Diese Woche wollen wir uns mit Le roi Arthus von Ernest Chausson und Guercœur von Albéric Magnard befassen. Le roi Arthus hat am 8. November in Frankfurt/M Premiere und wird insgesamt sieben Mal bis 16. Dezember gespielt. Es handelt sich um eine Co-Produktion mit dem Nationaltheater Prag und es ist zu wünschen, dass sie mehr Interesse weckt als die Aufführung im Festspielhaus in Erl vor ein paar Jahren, die laut Presseberichten schlecht besucht war. Guercœur kommt am 14. März 2027 in Dortmund heraus und wird bis 23. Mai fünf Mal gespielt.
Beide Komponisten waren von Wagner fasziniert, reisten dahin, wo Wagner gespielt wurde, und bemühten sich doch, nicht als Wagnerianer, sondern als eigenständige Komponisten wahrgenommen zu werden, die lediglich Techniken Wagners anwendeten, nicht aber ihn nachahmten. Und noch etwas verbindet die beiden: Sie starben keines natürlichen Todes. Chausson starb 1899 bei einem Fahrradunfall, Magnard bei der Verteidigung seines eigenen Hauses gegen die heranrückenden Deutschen am Vorabend de Marne-Schlacht.
Es wäre falsch, Le roi Arthus als die einzige Oper Chaussons zu bezeichnen, denn er hat sich davor und daneben zwei Mal dieser Form genähert, wir kommen gleich darauf. 1855 geboren, studierte er nach der Jurisprudenz ab 1878 am Conservatoire, zuerst nur als Gasthörer bei Jules Massenet. Den begehrten Prix de Rome erhielt er nicht und beendete das Studium ohne Abschluss, um anschließend ab 1881 privat bei César Franck zu studieren. Die drei am häufigsten gespielten Werke Chaussons stehen ganz in der Tradition Francks:
op. 3 Trio pour piano, violon et violoncelle, 1881, vergleichbar den entsprechenden Werken von Brahms und Tschaikowsky. Hier eine Playlist mit dem Yuval-Trio von Chausson und Tschaikowsky * op. 20 Symphonie en si bémol majeur, 1889–1890 entstanden, also kurz nach Francks berühmtem Werk in d-Moll, und davon unüberhörbar beeinflußt. Hier Chausson, dirigiert von Charles Dutoit mit Partitur. Und hier Franck, ebenfalls mit Partitur, es dirigiert Charles Münch * op. 25 Poème für Violine und Orchester, hier dirigiert von Mikko Franck mit dem Orchestre philharmonique de Radio France und der italienischen Geigerin Anna Tifu.
Chaussons Vertonung der »Comédie lyrique« Les caprices de Marianne von Alfred de Musset (veröffentlicht 1833, auf der Bühne erst 1851) ist zwar zumindet konzertant 1885 aufgeführt worden, doch wenn heute ein Opernhaus den Stoff aufführen will, dann nimmt es eher die Vertonung von Henri Sauguet von 1954. Ein zweiter Opernversuch nach dem dramatischen Gedicht Hélène von Leconte de Lisle blieb unvollendet, hier können Sie aber das Urteil des Paris in einer historischen Aufnahme mit Jean Giraudeau hören.
Auch die Arbeiten für das Petit Théâtre de Marionettes sind natürlich Bühnenwerke und eines sticht heraus: La tempête für eine Übersetzung von Shakespeares The temnpest. Hier verwendet Chausson erstmals eine Celesta, die Tschaikowsky bald danach für den Nussknacker nach St. Peterburg bringt. Da Chausson die Celesta aber immer zusammen mit der Harfe einsetzt, ist der Klang gar nicht so einfach herauszuhören, spitzen Sie die Ohren hier, gleich am Anfang.
