Montag, 2. März 2026

Attentat in der Oper

Opernhäuser und Theater scheinen Verbrechen anzuziehen – in der Fiktion wie in der Wirklichkeit. Die Taten ereignen sich vor, während oder nach der Vorstellung, auf oder hinter der Bühne, im Zuschauerraum oder am Bühnenausgang. Mindestens zwei Mal platzierte der »Tatort» bereits einen Mord in der Oper, 1981 auch unter diesem Titel in Wien und vor Kurzem als Die Schöpfung in Köln. An einer Treppe am Bühnenausgang des ehemaligen Deutschen Opernhauses in der Charlottenburger Bismarckstraße schoss am 23. OKtober 1932 der verlassene Ehemann von Gertrud Bindernagel diese nieder; sie starb im Krankenhaus Westend am 3. November an einer Lungenembolie. Drei Morde, die Weltgeschichte geschrieben haben: 

  • 16. März 1792, Stockholm, Königliches Opernhaus: Jacob Johan Anckarström als Teil einer Adelsverschwörung schießt bei einem Maskenball auf Gustav III. von Schweden, der stirbt 13 Tage später an einer Blutvergiftung.
  • 13. Februar 1820, Paris, Théâtre National de l'Opéra (Salle Montansier): Der Sattler Louis-Pierre Louvel sticht auf Charles-Ferdinand d'Artois, Duc de Berry, ein, der seine Frau zur Kutsche gebracht hatte und wieder in die Oper zurückkehren wollte. Der Duc de Berry (2. in der Thronfolge) stirbt am nächsten Tag. Das Theater wird abgerissen, die Zensur wird erheblich verschärft, der Karneval wird abgesagt, die Restauration schlägt voll durch bis zur Juli-Revolution 1830.
  • 14. April 1865, Washington, »Ford's Theatre« während der Vorstellung Our American Cousin: Der Schauspieler John Wilkes Booth verschafft sich Zugang zur Loge Abraham Lincolns und schießt ihm von hinten in den Kopf, Lincoln stirbt am nächsten Tag.

 Nur der Vollständigkeit halber: Auch das Attentat auf Abraham Lincoln ist inzwischen als Oper verarbeitet worden. Eric Sawyer komponierte Our American Cousin, uraufgeführt 2008 in Northampton MA. Die Oper ist sogar auf CD aufgenommen worden, und Sie können sie hier hören, wenn Sie wollen (Playlist).

Wir wollen uns hier Gustav III. zuwenden, seiner Bedeutung für die Musikgeschichte und den drei Opern, die das Attentat auf ihn zum Inhalt haben. Gustav wurde 1746 in Stockholm als Sohn des schwedischen Thronfolgers Adolf Friedrich und der Preußischen Prinzessin Luise Ulrike geboren. Er war also ein Neffe Friedrichs II. Mit ihm verband ihn u. a. die Liebe zur Oper. 1751 wurde sein Vater König. Als der am 12. Februar 1771 starb, war Gustav gerade in Paris. Ludwig XV. gab ihm den Rat, die gegnerischen Parteien am seinem Hof auszusöhnen. Das schien ihm nicht zu gelingen. 1772 beschränkte er in einem Staatsstreich die Macht der Adelspartei. Er modernisierte das Königreich, errichtete Arbeits- und Waisenhäuser, ordnete das Gesundheits- und das Finanzwesen und schränkte die Todesstrafe ein, indem er sie sich selbst vorbehielt. Er verhängte sie so gut wie nie, insbesondere nicht für Homosexualität, was ihm scharfe Kritik einbrachte. Er gründete die Schwedische Akademie und förderte die Künste, insbesondere die Musik. Die Aufführung der Oper Thetis och Pelée von Francesco Antonio Uttini am 18. Januar 1773 im Bollhuset gilt als Geburtsstunde der Schwedischen Oper. Hier singt Hillevi Martinpelto eine Arie daraus. Ab 1775 ließ er von Carl Fredrik Adelcrantz, der schon das Theater und das chinesische Schlösschen in Drottningholm gebaut hatte, am Gustav Adolfs Torg ein Opernhaus errichten. An der gleichen Stelle steht heute das 1898 fertiggestellte zweite Königliche Opernhaus. Die Eröffnung des ersten Opernhauses erfolgte am 30. September 1782 mit Cora och Alonzo von Johann Gottlieb Naumann. Hier auch daraus eine Arie, gesungen von Thomas Schuback. 1788 gründete Gustav zusätzlich das Königlich Dramatische Theater. 

