Verdi nannte Shakespeare den »papá«, den Vater aller dramatischen Kunst, im Italienischen klingt das gleich wie »Der Papst«. Ihm ging es dabei vor allem um die Erfindungskraft des Autors und um das Verhältnis der Bühnenfiguren zur Realität. Dass es solche »Erzverbrecher« wie Jago oder Engel wie Cordelia im echten Leben geben könne, zweifelte er an. Gleichzeitig bekräftigte er die »Wahrheit«, die diesen Figuren innewohnt. Drei Shakespeare-Opern gibt es von Verdi, Macbeth, Otello und Falstaff. Für Cordelia hat er einiges skizziert, vollendet hat er seinen Re Lear nicht, einige musikalische Gedanken sind offenbar in La forza del destino gelangt.
Es ist nicht etwa so, dass kein anderer Komponist sich an den Stoff gewagt hätte, bis 1978 Reimann mit seinem Blockbuster kam. Nach »The New Grove Dictionary of Opera« gab es vor Reimanns Werk schon 12 Vertonungen des Stoffes – die allerdings nicht alle aufgeführt wurden. Dennoch, wenn man an den König Lear in der Oper denkt, so fällt einem nach Verdi (von dem es eben keine entsprechende Oper gibt) zuerst Reimann ein und dann ganz lange nichts. Dabei hat schon zu der Zeit, als Verdi an seiner Oper arbeitete, ein französischer Komponist namens Séméladis, eine »Légende en un acte« unter dem Titel Cordelia verfasst. Das Manuskript der Partitur inklusive extra Libretto liegt in der Bilbiothèque Nationale de France. Aufgeführt wurde das Werk laut »Grove« 1854 in Versailles. Am Libretto beteiligt war Émile Deschamps, der auch zu Les huguenots beigetragen und das Libretto zu Berlioz Sinfonie Roméo et Juliette verfasst hatte. Ein weiteres einschlägiges Libretto schrieb 1883 Antonio Ghislanzoni, bekannt als Librettist der Aida. Ganz und gar nicht bekannt allerdings ist der Komponist dieses Librettos, dessen 20. Oper es war, Antonio Cagnoni (1828–1896). Und das Werk musste ziemlich lang auf die Uraufführung warten, 2009 kam es in Martina Franca heraus. Eine CD hält die Aufführung fest (hier die Playlist). Unter den weiteren Komponisten sind der berühmte Pianist Henry Litolff (1818–1891, Le roi Lear 1890, nicht aufgeführt) und der Bruder von Guglielmo Cottrau, dessen Schlager (Tiritomba, Santa Lucia etc.) in zahlreichen Aufnahmen von Caruso bis Domingo existieren. Giulio Cottrau hat mindestens vier Opern (darunter Cordelia, 1913 in Padova aufgeführt) und vier Operetten (darunter laut Wikipedia Le roi Lear) geschrieben. Um es jetzt etwas abzukürzen: keiner der Komponisten, die sich vor ihm dem Stoff gewidmet haben, kommt in seiner Bedeutung an Aribert Reimann heran. Von denen danach spielen immerhin zwei auf einem ähnlichen Level wie er: Toshio Hosokawa (Vision of Lear, München 1998) und Aulis Sallinen (Kuningas Lear, Helsinki 2000)
Mit Lear begründete Reimann andererseits seinen internationalen Ruhm. Dass sich sein Ruf so schnell verbreitete, war auch einigen Umständen der Uraufführung zu verdanken. München als Urauführungsort war eine Erhebung in den Adelsstand, wie es 15 Jahre davor die Uraufführung von The Bassarids in Salzburg für Henze war. Der berühmteste deutsche Bariton in der Titelpartie, Dietrich Fischer-Dieskau, garantierte für die Zweifler die Seriosität des Unternehmens. Und der Stoff Lear hatte in ganz Europa gerade besondere Aufmerksamkeit erlangt. 1972 hatte Giorgio Strehler am Piccolo Teatro in Mailand seinen vielbeachteten Re Lear herausgebracht. In den Folgejahren tourte er damit durch ganz Europa. Hier die Aufzeichnung der RAI. Es war eine ganz ungewohnte, neue und faszinierende Shakespeare-Interpretation, fern von dem, was die Studienräte an den Gymnasien lehrten. Entsprechend war die Skepsis von dieser Seite, was die Aufführungen aber umso interessanter machte.
