Montag, 19. Januar 2026

Leben mit einem Idioten

Viktor Wladimirowitsch Jerofejew (Виктор Владимирович Ерофеев), geboren 1947 in Moskau, promovierte1975 über Fjodor Dostojewski und den französischen Existenzialismus. Als Journalist, Literaturkritiker und Autor konnte er zunächst in der späten Breschnew-Ära publizieren, bis er 1979 wegen des Literaturalmanachs Metropol, den er mit anderen an der Zensur vorbei veröffentlichen wollte, aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Der Mini-Roman Leben mit einem Idioten ist seine Reaktion darauf. Publiziert werden konnte der Mini-Roman erst während Gorbatschows »Perestroika«. Aber um ihn Freunden vorlzulesen, brauchte er keine staatliche Genehmigung, er musste das Manuskript, das er zwischenzeitlich nach seiner Aussage offenbar veloren hatte, nur wieder finden. Im Vorwort zur deutschsprachiegen Neuausgabe 2021 schreibt er: »Drei Jahre vergingen. Das zusammengeknüllte Manuskript des Lebens mit einem Idioten entwickelte ein Eigenleben. Alfred Schnittke komponierte eine Oper mit meinem Libretto. Die Premiere fand am Amsterdamer Opernhaus statt.« Was er dann weiter über Königin Beatrix zu sagen hat, lesen Sie gerne selber nach. Es gibt diese Neuausgabe, die in nur 500 durchnummerierten Exemplaren erschien, schon in Antiquariaten und einige Bibliotheken haben sie ja auch. Es gibt auch ältere Ausgaben den Mini-Romans in Anthologien (Viktor Jerofejew. Leben mit einem Idioten. Erzählungen. Fischer 1991. bzw. Bodo Zelinski [Herausgeber]. Russische Erzählungen der Gegenwart. Reclam 1992). Die Übersetzung des Mini-Romans von Beate Rausch ist die gleiche, aber in den älteren Ausgaben fehlen natürlich außer dem Vorwort auch die erhellenden Nachbemerkungen von Amrei Flechsig, die ihrerseits aus einer Publikation über Schnittke und die Groteske in der russischen Kultur (auf Grundlage ihrer Dissertation) entnommen sind. Jerofejew lebt mit seiner Familie seit 2022 in Deutschland, sein Roman Der große Gopnik, geschrieben schon vor dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, hat den Konflikt zwischen den beiden Staaten und den ganovenhaften Aufstieg Putins zum Thema.

Alfred Garijewitsch Schnittke (Альфред Гарриевич Шнитке), 1934 in der autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen geboren, hatte ab 1946 prägenden Musikunterricht in Wien, wo sein Vater als Kriegsberichterstatter für die Österreichische Zeitung tätig war. Diese »Zeitung der Sowjetarmee für die Bevölkerung Österreichs« wurde zwar erst 1955, nach Inkrafttreten des Staatsvertrages, eingestellt, aber die Schnittkes mussten nach der Demobilisierung der Sowjetarmee 1948 zurück. Ab 1949 hatte Alfred Schnittke in Moskau zunächst an einer Musikschule, dann am Konservatorium Klavier- und Kompositionsunterricht. Von 1961 bis 1972 unterrichtete er selbst am Konservatorium, danach widmete er sich ausschließlich der Komposition. Mit der sowjetischen Zensur hatte er wie alle ernsthaften Künstler immer zu Kämpfen. Schon seine Abschlussarbeit am Konservatorium, das Oratorium Nagasaki, durfte erst aufgeführt werden, nachdem er die Atombombenexplosion entferrnt hatte (sie entsprach nicht dem »sozialistischen  Realismus«?) und den Schluss ins Positive geändert hatte. Hier die Aufzeichnung der Erstaufführung des Originals in Buenos Aires 2019. Der Text von sowjetischen und japanischen Dichtern ist in englischer Übersetzung beigegeben. Ein wesentlicher Teil der kompositorischen Arbeit Schnittkes galt dem Film. 25 Filme mit Musik von Schnittke habe ich bei YouTube gefunden und in dieser Playlist zusammengefasst. Sein kompositorischer Stil, der gern als »polystilistisch« bezeichnet wird, hat sich auch darin ausgebildet. Schon früh befasste er sich mit elektronischen Instrumenten. 1960 schrieb er das Konzert für elektrische Instrumente, das bei Youtube in Amateuraufzeichnung aus London 2010 zu sehen ist (1. Teil, 2. Teil). Seit 1966 wurden Werke von Alfred Schnittke regelmäßig im Westen gespielt, 1969 gab es bei den Donaueschinger Musiktagen schon eine Uraufführung: Pianissimo für großes Orchester. Hier zu sehen mit dem London Philharmonic Orchestra und Vladimir Jurowski. Das Werk hat eine erstaunliche Nähe zu György Ligeti, dessen Nachfolger als Kompositionslehrer Schnittke viel später in Hamburg werden sollte.