1792 zettelte der pensionierte General Karl Fredrik Pechlin eine Verschwörung gegen den König an, an der sich u. a. die Grafen Adolph Ribbing und Clas Fredrik Horn, sowie Jacob Johan Anckarström anschlossen; drei Persönlichkeiten, die wir in den drei Opern, über die wir hier sprechen, wiederfinden. Durch Los wurde Anckarström bestimmt, das Attentat durchzuführen. Mit einer mit Schrot geladenen Pistole schoss er dem König auf einem Maskenball am 16. März in den Rücken. Der König war von einem reuigen Verschwörer gewarnt worde, schlug die Warnung aber in den Wind. Anders als wir es von der Oper Verdis kennen, erholte sich Gustav zuerst, starb aber am 29. März an einer Blutvergiftung. Und auch anders als in der Oper wurde Anckarström nicht begnadigt, sondern öffentlich ausgepeitscht und am 27. April hingerichtet. Gustaviana Elisabet Löwen, die Ehefrau Anckarströms, spielte vermutlich keine Rolle bei dem Attentat. Gustav kannte sie zweifellos, denn er interessierte sich für Finanzgeschäfte und die vermögende Löwen war hier unterwegs.

Am Tag der Aufbahrung in der Riddarsholmkirche, 13. April 1792, wurde dort die zu diesem Anlass geschriebene Symphonie funèbre von Joseph Martin Kraus aufgeführt. Kraus schrieb auch die Trauerkantate für die Beerdigung am 16. Mai (fragen Sie keine KI nach dem Beerdigungsdatum, da kommt der 29. März heraus). Beide Kompositionen können Sie hier mit Noten hören. Joseph Martin Kraus (1756–1792) lebte seit 1778 in Stockholm, wohin ihn ein Göttinger Kommilitone mitgenommen hatte. 1781 gelang ihm der Durchbruch mit der Oper Proserpin, uraufgeführt im Schlosstheater Confidencen im Schloss Ulriksdal. Eine zweite Oper, Æneas i Carthago, nach einer Idee von Gustav III. ab 1781 komponiert und ursprünglich zur Einweihung des Stockholmer Opernhauses bestimmt, kam erst posthum 1799 heraus. Lothar Zagrosek hat die Oper mit dem Stuttgarter Ensemble in deutscher Sprache aufgenommen (weit über drei Studen): Prolog und 1. Akt, 2. und 3. Akt, 4. und 5. Akt.

Die Juli-Revolution beendete an drei Tagen 1830 die reaktionäre Entwicklung der Bourbonenherrschaft Karls X. in Paris. Mit den »Juli-Ordonnanzen« hatte er die Pressezensur verschärft. Dem widersetzten sich die Zeitungen und es folgten die »Trois glorieuses«, die drei ruhmreichen Tage, innerhalb derer die Abgeordneten, von Karl X. entmachtet, sich für eine kontitutionelle Monarchie entschieden. Louis-Philippe von Orléans, kam an die Spitze dieser konstitutionellen Monarchie und nannte sich nicht mehr König Frankreichs, sondern König der Franzosen. Die Zensur, nicht nur die Pressezensur, wurde abgeschafft. Es folgten fünf Jahre Kunstfreiheit, wie sie vorher und nachher in Europa bis 1918 nicht mehr gesehen wurden. Victor Hugo veröffentlichte Notre-Dame de Paris, Le roi s'amuse, Lucrèce Borgia, Marie Tudor und Angélo, tyran de Padoue. Meyerbeer schrieb Robert le diable und Daniel François Esprit Auber Gustave III. ou Le bal masqué. Alles Theaterstücke und Opern, in denen Adlige moralisch zweifelhaft agierten oder als Tyrannen umgebracht wurden. Mit den Septembergesetzen wurde 1835 die Zensur wieder eingeführt und Opern wie Robert le diable oder Gustave III. wären nicht wieder möglich geworden. Les huguenots, gerade im Entstehen, wurden entsprechend verändert, die Rolle der Katharina von Medici musste z. B. entfernt werden. Die Septembergesetze folgten auf das Attentat auf Louis-Philippe am 28. Juli 1835. Mit ihnen wurde die Zensur – und nicht nur die Pressezensur – wiedereingeführt.