Nun also zu Le roi Arthus, zuerst die Handlung in Kürze
1. Akt, 1. Bild: König Arthus (Bariton) lobt Lancelot (Tenor) für seine Verdienste im Kampf gegen die Sachsen. Der plant, eifersüchtig beobachtet von Mordred (Bariton), ein Stelldichein mit Genièvre (Mezzosopran). 1. Akt, 2. Bild: Lyonnel ist nicht glücklich, dass sein Freund Lancelot Genièvre liebt und damit den König verrät. Lancelot verwundet Mordred im Zweikampf. – 2. Akt 1. Bild: Lancelot plagt das Gewissen; das Lied eines Bauern auf den heldenhaften König setzt ihm zu. Genièvre berichtet ihm, dass Mordred ihr Verhältnis an Arthus verraten hat, der ihm jedoch keinen Glauben schenkt. Lancelot flieht mit Genièvre. 2. Akt, 2. Bild: Arthus sieht sich von Feinden umzingelt; der heraufbeschworene Merlin (Bariton) prophezeit den Untergang der Tafelrunde, gibt aber keine Antwort auf die Frage, ob Lancelot schuldig sei. Da die Königin unauffindbar ist, begreift Arthus aber die Lage und ruft zur Verfolgung Lancelots auf. 3. Akt, 1. Bild: Genièvre erfährt von Allan (Bass), dass sich Mordred inzwischen zum König ausgerufen hat, trotzdem glaubt sie an den Sieg Lancelots. Doch der besinnt sich auf seine Treue zu Arthus und geht aufs Schlachtfeld, um sich umbringen zu lassen. Da ihre langen dunklen Haare Lancelot nicht dauerhaft binden konnten, sollen sie Genièvre den Tod geben; sie erdrosselt sich damit. 3. Akt, 2. Bild: Arthus vergibt dem sterbenden Lancelot. Unsichtbare Geister bringen Arthus dazu, seine Waffen von sich zu werfen und ein Schiff, das in eine bessere Welt führt, zu besteigen.
1896 hatte Chausson die Partitur beendet, aber zu einer Aufführung kam es erst 1903 nach seinem Tod in Bruxelles, wo regelmäßig Werke zur Aufführung kamen, die in Paris nicht oder nicht mehr gewollt waren. 2021 brachte die Bard Summerscape Opera am Hudson River in Annondale-on-Hudson auf halbem Weg zwischen New York und Albany Le Roi Arthus. Hier das Video. Eine Pariser Aufführung von 2015 mit Thomas Hampson, Roberto Alagna, und Sophie Koch, dirigiert von Philippe Jordan und inszeniert von Graham Vick bietet play.operadeparis.fr zum Streamen an. Bei YouTube gibt es ein paar Ausschnitte.
Im Mai 1899 zog Chausson mit seiner Familie nach Limay, ein kleies Städtchen an der Seine, etwas mehr als 50 Kilometer westlich von Paris. Bei einem Fahrradausflug am 10. Juni mit seiner Tochter Étiennette stürzt er. Die Tochter bemerkt es erst nicht, weil sie vorausgefahren war. Sie macht sich auf die Suche nach dem Vater und findet ihn sterbend mit gebrochenem Schädel aan einem Hauseingang. Von dem Streichquartett op. 35 hatte er bis zum Tag seines Todes zwei Sätze vollendet, Vincent d'Indy ergänzte später einen dritten, den man heute in der Regel spielt. Zu seinen Plänen gehörte eine weitere Oper (nach Calderón) und eine zweite Symphonie.
10 Jahre jünger als Chausson (und damit ein Jahr jünger als Richard Strauss) ist Albéric Magnard. Auch er studierte zuerst Jura, nachdem er bis 1884 Militärdienst geleistet hatte. Auch er war nicht ganz glücklich mit dem Studium am Conservatoire, das auch ihm keinen Prix de Rome zukommen ließ. Immerhin fndet er in Guy Ropartz (1864–1955), der 1886 von der Kompositions- im die Orgelklasse wechselte, einen Freund, der sich später als Dirigent für ihn einsetzt. In diesem Jahr pilgert Magnard nach Bayreuth, um Tristan und Isolde und Parsifal zu sehen. Später fährt er auch noch zu Die Meistersinger von Nürnberg. 1888 verfasst er sein op. 1, Trois pièces pour piano, im nächsten Jahr seine erste Symphonie. Er nimmt privat Unterricht bei Vincent d'Indy, an dessen später neugegründeter Alternative zum Conservatoire, der Schola cantorum, er 1896 sogar kurz unterrichtet. Bis dahin ist er noch Reserve-Offizier, im Zuge der Dreyfus-Affäre tritt er aber aus Protest aus der Armee aus. 1896 hat er auch seine dritte Symphonie vollendet, die 1899 in Paris uraufgeführt wird und die er selber 1903 auf Einladung Busonis bei den Berliner Philharmonikern mit großem Erfolg dirigiert. 