1976 beauftragte Juri Ljubimov, der Leiter des berühmten, aber auch unter ständiger Zensurbewachung stehenden Taganka-Theaters, Schnittke mit der Komposition einer Bühnenmusik für ein Gogol-Projekt unter dem Titel Die Geschichte des Revisors. Der ukrainische Schriftsteller ist nicht erst heute in Russland suspekt, er war es schon in der Sowjetunion. Besonders seine kritische Haltung zu Obrigkeiten hielt man für gefährlich. Selbstverständlich wurde das Projekt, das außer dem Revisor auch u. a. Elemente aus Die Nase, Die toten Seelen, Der Mantel und Das Porträt enthalten sollte, erst einmal nicht genehmigt. 1978 kam es dann unter dem Titel Revisionsliste heraus. Die Bühnenmusik dirigierte Gennadi Roschdeswenski, der später auf die Idee kam, eine Gogol-Suite daraus zu formen. Hier seine Aufnahme mit dem Orchester des sowjetischen Kulturministeriums von 1982. Auf die Zusammenarbeit mit Ljubimov geht auch die erste Beschäftigung Schnittkes mit dem Faust-Stoff zurück. Sie planten eine Aufführung des Goetheschen Dramas, doch sie ließen den Plan wieder fallen. 1982 bekommt Schnittke jedoch – aller Wahrscheinlichket nach durch Jürgen Köchel vom Haburger Sikorski Verlag – das »Volksbuch« Historia von D. Johann Fausten in die Hände. Er komponiert für die Wiener Festwochen eine Faust-Kantate Seid nüchtern und wachet. Hier ein Video von 1989 aus Moskau. 1983 gibt es erste Gespräche über eine Faust-Oper, die an der Hamburgischen Staatsoper herauskommen sollte. Auch Zürich, Frankfurt, Stockholm und die Staatsoper Berlin interessieren sich für die Premiere. Nach Ljubimov kommen Günter Grass, Hans-Josef Ortheil, Michael Fröhling, Rolf Hochhuth und vor allem Heiner Müller als Librettisten ins Gespräch. Am Ende wirde es Jürgen Köchel alias Jens Morgener werden.

Als Schnittke 1985 von einem ersten Schlaganfall langsam wieder ins Leben zurückkam, sprach er zunächst nur deutsch. Es intensivierte sich der Kontakt zum Hamburger Sikorski Verlag und zu John Neumeier, der schon 1983 für sein Ballett Endstation Sehnsucht Musik von Schnittke (die 1. Sinfonie) verwendet hatte. Schnittke schrieb jetzt für Peer Gynt die Musik. 1989 kam das Ballett in Hamburg heraus. Eine halbszenische Aufführung der Musik (ohne die Choreographie Neumeiers) mit dem Belgischen Nationalorchester und Michael Schønwandt können Sie hier sehen (111 Minuten). Die Arbeit an der Historia von D. Johann Fausten ging kontinuierlich weiter, allerdings immer etwas gebremst, weil noch keines der interessierten Theater, darunter inzwischen auch die Salzburger Festspiele, ein Uraufführungsdatum anbieten konnte. Manche Planung wurde auch wegen Unvorergesehenem storniert, wie wegen des Rauswurfs eines Generalsekretärs der Festspiele nach einer »Watschen-Affäre« oder eines Theaterbrandes in Frankfurt am Main. 