Die Uraufführung Lear wirkte wie eine musikalische Verlängerung der Inszenierung von Strehler. Unverkennbar war, dass der Librettist, Claus H. Henneberg, beim Beginn der Arbeit Chefdaramaturg der Deutschen Oper Berlin, und Aribert Reimann, wie auch der Regisseur und Ausstatter Jean-Pierre Ponnelle, sie gesehen hatten, und von ihrer Radikalität inspiriert waren. Auch wenn die Anregung von Fischer-Dieskau, sich dem Stoff zu widmen, Jahre zurücklag und zunächst auf eine Uraufführung in Hamburg zielte. August Everding, als Intendant Nachfolger von Rolf Liebermann in Hamburg, bereitete 1975 seinen Wechsel nach München vor und erwirkte einen bayrischen Kompositionsauftrag an Reimann, mit dessen Uraufführung er einen besonderren Akzent an seinen Anfang dort zu setzen gedachte. Der Wunsch, dass ein zeitgenössischer Komponist ihm die Rolle des König Lear auf den Leib schreiben möge, kam bei Fischer-Dieskau indes schon viel früher auf und reicht in die Zeit, wo Benjamin Britten die Bariton-Partie im War Requiem für ihn schrieb. Britten jedoch schreckte wie viele andere angesichts des »Scheiterns« Verdis zurück.
Lear in Kürze: Drei Töchter hat König Lear (Bariton) und er teilt sein Reich unter ihnen auf. Ausgerechnet die Treueste von ihnen, Cordelia (Sopran), vermag es nicht, ihre Liebe zu ihrem Vater in Worte zu fassen, was der als Gegenleistung verlangt. Sie wird enterbt und flieht mit dem König von Frankreich vom Hof. Die heuchlerischen Goneril (Sopran) und Regan (Sopran) nehmen das Erbe zusammen mit ihren Partnern an und vertreiben Lear vom Hof. Parallele Intrigen laufen im Hause Glosters (Bassbariton): sein unehelicher Sohn Edmund (Tenor) überredet ihn, den Halbbruder Edgar (Counter-Tenor) zu verstoßen. Mit dem Narren (Schauspieler) und mit Kent (Tenor), der einst gegen die Aufteilung des Reichs war und sich nun als Diener bei ihm verdingt hat, irrt Lear über die Heide. Dort begegnen sie Edgar, der sich aber nicht zu erkennen gibt. Von Gloster wird Lear nach Dover geführt. * Gloster wird als Parteigänger Lears entlarvt und mit Blendung bestraft. Goneril schließt sich Edmund an. Cordelia weint im französischen Lager um ihren Vater. Edgar bringt seinen Vater nach Dover, ohne dass dieser ihn erkennt. Gloster und Lear begegnen sich. Cordelia will sich für ihren Vater einsetzen, aber es ist zu spät, beide werden von Edmund gefangen gesetzt, Cordelia wird erwürgt. Im Endkampf um die Macht vergiftet Goneril Regan und Edgar bringt Edmund im Zweikampf um. Als sie sieht, dass auch sie nichts erreichen kann, ersticht sich Goneril. Übrig bleibt Lear mit seiner toten Tochter Cordelia.
Lear ist so etwas wie das opus summum Aribert Reimanns. In der Partitur ist alles zusammengefasst, was in den Bühnenwerken davor (Die Vogelscheuchen, Ein Traumspiel, Melusine) schon anklingt, nur ist alles viel radikaler ausgeführt. Und was auch immer man in späteren Bühnenwerken als besonders entdeckt – wenn man sich noch einmal Lear vornimmt, sieht man: »Ach, das ist ja hier schon angelegt!« Etwa die Aufteilung des Streichorchesters in lauter Einzelstimmen, die im Kanon zu Bürgels Auftritt im Schloss zu einem 41-stimmigen vierteltönigen Kanon führt, gibt es auch schon im Lear, da sind es sogar 48 Stimmen, da die Klangwand der Sturmszene zwei Mal alle 24 Vierteltöne enthalten sollte.