Eugène Scribe schrieb das Libretto zu Gustave III. ou Le bal masqué. Die Uraufführungsbesetzung vom 27. Februar 1833 wirkt wie eine Vorahnung auf Les huguenots (in Klammer die Rollen, die sie in dieser Premiere am 19. Februar 1836 sangen, oder Vergleichbares früher):

Adolphe Nourrit: Gustave III (Raoul de Nangis)
Nicolas-Prosper Levasseur: Ankastrom (Marcel)
Cornélie Falcon: Amélie (Valentine)
Julie Dorus-Gras: Oscar (Marguerite de Valois)
Louise-Zulmé Dabadie-Leroux: Arvedson (Jemmy in Guillaume Tell
Alexis Dupont: Ribbing (Tavannes)
Henri-Bernard Dabadie: Ribbing (Guillaume Tell)
Hyacinthe Trévaux: Le chambellan (Arbate in der 2. Fassung von Spontinis Olympie, 1826)
Ferdinand Prévost: Armfelt (Méru)
Pierre-François Wartel: Général Kaulbart (Thoré)
Jean-Étienne-Auguste Massol: Christian (Cossé)

Die fünf Akte des Librettos von Eugène Scribe werden bei Mercadante und Verdi zu jeweils drei Akten. Salvatore Cammarano wie Antonio Somma bilden die Struktur Scribes genau nach. Während Verdi, wie wir wissen, den ursprünglichen Schauplatz beibehalten wollte, von der Zensur aber daran gehindert wurde, haben das Cammarano und Mercadante gar nicht erst versucht. Von vornherein heißt der König dort Il conte Murray, Reggente di Scozia und Anckarström Il duca Hamilton, suo ministro. Amelia und Oscar behalten ihren Namen während die Wahrsagerin Meg genannt wird. Auch die beiden Verschwörer bekommen schottisch klingende Namen, Lord Howe und Kilkardy. Das Ganze soll sich 1570 zugetragen haben. Von beiden Alternativen zu Verdis Un ballo in maschera gibt es nur jeweils eine Tonaufnahme. Hier Gustave III ou Le bal masqué von Daniel-François-Esprit Auber, dirigiert von Michel Swierczewski mit Laurence Dale in der Titelpartie. Und hier Il reggente von Saverio Mercadante dirigiert von Bruno Martinotti mit Giorgio Merighi in der Titelpartie.

Am 14. Januar 1858 verübte der italienische Rechtsanwalt Felice Orsini, Mitglied des Geheimbundes der Carbonari, am Eingang der Pariser Oper ein Attentat auf Napoléon III., bei dem 156 Menschen verletzt wurden, nicht aber der Kaiser und seine Frau. In Neapel, der Hauptstadt des Königreichs Sizilien, die unter der strengsten Theaterzensur Europas zu leiden hatte, und wo zwei Jahre früher ebenfalls ein Anschlag auf den König versucht worden war, konnte also auf keinen Fall eine Oper gezeigt werden, in der ein König im Opernhaus umgebracht wird. Verdi zog die Oper zurück. Rom interessierte sich nun dafür. Verdi und sein Librettist Antonio Somma hatte die Handlung unter dem Titel Una vendetta in Domino schon ins Baltikum verlegt, aber auch das konnte in Neapel nicht gezeigt werden, die Zensur verlangte eine Rückversetzung ins Mittelalter. Auch für Rom musste das Libretto modifiziert werden. Man einigte sich auf die Rückversetzung um ein Jahrhundert und auf den amerikanischen Kontinent. Seither heißt Gustav III. Riccardo, conte di Warwick und ist Renato »ein Kreole«. Seit die Oper in Kopenhagen 1935 zum ersten Mal im schwedischen Setting gezeigt wurde, haben sich viele Regisseure dazu entschieden, den Königsmord von 1792 als Hintergrund zu wählen, auch wenn man heute eher selten Schnabelschuhe und Perücken sieht. In Stockholm gab es seit 1958 mehrere Produktionen, die sich an den Originalschauplatz hielten, hier eine von 1986 in schwedischer Sprache mit Nicolai Gedda als Gustav III. 2002 wurde in Göteborg eine Rekonstruktion der ursprünglichen Fassung Verdis (1858 in Neapel vor den Eingriffen der Zensur) versucht, von der hier eine Tonaufnahme (Playlist) zu finden ist.

