Sonntag, 11. Januar 2026

Semesterplan und Didone abbandonata

Am Mittwoch geht es schon wieder los in der Alten Feuerwache. Ich in sicher, dass die Raumtemperatur wieder auf einem hohen Niveau angekommen sein wird, aber für unterwegs sind wir ja sowieso gut angezogen, falls es noch es noch etwas frisch sein sollte. Da wir schon im Dezember ein wenig auf den neuen Kurs vorausgeblickt haben, braucht es keine ausführliche Übersicht mehr am ersten Abend. So bleibt mehr Zeit für Didone abbandonata. Hier zur Erinnerung der vorläufige Plan für die zehn Abende:

14. Januar: Didone abbandonata
Die Oper von Domenico Sarro wird noch am 22. Januar und am 7. März in Meiningen gespielt
21. Januar: Die Opern von Alfred Schnittke 
Ebenfalls am 7. März bringt Magdeburg seine frühe Oper Leben mit einem Idioten heraus (insgesamt 5 Vorstellungen bis 17. Mai)
28. Januar: Die Opern von Jean-Philippe Rameau 
Platée in Hagen (ab 24. Januar), Les Boréades in Karlsruhe (noch am 13. und 26. Februar sowie am 7. März!), außerdem gibt es Castor et Pollux in Genf und Graz
11. Februar: Dialogues des Carmélites 
Die Oper von Francis Poulenc gibt es ab 24. Januar in Karlsruhe, ab 31. Januar in Dresden, ab 7. Februar in Saarbrücken und ab 28. März in Flensburg, außerdem auch in Stuttgart, Kopenhagen und Prag
18. Februar: L‘italiana in Algeri 
Premiere in der Deutschen Oper Berlin ist am 8. März, außerdem gibt es gerade auch in Genf eine Neuinszenierung
25. Februar: Händel, Opern und Oratorien 
Die Oper Giulio Cesare (in Egitto) kommt am 25. April an der Deutschen Oper Belrin heraus, das Oratorium Belshazzar am 28. März an der Komischen Oper in meiner Spielzeitübersicht sind nicht weniger als 21 Neuproduktionen von Werken Händels aufgelistet, drei davon allerdings nur konzertant
4. März: Un ballo in maschera 
Bevor die Oper von Giuseppe Verdi am 29. März in der Staatsoper Unter den Linden neu herauskommt, gibt es am 8. März auch in Erfurt eine Premiere
18. März: Orlando 
Am 16. Mai kommt die 2019 in Wien uraufgeführte Oper von Olga Neuwirth an die Komische Oper, davor wird ab 1. Februar in Hamburg, und vom 8. März bis 12. April ihre neueste Oper Monster's Paradise gespielt, über die ich dann vielleicht schon berichten kann
25. März: Zar und Zimmermann 
Die letzte Premiere der Interims-Sielzeit an der Deutschen Oper Berlin kommt am 20. Juni heraus, Lortzings Oper wird aber auch in Leipzig (Musikalische Komödie) gespielt, wo es noch zwei weitere Lortzing-Premieren geben wird, Der Waffenschmied (Musikalische Komödie, 24. April) und Regina (Opernhaus, 25. April)
1. April: Die Entführung aus dem Serail
Premiere der Oper von Mozart am 27. Juni an der Staatsoper Unter den Linden