An Tonaufnahmen von Lear ist bei YouTube kein Mangel, zu empfehlen ist natürlich in erster Linie die Rundfunkübertragung der Uraufführung (hier), denn es singen die Sänger und Sängerinnen, für die das Werk komponiert wurde, allen voran: Dietrich Fischer-Dieskau (Lear), Julia Varady (Cordelia) und David Knutson (Edgar). Videos gibt es nur in Ausschnitten. Komplett gibt es eine Inszenierung aus Hamburg beim Streamingdienst medici.tv; Sie können sie über Ihren Account bei den Stadtbilbiotheken oder der Staatsbibliothek sehen. Simone Young dirigiert, Karoline Gruber ist für die Regie verantwortlich. Es singt Bo Skovhus, der sich damit als einer der bedeutendsten Interpreten des Lear zeigt. Cordelia singt eine damals (2014) noch sehr junge Sopranistin, an die Sie sich vielleicht aus der Deutschen Oper Berlin erinnern, Siobhan Stagg. Die Aufzeichnung gibt es auch als DVD oder Blu-ray Disk, seltsamerweise aber ist sie in der Naxos Video Library (zu der ebenfalls viele Bibliotheken den Zugang bieten) nicht enthalten.
In der Literaturwissenschaft hat sich seit 1978 einiges getan in Bezug auf King Lear. So geht man heute von zwei authentischen Fassungen des Dramas aus und sieht auch diese eher nicht als endgültigen Text Shakespeares sondern als Spielvorlagen für seine Truppen an. Grundlage für das Shakespeare-Bild, das die erwähnten Studiendirektoren in den 70er Jahren vermittelten, war die »Schlegel-Tieck« Ausgabe, die mich selbstverständlich auch seit etwa 60 Jahren begleitet (zwei Bände, Buchclub ex libris, Zürich). Wie ich jetzt erst recherchiert habe, ist die darin wiedergegebene Übersetzung von König Lear weder von August Schlegel, noch von Ludwig Tieck, sondern von Tiecks Tochter Dorothea von Baudissin. Interessant ist die Aufführungsgeschichte der Tragödie Shakespeares, die europaweit über Jahrhunderte als Komödie oder Tragikomödie dargeboten wurde. Meist mit einem Ende, das ganz klassizistisch zur Regierungsübernahme Cordelias führte, die oft noch einen Geliebten hatte, Edgar; Lear, Kent und Gloster ziehen sich aufs Altenteil zurück. Das wäre ideal für eine opera seria, etwa von Gluck, doch es gibt keine.
Erste schriftliche Erwähnungen eines Leir (oder Lir, oder Llyr), der im 8. Jh. 60 Jahre über England geherrscht haben soll, stammen aus dem 12. Jahrhundert. Drei Töchter soll er gehabt haben. Die jüngste verstieß er und unter den beiden älteren teilte er nach einem Liebesbeweis sein Reich auf. Diese vertrieben ihn und er erlangte mit Hilfe der verstoßenen jüngsten Tochter und des französischen Königs, die sich beide verkleideten um unerkannt zu bleiben, seine Rechte zurück. Er regierte danach weiter bis zu seinem natürlichen Tod und die jüngste Tochter wurde seine Nachfolgerin. Glo(uce)ster und Kent kommen gar nicht vor. Also ganz so tragisch ist die Legende nicht, aber dennoch lehrreich. Und wenn es nur die Erkenntnis ist, dass man leicht auf geheuchelte Liebe hereinfallen kann, und der Fehler nur mit Glück zu beheben ist.
Weiteres am 16. September in der Alter Feuerwache oder in der Zoom-Konferenz,
Ihr Curt A. Roesler
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