Ein wichtiges Stadttheater kam aus unerfindlichen Gründen nicht in meine Zusammenstellung der Premieren in dieser Spielzeit (rechts anzuklicken): Gießen. Es fiel mir auf, als ich eine Notiz über die erste Premiere dort las; sie war bereits am Samstag vor einer Woche. Und es ist eine Oper, die als 10. auswärtige Premiere in meine Aufstellung für das laufende Semester hätte finden müssen: Maria de Rudenz von Gaetano Donizetti. 1838 war sie ein Misserfolg und mit ein Grund für Donizettis Umzug nach Paris. Vorlage ist ein französisches Bühnenstück nach The Monk, eine »Gothic novel« von Matthew Lewis. Eine amerikanische Zeitschrift kürte die Oper zur »dümmsten Oper aller Zeiten«. Das Libretto ist in der Tat eine große Herausforderung. Die Inszenierung von Hinrich Horstkotte wurde aber sehr gelobt. Vier Vorstellungen gibt es noch in Gießen bis Anfang Februar.
Jetzt soll es aber um Humperdinck gehen. Königskinder wird Christian Thielemann am 1. Mai in der Staatsoper herausbringen, davor gibt es die Oper schon in Linz und Saarbrücken. Vor nicht ganz zwei Jahren war Humperdinck hier schon einmal Thema, damals bereitete die Komische Oper Hänsel und Gretel vor und ein Seitenblick fiel auf Münster, wo man Königskinder spielte. In dem entsprechenden Beitrag finden Sie Material zu den beiden Opern und sogar auch einen Hinweis auf Dornröschen, um das es hier besonders gehen soll, denn am 8. November kommt dieses Werk in Hamburg heraus.
»Märchen in einem Vorspiel und drei Akten von E. B. Ebeling-Filhes Musik von Engelbert Humperdinck«, das ist die Bezeichnung, die auf der Partitur des Dornröschen von 1902 steht. Auf dem gleichzeitig erschienenen Klavierauszug steht schlicht »Musik zu Dornröschen von E. Humperdinck«. Bei der Uraufführung im Opernhaus in Frankfurt am Main am 12. November 1902 beging die Theaterleitung die Unvorsichtigkeit, das schwer einzuordnende Stück – eine Oper im konventionellen Sinn ist es nicht – »Ausstattungsstück mit allerhand Musik« zu bezeichnen. Es gefiel den Kritikern nicht, und sie hatten damit einen Anhaltspunkt, dem Werk den Kunstcharakter abzusprechen. Auch wenn 1926 im Hamburger Rundfunk noch eine Hörspielfassung gesendet wurde, geriet es in Vergessenheit und wurde erst mehr als hundert Jahre nach der Uraufführung wieder gespielt. Den Anfang machte 2007 eine stark gekürzte Klavierfassung in Münster, die eigentliche Wiederentdeckung aber gelang Ulf Schirmer, der 2008 im Münchner Prinzregententheater eine konzertante Aufführung dirigierte, die auch auf CD aufgezeichnet wurde. Die können Sie bei den Streamingdiensten hören oder hier. Es folgten Aufführungen in Leipzig und Graz und in den letzten Jahren wurde Dornröschen in Neustrelitz, Hildesheim und Hof inszeniert. Und nun folgt Hamburg, worauf wir natürlich sehr gespannt sind.
Ein französischer Ritterroman aus dem 14. Jahrhundert enthält die älteste Beschreibung der Erzählung von der Schlafenden Schönen. Das ist Erwachsenenliteratur, also nicht so kindertauglich wie die bekannten Märchen von Charles Perrault (1628–1703) La belle au bois dormant (erste Erzählung in Histoires ou Contes du temps passé, 1697) und Dornröschen von den Brüdern Grimm (50. Märchen in Kinder- und Hausmärchen, 1812). Im Roman de Perceforest (anonym verfasst 1330–1340) muss der Prinz Troylus nämlich seiner verschwundenen Braut Zellandine »beiwohnen«, wie das in Bibelsprech heißt, nachdem er die Schlafende durch Magie wiedergefunden hat. Und erst mit der Geburt des Kindes wacht sie wieder auf.
Die bekannteste Bühnenfassung des Märchens vom Dornröschen stammt von Tschaikowsky. Nachdem er mit dem Schwanensee einen großen Erfolg gefeiert hatte, erhielt er vom Mariinski-Theater St. Petersburg den Auftrag, ein weiteres abendfüllendes Ballett zu schreiben, wieder in Zusammenarbeit mit dem Choreographen und Librettisten Marius Petipa. Das Märchen-Ballett Спящая красавица (Spiaschtschaia Krassawitsa) hatte am 3. bzw. 15. Januar 1890 Premiere in St. Petersburg. Ein französisches Ballett von 1829 stand als Vorbild zur Verfügung, choroegraphiert von Jean-Pierre Aumer (1774–1833) auf eine Musik von Ferdinand Hérold (1791–1833). Bekannter sind beiden für ihre Fassung von La fille mal gardée. Palazzetto Bru Zane hat eine Rekonstruktion der Partitur von La Belle au bois dormant versucht (ein Manuskript, das aber eher eine Skizzensammlung ist, gibt es in der Bibliothèque Nationale, Digitalisat online). Hervé Niquet hat diese Rekonstruktion 2011 in Besançon zur Aufführung gebracht. Hier ist ein Ausschnitt zu hören, der seltsamerweise sehr viel Musik aus Webers Oberon enthält. Die Prinzipien des Meininger Theaterherzogs Georg II. waren am Ende des 19. Jahrhunderts auch in St. Peterburg allgegenwärtig. Dazu gehört »historische Treue« in der Ausstattung. Auf der Bühne für das Dornröschen wurde der Hof Ludwigs XIV. nachgebildet, an dem Perrault gewirkt hatte. Entsprechend verwendete Tschaikowsky in der »Apothéose« ein französisches Chanson aus dem Ancien régime, Vive Henri IV, schon im 16. Jh. geschrieben, aber im »Ancien régime« des 17. und 18. Jahrhunderts immer noch populär, hier zu hören. Und wenn Sie das ganze Dornröschen getanzt vom Berliner Staatsballett (Choreographie Nacho Duato) sehen wollen, hier.