In Max-Reger-Archiv der Meininger Museen liegt eine Kopisten-Abschrift der Oper Didone abbandonata von Domenico Sarro (1679–1744). Dorthin gebracht hatte sie Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen (1687–1763), ein Enkel des viel berühmteren Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel (1633–1714). Sehr viel Zeit in Meiningen hat Anton Ulrich nicht verbracht. Früh ist in die Niederlande gezogen, wo er eine Hauptmannstochter heiratete. 1727 ist er nach Wien gereist, um beim Reichsgericht diese »morganatische« Ehe anerkennen zu lassen, ohne allerdings irgendwelche Rechte für seine zehn Kinder zu erlangen. Von 1725 bis 1745 hielt er sich regelmäßig in Wien auf. Er baute dort eine große Sammlung an gedruckten Opernlibretti und Partiturabschriften auf, die er ab 1729 der Meininger Sammlung einverleibte. Einige der Opern, die er in Wien kennengelernt hatte, wurden auch in Meiningen im kleoine Kreis für den Hof aufgeführt, so möglicherweise 1740 Didone abbandonata. Als Anton Ulrich 1743 nach langen Rechtsstreitigkeiten (bis 1746 auch nur zusammen mit seinem Halbbruder Friedrich Wilhelm) die Herzogwürde erlangte, zog er es vor, weitgehend in Frankfurt am Main zu residieren. Auch im »Wasunger Krieg« scheint er nicht vor Ort gewesen zu sein. Damit er nicht ohne Nachfolger bleibe, heiratete er ein zweites Mal, jetzt standesgemäß, und zeugte acht erbberechtigte Kinder. Mit seiner Schwester gründete er eine Kunst- und Naturaliensammlung. Die notwendigen Reformen im Herzogtum nahm dann seine zweite Gemahlin als Regentin für die minderjährigen Söhne Karl und Georg I. vor.

Schon 2005 gab es in Meiningen eine stark gekürzte konzertante Aufführung von Domenico Sarros Didone abbandonata. Ein Conférencier ersetzte Rezitative. Eine Rundfunkübertragung von damals existiert mit den Zwischentexten und hier ohne.

Domenico Sarro (auch die Schreibweisen Sarri oder Sarra werden verwendet) wurde am 24. Dezember 1679 in der apulischen Hafenstadt Trani (nördlich von Bari) geboren. Sehr früh kam er nach Neapel ans Conservatorio Sant'Onofrio. Ein Conservatorio ist eigentlich ein Waisenhaus, aber schon damals war es eine bedeutende Musik-Ausbildungsstätte. Es lehrten dort in der Zeit u. a. Alessandro Scarlatti, Nicola Porpora und Francesco Feo, die uns immer wieder als Komponisten von Libretti Pietro Metastasios begegnen. 1702 wurde ein geistliches Drama von Sarro aufgeführt, L'Opera d'amore, und 1704 wurde er Vizekapellmeister am Spanischen Hof. Eine Stellung, die er natürlich wieder verlor, als Neapel 1707 im spanischen Erbfolgekrieg an Österreich fiel. Kompositionsaufträge erhielt er aber weiterhin und ab 1718 schuf er in dichter Folge Opern für das Teatro San Bartolomeo und Serenaten für die verschiedenen Paläste Neapels. Ein erster Auftrag aus Mailand kam 1723, es reichte aber nur für ein Pasticcio, also eine Zusammenstellung von Arien, die für andere Opern komponiert worden waren. Denn da war er schon mit Pietro Metastasio an Didone abbandonata zugange. Den nachmals weltberühmten Librettisten hatte er 1720 kennengelernt und mit ihm bereits eine Serenata, Endimione, verfasst, die 1721 zur Uraufführung kam. Wie bei den allermeisten Libretti von Metastasio hat die erste Vertonung kaum überlebt. Heute kennt man, wenn überhaupt, eine Oper Endimione mit Text von Metastasio, dann die von Johann Christian Bach von 1772. Nach 1727 komponierte Sarro seltener Opern, einige, wie auch die allerletzte, Alessandro nelle Indie 1743, wiederum auf Texte von Metastasio, allerdings arbeitete er jetzt nicht mehr selbst mit dem Librettisten zusammen, sondern verwendete ein bestehendes Libretto. Seit 1729 war Metastasio Hofdichter in Wien und seine Opernlibretti wurden von den Wiener Hofkomponisten vertont, zunächst die meisten von Antonio Caldara.