1. Bild: Königlicher Palast – Auber: Acte premier; Mercadante: Atto primo »Il sortilegio«, Scene I–V; Verdi: Atto primo, scena prima

Auber: Ouverture, Introduction, Air Gustave, Récit et Chœur, Duo et Récit (Gustave, Ankastrom), Récit (Oscar, Gustave, Ankastrom), Premier Air de danse, Recit (Oscar, Gustave, Armfelt), Couplets et final – Mercadante: Sinfonia, N. 1 Introduzione (Coro, Cavatina Reggente, Duetto Hamilton/Reggente, Aria Oscar e Stretta) – Verdi: Preludio, Introduzione, Scena e sortita di Riccardo, Scena e cantabile di Renato, Scena e ballata Oscar, Stretta dell'introduzione

2. Bild: Wohnung der Wahrsagerin – Auber: Acte deuxième; Mercadante: Atto primo Scene VI–XI; Verdi Atto primo, Scena seconda

Auber: Entr'Acte, Couplets, Chœur et Scène (Arvedson, Gustave, Christian, le valet), Trio (Amélie, Arvedson, Gustave), Chœur et ronde (Oscar, Amélie, Arvedson, Gustave, Ribbing, Dehorn, Ankastrom), Scène et morceau d'ensemble (Oscar, Arvedson, Gustave, Ribbing, Dehorn, Ankastrom, Chœur), Final (Oscar, Arvedson, Gustave, Ribbing, Christian, Dehorn, Ankastrom, Chœur) – Mercadante: N. 2 Cavatina Meg (Meg Coro, Scoto, Reggente), N. 3 Cavatina Amelia (Amelia, Meg, Reggente), N. 4 Finale I (Oscar, Hamilton, Reggente, Meg, Howe, Kilkardy, Coro) – Verdi: Invocazione (Ulrica, Coro), Scena (Silvano, Ulrica, Riccardo, Coro),  Scena e Terzetto (Amelia, Ulrica, Riccardo, Coro) Scena e canzone (Samuel, Tom, Coro, Riccardo, Oscar), Scena e Quintetto (Ulrica, Oscar, Riccardo, Samuel, Tom, Coro), Scena ed Inno finale (Riccardo, Samuel, Tom, Coro, Oscar, Ulrica, Silvano, Renato)

3. Bild: Wilde Gegend – Auber: Acte troisième; Mercadante: Atto secondo »La dama velata«; Verdi: Atto secondo

Auber: Air (Amélie), Duo (Amélie, Gustave), Récit et Trio (Amélie, Gustave, Ankastrom) , Recit et final (Amélie, Ribbing, Dehorn, Ankastrom, Chœur) – Mercadante: N. 5 Duetto (Reggente, Amelia), Finale II (Kilkardy, Howe, Amelia, Hamilton, Coro) – Verdi: Perluduo, Scena ed Aria (Amelia), Duetto (Amelia, Riccardo), Scena e Terzetto (Amelia, Riccardo, Renato), Scena, Coro e quartetto, Finale secondo (Amelia, Renato, Samuel, Tom)

4. Bild: Zimmer im Haus Ankastroms / Hamiltons / Renatos – Auber: Acte quatrième; Mercadante: Atto terzo »Il ballo in maschera«, Scene I–IV; Verdi: Atto terzo, Scena prima

Auber: Duo (Amélie, Ankastrom), Cavatine (Amélie), Récit (Ankastrom), Trio (Le domestique, Ankastrom, Ribbing Dehorn), Ensemble (Amélie, Ankastrom, Ribbing, Denhorn), Récit (Amélie, Ankastrom), Quintetto (Amélie, Oscar, Ribbing, Dehorn, Ankastrom) – Mercadante: Duetto (Amelia, Hamilton), Aria (Hamilton) – Verdi: Scena ed Aria (Renato, Amelia), Scena ed Aria (Renato), Congiura-Terzetto-Quartetto (Renato, Tom, Samuel, Amelia), Scena e Quintetto, Renato, Oscar, Amelia, Samuel, Tom)

5. Bild: Galerie im Schloss / in der Residenz – Auber: Acte cinquième, Scène I-II; Mercadante (entfällt); Verdi: Atto terzo, Scena seconda

Auber: Air (Gustave), Récit (Gustave, Chambellan) – Verdi: Finale terzo (Anfang)

6. Bild: Maskenball – Auber: Acte cinquième, Scène III–V; Mercadante: Atto terzo Scena V bis Scena ultima; Verdi: Finale terzo (Schluss)

Auber: Chœur, 3 Airs de danse, 2 marches, Scène (Ribbing, Dehorn, Ankastrom), Couplets (Oscar), Chœur, Duo (Amélie, Gustave), Final – Mercadante: Coro (Coro, Oscar), Aria finale (Reggente) – Verdi: Finale terzo (Fortsetzung)

 Soviel für heute. Ich freue mich auf Mittwoch,
Ihr Curt A. Roesler

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