Vor dem Ballett von Aumer/Hérold gab es an der Pariser Opéra schon eine Oper La belle au bois dormant mit Adolphe Nourrit als Prince. Das ist der Tenor, der später die Titelrolle in Robert le diable, Éléazar in La Juive und viele andere Hauptpartien gesungen hat. Die Musik stammte von Michele Carafa (1821–1894), der in Paris bei Cherubini studiert hatte und hier auch viele Werke auf die Bühne brachte. 1922 schrieb Ottorino Respighi eine Oper La bella dormente nel bosco, von der es eine Aufnahme aus dem »Akademischen Maly Drama Theater – Theater Europas« in St. Petersburg gibt, hier. Es sieht ein wenig aus wie eine Studentenaufführung.
Jetzt aber zu Humperdinck. Die Partitur von 1902 teilt dem Vorspiel und den drei Akten mit insgesamt sieben Bildern 33 Nummern (inklusive Orchestervorspiel) zu. Das erste Bild (=Vorspiel) trägt den Titel Die goldenen Teller und spielt am Hof des Königs Ringold, der gerade eine Tochter bekommen hat, die den Namen Röschen erhält. Feen sollen das Kind segnen, da Ringold aber nur 12 goldene Teller hat, muss Dämonia draußen bleiben, die sich mit einem Todesfluch rächt. Morphina aber kann den Fluch in tiefen Schlaf für 100 Jahre verwandeln. Sieben musikalische Nummern, davon fünf mit Solo- bzw. Chorgesang untermalen, von Schauspiel unterbrochen, das Pantomimische Spiel. Der erste Akt Die Spindel besteht nur aus einem Bild. Am 15. Geburtstag Röschens erscheint Dämonia mit der Spindel, Röschen sticht sich und fällt in tiefen Schlaf. Vier musikalische Nummern, davon zwei instrumental (Festklänge, Festgäste) und zwei mit Gesang für Röschens bange Ahnungen und das Verhängnis mit der Spindel. Der zweite Akt spielt 100 Jahre später und umfasst drei Bilder: Im Ahnensaal, Dämonia und Im Reich der Sterne. Prinz Reinhold, der Enkel des Verlobten Röschens, sieht hinter einem Vorhang ihr Bild und macht sich auf die Suche nach den Verlobungsringen, die er finden muss, bevor er zu ihr kommen kann. In sechs musikalischen Nummern kommen wir vom Traumbild bis zu den Irrfahrten. In einer Grotte begegnet der erschöpfte Prinz Dämonia, die einen Mondesstrahl beschwört, der ihn ins Reich der Sterne bringt. Ihr beschwörender Gesang Himmelfahrt ist die einzige Nummer des Bildes, die direkt in das letzte Bild des Aktes überführt. Es beginnt und endet mit einem Sphärenreigen, dazwischen ist der Sonnenaufgang und ein Sternenspruch. Sonne Mond und Sterne können nicht helfen, aber sie machen Reinhold Mut, dass er die Ringe doch noch finden kann. Der dritte Akt besteht aus zwei Bildern, Die Ringe und Die Erlösung. Reinhold hat die Ringe gefunden, aber Dämonia lässt nicht locker; mit allen Mitteln versucht sie, ihn daran zu hindern, geführt von Quecksilber zum Dornenschloss zu gelangen. Die letzten drei der sieben Nummern sind die Orchesterstücke Schneesturm, Sonnenschein und Das Dornenschloss (Zwischenspiel). Im Zweikampf ersticht Reinhold Dämonia, sie warnt ihn davor, Röschen zu küssen, er werde daran sterben. Er wagt es doch. Sie erwacht und alles ist gut.
In der Uraufführung sang, noch als lyrischer Tenor, der spätere Wagner-Tenor Heinrich Hensel den Prinzen; Pelagie Greef-Andriessen, wie er Ensemblemitglied in Frankfurt am Main, aber schon viel länger auch in Bayreuth tätig, die Dämonia. Der Operettentenor Alfred Hauck, seit 1886 Ensemblemitglied sang den Tellermeister. Hermann Schramm, ebenfalls Ensemblemitglied, bis er als Jude aus dem Ensemble entfernt wurde, sang Quecksilber, der den Prinzen zum Dornenschloss führt; auch er hatte Bayreuth-Erfahrungen (und Schallplattenaufnahmen dort). Die Hauptpartie Röschen sang Hedwig Schacko (oder Schako), die in München in der Urfassung der Königskinder die Gänsemagd gesungen hatte, auch sie war Ensemblemitglied. Sie scheint ein Faible für Märchenrollen gehabt zu haben, in Frankfurt sang sie Gretel – nach Humperdincks Meinung »die beste Gretel der Welt« (sie hatte sie auch in Wien gesungen) – und, als man eine seltene französische Oper, Le petit chaperon rouge von F. A. Boieldieu, herausbrachte, darin das Rotkäppchen.
Die Aufnahme von Ulf Schirmer, finden Sie hier. Und nun bis Mittwoch in Zehlendorf,
Ihr Curt A. Roesler
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