Am Ende des 17. Jahrhunderts bildeten sich neue Operntraditionen heraus, die man insgesamt als eine Reform betrachten kann. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei die »Accademia dell'Arcadia«, die 1690 aus dem Dichterzirkel hervorgegangen war, den Königin Kristina von Schweden (1626–1689) in Rom unterhielt. Die »Arkadier« fühlten sich berufen, zu entscheiden, was hohe Kunst sei und was nicht. Und sie hatten ein paar Einwände gegen übliche Opernlibretti. So forderten sie eine strenge Trennung von tragischen und komischen Figuren. Daraus entwickelte sich die Trennung von »opera seria« und »opera buffa«. Zunächst traten komische Figuren nur noch in den »Intermezzi« auf. Auch für Didone abbandonata existiert ein solches zweiteiliges Intemezzo für die beiden Zwischenakte, L'impresario nelle Canarie, das wie viele andere Intermezzi auch ein Eigenleben führte als »opera buffa«. Innerhalb der Szenen forderten die »Arkadier« ein strengeres Herausheben von eindeutigen Stimmungen. Die Entwicklung der musikalischen Voraussetzungen dafür war bereits abgeschlossen durch die klare Trennung von Rezitativ und Arie und die Entwicklung der Arie zur Dacapo-Arie, in der der erste Teil wiederholt wird und die einen eindeutigen Affekt repräsentiert. Auch hatten die »Arkadier« an der Dramaturgie der Opern auszusetzen, dass sich oft verschiedene Personen auf der Bühne begegnen, die sich nur auf die Füße treten und sich gegenseitig behindern. Daraus ist das Prinzip der »Abgangs«-Arie entstanden. Also es sind meist nur zwei oder höchstens drei Personen auf der Bühne und diejenige, die die Arie gesungen hat, geht danach ab, um für eine neue Szene Platz zu machen. Ferner wurden die Prinzipien der französischen Tragédie sehr bewundert, also die »klassischen Einheiten« und das glückliche Ende. Weitere Prinzipen der »opera seria« ergeben sich daraus, die von Metastasio (also dreißig bis vierzig Jahre später) in beispielhaften Operntexten festgehalten wurden. Nicht alles allerdings ist in Didone abbandonata schon berücksichtigt. So fehlt etwa das »lieto fine« – ein gewaltiger Vorzug der Oper. Aber warten Sie ab, da kommt noch etwas.

Hier erst der Inhalt in 138 Worten: Didone liebt Enea, Enea, der aber auch von deren Schwester Selene heimlich geliebt wird, liebt Dido. Im Traum erscheint ihm sein Vater, der ihn auffordert, weiterzuziehen und Rom zu gründen. Er traut sich aber nicht, Didone seinen Plan zu eröffnen. Jarba erscheint als sein eigener Abgesandter, der für seinen Herrn die Hand Didones und den Kopf Eneas fordert. Beim Anschlagsversuch auf Enea wird er abgeführt. Enea hat die Oberhand, aber er beginnt zu zweifeln. * Enea verlangt von Didone die Begnadigung Jarbas. Um ihn eifersüchtig zu machen, gibt sie vor, Jarba heiraten zu wollen. Der Plan misslingt jedoch und sie gesteht Jarba, dass nichts daraus wird. * Die Troer besiegen Jarba im Kampf, doch Enea lehnt es ab, ihn zu töten. Der legt aus Rache Karthago in Brand. Didone lehnt jede Rettung ab und begibt sich ins Feuer.

Die Meininger Partitur enthält 31 Arien, 4 Accompagnati (also Orchesterbegleitet Rezitative) sowie ein eine mehrteilige instrumentale Introduzione vor dem ersten Akt, ein Ritornello und eine kriegerische Introduzione zum 3. Akt. Die Arien verteilen sich auf die erwähnten Hauptpersonen Jarba (7), Selene (6), Enea (5) und Didone (4). Enea und Didone haben auch noch je zwei Accompagnati, Enea am Anfang des ersten Aktes und Didone am Schluss der Oper. Und dieser Schluss ist wirklich außergewöhnlich: nicht nur fehlt dramaturgisch das »lieto fine«, sondern auch musikalisch fehlt ein entsprechender Abschluss – keine Schlussarie, geschweige ein Duett oder ein »Coro« genanntes Ensemble aller Personen. Sie endet mit einem Accompagnato, das fast im Nichts endet. Hier gesungen von Sunhae Im. Wer nachgezählt hat: es fehlen noch 10 Arien, verteilt auf die zwei Nebenfiguren. Wobei: Nebenfiguren gibt es nicht in der »opera seria«, es gibt aber Nebenhandlungen und die ranken sich um Araspe, den Vertrauten Jarbas und Geliebten Selenes, und Osmida, den Vertrauten Didones. Beiden gibt die Komposition durch die Anzahl der Arien das gleiches Gewicht. Herausgehoben sind lediglich Didone und Enea durch die Accompagnati. Didone wurde von Marianna Benti Bulgarelli »La Romanina« gesungen, eine reiche Römerin, die von da an bis zu ihrem Tod Metastasio ünterstützte. Enea wurde von Nicolini (Nicolò Grimaldi) gesungen, einem weltberühmten Sopran-Kastraten, der nun, mit über 50 Jahren, auch tiefere Rollen übernahm. Jarba wurde von der Altistin Antonia Merighi gesungen, die ebenso wie Nicolini vor allem als Interpretin von Werken Händels bekannt war. Auch Osmida war eine Hosenrolle, gesungen von Caterina Leri, die häufig zusammen mit Farinelli auftrat. Araspe war der Tenor Annibale Pio Fabri, einer der ersten italienischen Tenöre, der auch Titelrollen sang wie Dario in L'incoronazione di Dario von Vivaldi. Selene schließlich wurde von Benedetta Sorosina gesungen, auch sie vor allem bekannt als Interpretin von Händel und Vivaldi.

