatte ein Ziel: München, wo er sich mit dem Klarinettisten Heinrich Baermann treffen und vor dem Bayerischen König auftreten sollte. Dort wurde der Einakter Abu Hassan am 4. Juni im Residenztheater zum ersten Mal aufgeführt. Kurze Zeit danach erwirkte Hiemer auch eine Aufführung in Stuttgart, natürlich ohne Beteiligung Webers, denn er war auf Lebenszeit aus Württemberg verbannt.
Damit sind wir bei der ersten Oper von Weber, die bis heute regelmäßig gespielt wird; im Juli kann man sie im Schlosshof Sondershausen sehen. Bei einer familientauglichen Freilichtaufführung stellt sich die Frage nicht, die bei einem großen Opernhaus zuerst geklärt werden muss: reichen die gut 60 Minuten inklusive Dialog und anderem Beiwerk für einen kompletten Opernabend, oder muss noch etwas dazu? Kombinationen werden oft gemacht mit anderen Werken, die ein orientalisches Sujet haben, Zaide, das Fragment von Mozart, Djamileh von Bizet oder Scheherazade von Rimsky-Korsakow als Ballett. Aber wie wäre es denn, etwas aus dem 20. Jahrhundert dazuzunehmen, Romeo und Julia von Boris Blacher z. B. oder die »Opéras-Minutes« von Darius Milhaud.
Für Abu Hassan reichen drei Gesangssoli: Abu Hassan (Tenor), seine Gemahlin Fatime (Sopran) und Omar, ein Wechsler (Bass); der Kalif Harun al Raschid, seine Gemahlin Zobeide, deren Zofe Zemrud und der Wesir Mesrur – alles Sprechrollen. Allerdings: einen Chor braucht man für die Wechsler und das Gefolge des Kalifen. Die Geschichte vom aufgewachten Schläfer entstammt der Märchensammlung Tausendundeine Nacht. Als Vorlage diente Hiemer die stark bearbeitete französische Fassung von Antoine Galland (1646–1715), die zwischen 1704 und 1717 erschienen war. Abu Hassan, der Günstling des Kalifen ist wie immer (und wie Weber zur Zeit der Komposition auch) in Geldnöten. Mit Fatime fasst er den Plan durch eine wechselseitige Todesnachricht an den Kalifen und seine Frau Sterbegeld zu ergaunern. Omar, der in Fatime verliebt ist und auf Erhörung hofft, kann die Gläubiger gerade noch aufhalten. Fatime hat als erste kassiert und sperrt den zudringlichen Omar ein. Abu Hassan spielt den Eifersüchtigen. Noch bevor er das Kabinett aufbrechen kann, naht der Kalif, der wissen will, wer von den beiden denn nun eigentlich gestorben sei. Flugs stellen sich beide tot. Der Kalif stezt eine Belohnung für denjenigen aus, der ihm sagen könne, wer zuerst gestorben sei. Das weckt den toten Abu Hassan auf, der tatsächlich die Belohnung kassiert und auch die Verzeihung des Kalifen für sich und seine Gemahlin erlangt.
Eine Gesamtaufnahme der Musik verbreitete der Berliner Rundfunk im Dezember 1944. Elisabeth Schwarzkopf singt die Fatime, Erich Witte den Abu Hassan und Michael Bohnen den Omar, Leopold Ludwig dirigierte, alles »Gottbegnadete«. Diese Playlist umfasst am Ende auch einen Teil der Kantate Kampf und Sieg in der Aufnahme von 1954, endet allerdings lange vor dem fehlenden »Heil dir im Siegerkranz«. Einen Abu Hassan mit Dialog hören Sie hier, es dirigiert Wolfgang Sawallisch, es singen Edda Moser, Nicolai Gedda und Kurt Moll, den Kalifen spricht Peter Brand, Zobeide Heidi Forster und Zemrud Manuela Renard, der Wesir wurde eingespart. Eine Gesamtaufnahme der musikalischen Nummern inklusive von Wolfgang Völz gesprochenen Handlungsbeschreibungen hat die Cappella Coloniensis des WDR, die seit 1954 auf historische Aufführungspraxis spezialisiert ist, unter ihrem langjärhigen Leiter Bruno Weil aufgenommen. Hier, Johanna Stojkovic, Jörg Dürrmüller und Franz-Josef Selig singen die Hauptpartien.
Das also sind die Voraussetzungen für den Freischütz. Weiteres am Mittwoch in Zehlendorf,
Ihr Curt A. Roesler
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.