1897–1900 schreibt er die Oper Guercœur, von der zu seinen Lebzeiten nur der zweite Akt konzertant aufgeführt wird. Seine zweite Oper, Bérénice (1905–1909) wird 1911 an der Opéra-Comique gespielt. Sein gesamtes Œuvre ist noch schmaler als das von Chausson, die Opus-Zahlen enden mit 22. Das Komponieren war für ihn immer eine Art Liebhabertätigkeit. Er hatte ein beträchtliches Vermögen von seinem Vater, einem ehemaligen Chefredakteur des Figaro, geerbt. Er brauchte nicht unbedingt die Tantiemeneinnahmen und er war auch ziemlich öffentlichkeitsscheu, um nicht zu sagen misanthropisch. 1904 kaufte er ein Haus in Baron, einer kleinen Gemeinde im Département Oise, 45 km nordöstlich von Paris. Dort hielt er sich mit seiner Familie vorwiegend auf. Vor den anrückenden Deutschen schickte er seine Frau und seine Töchter nach Paris in Sicherheit. Seiner Frau zeigte er einen Revolver und erklärte, sechs Kugeln seien darin, fünf für die Deutschen und eine für ihn selbst, falls er sie nicht aufhalten könne. Am 3. September 1914 kam es zum Gefecht. Fünf Kugeln hat er abgeschossen, ob die eine, die ihn tötete, aus seinem Revolver kam, konnte nicht geklärt werden, vermutlich war sie aber von den Deutschen, die außerdem das ganze Haus niederbrannten. Alle Partituren, die er dort aufbewahrte, wurden vernichtet, darunter auch Guercœur. Lediglich der zweite Akt, der ja in Paris aufgeführt worden war, ist original erhalten. Nach seinem Tod, der in ganz Europa Aufsehen erregte, machte sich Guy Ropartz daran, den ersten und dritten Akt nach dem bereits 1904 veröffentlichten Klavieruazug zu rekonstruieren. 1931 führte er die Oper im Palais Garnier in Paris zum ersten Mal vollständig auf.
Und darum geht es in Guercœur
1. Akt: Im Himmel der Trinität Vérité (Wahrheit, Sopran) – Bonté (Güte, Mezzo) – Beauté (Schönheit, Sopran) hadert der Schatten Guercœurs (Bariton) mit seinem Dasein in himmlischer Seligkeit. Auf Betreiben der vierten Göttin Souffrance (Leiden, Alt), die ihm einen Denkzettel verpassen möchte, stellt Vérité seinen irdischen Körper wieder her. 2. Akt, 1. Bild: Zurück auf der Erde, will Guercœur, seine Ehefrau Giselle (Mezzo), die ihm Treue über den Tod hinaus geschworen hatte, wiederfinden und ein Volk, das ihn, den Freiheitskämpfer weiter verehrt. 2. Akt, 2. Bild: Doch es hat sich alles verändert. Giselle lebt mit seinem Schüler Heurtal (Tenor) zusammen. Er verzeiht ihr und sucht das Volk. 2. Akt, 3. Bild: Das Volk leidet Hunger und steht vor einem Bürgerkrieg. Vom neuen Herrscher Heurtal verführt, der alle Schuld auf die republikanischen Ideen seines Vorgängers Guercœur schiebt, lassen sich die Bürger auf den Aufbau einer Diktatur ein. Als Guercœur leibhaftig erscheint und dagegenhält, fällt es über ihn her und jubelt Heurtal zu. Guercœur stirbt zum zweiten Mal. 3. Akt: Erneut im Himmel angekommen, bittet Guercœur Vérité um Vergebung. Vérité verheißt die Erfüllung seines Traums von einem gerechten Leben in ferner Zukunft. Ihm wird Vergessen und Schlaf gewährt. Souffrance wird auf die Erde entsandt, um dort die Hochmütigen zu bestrafen und Guercœurs Traum am Leben zu erhalten.
20 Jahre nach der Uraufführung in Paris produzierte der Franzözische Rundfunk eine auf gut die Hälfte gekürzte Aufnahme der Oper, die später auf LPs bzw CDs erschien. Bernard Demigny singt darin die Titelpartie, Marcelle Bunlet ist die Vérité, Denise Scharley die Souffrance, Tony Aubin dirigiert Chor und Orchester des ORTF, hier zu hören. Die Aufnahme ist mono, 1951 erfolgt und nicht 1965, wie gelegentlich auch behauptet. 1987 dirigierte Michel Plasson für CDs mit dem Orchester des Capitole de Toulouse eine vollständige Aufnahme, in der José van Dam den Guercœur sang, Hildegard Behrens die Vérité und Nathalie Stutzmann die Souffrance, hier mit Klavierauszug.
2019 wurde Guercœur in Osnabrück aufgeführt, 2024 in der Opéra du Rhin, Strasbourg (hier die Aufzeichnung), nächstes Jahr kommt sie nach Dortmund, wo in diesem Jahr Mazeppa von Clémence de Grandval aufgeführt wurde, eine andere französische Rarität der Jahre um 1900.
So viel für heute, mehr am Mittwoch,
Ihr Curt A. Roesler
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