Dass der Schluss nicht allen Auftraggebern gefallen würde, wusste Metastasio. In seiner Gesamtausgabe schließt sich an das Accompagnato der Didone eine »Licenza« an, eine Schlussarie für den Meeresgott Nettuno. Der Schluss ohne diese Arie (wie von Sarro komponiert) wird als »Variante« abgedruckt. Die »Licenza« ist vermutlich erstmals 1752 in Barcelona und Madrid aufgeführt worden. Als Calzabigi die Werke Metastasios 1755 erstmals in einer Gesamtausgabe veröffentlichte, war dies also di aktuelle Fassung. Für Madrid überarbeitete Baldassare Galuppi seine Version von 1740 für Modena. Diese Fassung wurde 2025 in Potsdam gespielt, hier ist der Mitschnitt. Die Schlussszene beginnt bei 02:32:03, darauf folgt ein vermutlich getanztes Divertimento, an dessen Ende die Tenorarie steht. Nicolo Jommelli komponierte 1763 ein noch viel prächtigeres Finale mit ebenfalls einem Auftritt des Nettuno, aber vor allem Gelegenheit für den neuen Stuttgarter Ballettmeister Jean Georges Noverre. Die CD-Aufnahme mit Frieder Bernius (Playlist hier) enthält zwar etwas von der Ballettmusik, nicht aber die Stimme Neptuns.

Die berühmteste Kombination einer »opera seria« und eines »Intermezzos« hatte am 5. September 1733 im Teatro San Bartolomeo in Neapel Premiere: Il prgionier superbo und La serva padrona. Beides wurde von Giovanni Battista Pergolesi komponiert. La serva padrona kennt heute fast jeder Opernfreund, die dazugehörige »opera seria« kaum einer. Bei der Premiere am 1. Februar 1724, über die wir hier sprechen, verhält es sich etwas anders: Didone abbandonata kennen zumindest Opernfreunde, die sich besonders an der Barockoper erfreuen, allerdings nicht unbedingt in der Vertonung von Domenico Sarro, sondern von Jommelli oder anderen. Dorina e Nibbio hingegen kennt kaum jemand, eher schon L'impresario delle Canarie; das ist der Alternativtitel des Intermezzos. Domenico Sarro ist der erste Komponist dieses Intermezzos, später wurde es noch von anderen wie Padre Martini, Tomaso Albinoni oder Leonardo Leo vertont. Ob der Text wirklich von Metastasio stammt, ist heute umstritten. In früheren Gesamtausgaben (auch unter Wikisource) erscheint er noch, in der aktuellen Geamtausgabe von 2002 nicht mehr. Eine Aufführung des Intermezzos mit der Musik von Sarro aus Triest von 2021 ist hier zu sehen. Um es auf eine knappe Stunde Länge zu ziehen, wurde eine Sinfonia da camera von Nicola Porpora davor gestellt.

Und nun freue ich mich auf Mittwoch,
Ihr Curt A. Roesler 

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