1989 siedelte Schnittke mit seiner Familie (dazu gehörte sein Sohn Andrej, Komponist, Rockmusiker und Fotograf) nach Hamburg über. Er nahm eine Professur der Hochschule für Musik und Theater für Komposition an. Und nachdem ihn Komponistenkollegen wie Luigi Nono dazu ermutigt hatten und Mstislav Rostropowitsch einen Kompositionsauftrag aus den Niederlanden beschaffen konnte, unterbrach er jetzt die Arbeit an der Historia und konzentrierte sich auf das Leben mit einem Idioten. Hier der Inhalt der Oper: Der Schriftsteller »Ich« muss als Strafe für sein mangelndes Mitgefühl einen Idioten bei sich aufnehmen. Im Irrenhaus sucht er sich den wortkargen, beinahe stummen Wowa aus. Die Ehefrau ist nicht begeistert und hätte sich einen anderen Idioten gewünscht. Die anfängliche Fügsamkeit des neuen Mitbewohners ändert sich bald. Er leert den Kühlschrank, zerreißt die Proust-Ausgabe der Ehefrau und verwandelt die Wohnung in einen Saustall. Die Vergewaltigung der Ehefrau scheint ihn ein wenig zu beruhigen und seltsamerweise gefällt auch ihr das neue Verhältnis zum Mitbewohner. Als sie schwanger wird, treibt sie aber ab. Das führt nun zu einem erneuten Gewaltexzess, an dem sich die beiden Männer, die inzwischen eine homosexuelle Beziehung aufgenommen haben, aufgeilen. Wowa schneidet der Ehefrau den Kopf ab und verschwindet mit ihrem Körper. »Ich« wird nun selbst zum Idioten und kommt ins Irrenhaus, um dort von einem anderen abgeholt zu werden.

Hier eine Aufführung aus Novosibirsk von 2004. Das Intermezzo vor dem 2. Akt, ein Tango mit Solovioline und präpariertem Klavier, hat auch außerhalb der Oper eine gewisse Berühmtheit erlangt, hier hören wir ihn gespielt von Musikern der Rotterdamer Philharmonie, am Klavier sitzt der Dirigent, Mstislav Rostropowitsch.

Auch die Arbeit am Leben mit einem Idioten wurde unterbrochen. Ein weiterer Schlaganfall ließ befürchten, dass die Oper unvollendet bleiben würde, doch Schnittke erholte sich und beendete die Komposition rechtzeitig. Nach der Uraufführung in Amsterdam ließ er den Faust immer noch liegen (es gab ja keinen gültigen Uraufführungsvertrag), denn ein neuer Auftrag der Wiener Staatsoper kam dazwischen. Seine zweite Oper sollte nun Gesualdo werden. Eine Oper um den adligen Gattenmörder und innovativen Vokalkomponisten Carlo Gesualdo, Prinicpe da Venosa (1566–1613). Hier die Tonaufzeichnung der Uraufführung am 26. Mai 1995 in der Wiener Staatsoper mit Inhaltsangabe (vom Librettisten?) nach dem A-cappella-Prolog. 1994 kam endlich der verbindliche Auftrag der Hamburgischen Staatsoper für die Historia von D. Johann Fausten und Schnittke arbeitete nun, wann immer es ihm die Umstände erlaubten daran. Allerdings: ganz fertig ist er damit nicht geworden, es fehlt die Höllenfahrt. Die wurde zwar von einem Kompositionsstudenten aufgrund der Skizzen Schnittkes niedergeschrieben, bei der Uraufführung aber nicht verwendet. Außerdem hatte sein Sohn Andrej bei der Erstellung elektronischen Klänge geholfen. Am 22. Juni 1995 kam die Oper in Hamburg zur Uraufführung, Schnittke selbst konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen, sah erst die letzte Aufführung im Mai 1996. Hier die auf CD veröffentlichte Tonaufzeichnung von der Hamburgischen Staatsoper. Und wer eine Alternative möchte, es gibt auch diese Aufzeichnung einer gekürzten konzertanten Aufführung mit dem London Symphony Orchetra und dem Chor der Moskauer Konservatoriums unter der Leitung von Vladimir Jurowski. am 3. August 1998 starb Schnittke in Hamburg an den Folgen eines erneuten Schlaganfalls.

Wir sehen uns am Mittwoch in Zehlendorf, ich freue mich,
Ihr Curt A. Roesler 

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