Montag, 10. August 2026

Blaubart

Wer hats erfunden? Nein, ich meine nicht Halsbonbons, die kann man zwar in Bayreuth auch brauchen, sondern den unsichtbaren Orchestergraben. Und wer hat den erfunden? Na klar: Richard Wagner. Der hat zumindest so eine Art Patent darauf erhalten. Aber lange vor ihm ist schon einer darauf gekommen. Wir sprachen schon einmal davon in der Corona-Zeit, als wir uns mit der Architektur und dem Klang von Opernhäusern und deren Orchester befassten. Vermutlich wusste Wagner gar nicht davon, und insofern hat er den unsichtbaren Orchestergraben tatsächlich erfunden, oder eben wieder erfunden. Fast ein Jahrhundert vor ihm beschrieb jedoch ein französischer (im heutigen Belgien geborener) Komponist und Theoretiker bereits einen Orchestergraben, der unter die Bühne verbannt ist und von dessen Musikern nichts zu sehen ist. Ihn hatten vor allem die Kerzen auf den Notenpulten gestört und das Unruhe unter den Musikern, die damals noch auf der Ebene des Parketts spielten. Von André-Ernest-Modeste Grétry (1741–1813) ist die Rede. Und just von der Oper Grétrys, über die wir heute sprechen wollen, haben wir schon anlässlich des Kurses über Carl Maria von Weber vor kurzer Zeit gehört: Raoul Barbe-Bleue. Unter dem gleichen Titel – Blaubart –, wie jetzt das Rheinsberger Schlossoper, spielte er die Oper mit seinem deutschsprachigen Ensemble an der sächsichen Hofoper in seinen Anfangsjahren.

Raoul Barbe-Bleue wurde am 2. März 1789 im Palais des Tuileries durch die Comédie-Italienne uraufgeführt. Von 1764 bis 1770 hatte die Opéra, die Académie royale de musique, ihre Aufführungen in der dortigen »salle des machines«, ehe sie in den »Palais royal« zurückkehrte. Dass jetzt die Comédie-Italienne dort ihre »opéras comiques« darbot, ist ein Zeichen der Zeit. Kurz vor dem Sturm auf die Bastille liegt die Aufmerksamkeit des Publikums näher bei den innovativen populären Formen als am akademischen Festhalten an der Tradition Rameaus und Glucks. Die Form der »opéra comique« ist in der Zeit die interessanteste Form des Musiktheaters, hier werden die Grundlagen für das 19., das bürgerliche Jahrhundert, gelegt.

Der Komödiendichter Michel-Jean Sedaine (1719–1797) gehört zu den Begründern der aus der »querelle des bouffons« (»Buffonistenstreit«) hervorgegangenen »opéra comique«. Er hatte schon für die ersten Meister dieser Kunstform Libretti geschrieben, u. a. für François-André Danican Philidor (Le diable à quatre, 1756), und Pierre-Alexandre Monsigny (Rose et Colas, 1764). Die erste Zusammenarbeit mit Grétry war Le Magnifique 1773. Außer diesem und Raoul Barbe-Bleue schrieb er sieben weitere Libretti für Grétry, von denen zumindest zwei noch besondere Aufmerksamkeit verdienen: Richard Cœur-de-lion (1784, die erste Oper mit »Erinnerungsmotiven«) und Guillaume Tell (1791, die Vorlage für Rossinis letzte Opéra von 1829).

Die Geschichte vom Blaubart kennen wir vor allem mit symbolistischem Überbau, sprich in den Fassungen von Maurice Maeterlinck und Béla Bartók. In die Literatur kam die Erzählung durch Charles Perrault (1628–1703), hoher Regierungsbeamter Louis XIV. Anonym bzw. unter dem Pseudonym eines seiner Söhne, veröffentlichte er 1697 Histoires ou Contes du temps passé. Spätere Ausgaben der acht Prosamärchen erhielten den Titel Contes de ma Mère l'Oye, der Ausdruck »Mutter Gans« bezieht sich dabei auf die Legendäre Mutter Karls des Großen, die vom vielen Spinnrad-Treten einen gänseartig verformten Fuß gehabt haben soll. Das dritte dieser Märchen handelt von Blaubart, hier nachzulesen im Projekt Gutenberg. Die Übersetzung ist gut, es fehlt allerdings die Moral, die Perrault dem Märchen beigab, die können Sie im Wikipedia-Artikel über Blaubart nachlesen, es sind sogar zwei zur Auswahl, beide ziemlich zeitverhaftet, eine richtet sich gegen die Neugier der Frauen, eine gegen die Pantoffelhelden in der absolutistischen Adelsgesellschaft. Eine Anregung zu der Figur soll er in Gilles de Rais gefunden haben, einem Ritter, der im 15. Jh. an der Seite Johannas gegen die Engländer kämpfte und den Ruf hatte, ein Massenmörder zu sein. Er kommt in Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna von Walter Braunfels vor, die vor 20 Jahren an der Deutschen Oper Berlin gespielt wurden. Es gibt auch Fassungen der Brüder Grimm (allerdings nur in der ersten Fassung der Kinder- und Hausmärchen von 1812) und Ludwig Bechstein. Grimm hier, Bechstein hier. Märchen aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert finden immer ein »glückliches« Ende. Erst in den Fassungen des 20. Jahrhunderts geht Judith, oder wie immer sie dann heißt, freiwillig, womöglich aus Liebe zu dem rätselhaften Mann, in den Tod. Bei Perrault wird das Mädchen selbstverständlich gerettet, der Bösewicht bestraft. In der Regel sind das die Brüder der Neugierigen. Bei Grétry... Das sehen wir hier, die Handlung in 148 Worten:

Isaure (Sopran) ist mit Vergy (Tenor) verlobt, doch die Familie ist dagegen und zwingt sie, den reichen Raoul de Carmantes (Bass) zu heiraten, was ihr immerhin Reichtum verspricht, doch sie will nicht von Vergy lassen und bevor sie mit Raoul geht, schwören sich beide noch ewige Liebe. – Raoul misstraut seiner jungen Frau und lässt sie schwören, nie die Kammer aufzuschließen, zu der er ihr aber den Schlüssel gibt. Vergy schleicht sich in Frauenkleidern bei Isaure ein. In seiner Gegenwart öffnet sie die Türen nach und nach und erschrickt gewaltig. Bei Bauerntänzen versuchen sie die Schrecken zu vergessen und planen derweil ihre Flucht. – Zu spät: Der Diener Ofman (Tenor) kündigt die Rückkehr Raouls an. Der tobt und droht Isaure umzubringen. In letzter Minute erscheinen Soldaten (Isaures Brüder? Die Väter der getöteten früheren Ehefrauen Raouls?) und töten Raoul. Vergy und Isaure werden glücklich mit dem Erbe, das ihr nun zusteht.

Vor etwa zehn Jahren hat eine kleine Operntruppe in Reims, die Compagnie Les Monts du Reuil, Raoul Barbe-Bleue der Vergessenheit entrissen. Es gab im Jahr 2016 Aufführungen in Reims, Metz und Saint-Dizier. Auch eine Aufführung (möglicherweise nur konzertant) in der Bibliothèque Nationale de France in Paris ist belegt. Zwei Jahre später taten sich das Centre de Musique Baroque de Versailles und das Early Music Festival Trondheim zusammen für eine szenische Produktion in Trondheim, bei der auch eine CD-Aufnahme entstand (hier die Playlist). Grétry komponierte für die 3 Akte 15 musikalische Nummern: Arien, Duette, Terzette und Orchesterstücke, auch zwei »Chöre«, gesungen wie üblich von den Solisten. Faszinierend ist die Nähe von populär wirkenden Melodien und modernster Orchesterbehandlung, von klassischer Ausgewogenheit in der Harmonie und lautmalerischen Ausbrüchen. Hören Sie hier, die Arie Nr. 9 »Vergy, ton souvenir« aus dem zweiten Akt. Raoul hat Isaure die Schlüssel ausgehändigt. Noch bevor er aufbricht, kommt Vergy auf dem Schloss an und ist gleich misstrauisch. Isaure will mit ihm fliehen, das ist der längere erste Teil der Arie. Dann aber packt sie die Neugier nach dem Geheimnis des Schlüssels. Sie zögert ein wenig und wagt es schließlich doch – mit dem katastrophalen Ergebnis, ads wir kennen. Dieses schildert der Schlußteil der Arie sehr plastisch. Kein Wunder, dass Carl Maria von Weber dieses Werk so sehr schätzte.

Raoul Barbe-Bleue gehört zu den Pariser Theaterereignissen, die den Weg zur Revolution begleiteten, wie La folle journée (in Deutsch bekannt als Die Hochzeit des Figaro) von Beaumarchais, der außerdem ein Libretto für Salieri schrieb, Tarare, das explizit mit dem Sturz des Tyrannen endet. Anders als diese Opéra von 1787, die äußerlich ganz dem Schema des Generationenwechsels, wie er in unzähligen »opere serie« zelebriert wurde, folgt diese »comédie mise en musique« den Erfordernissen des populären Musiktheaters mit heimlicher Liebschaft und Travestien. Die Zensur sollte ja möglichst wenig von dem brianten Inhalt mitbekommen.

Von Mittwoch bis Sonntag gibt es noch Vorstellungen in Rheinsberg, auch Karten gibt es derzeit noch. Vielleicht sehen wir uns bei einer Vorstellung. Herzlich grüßt,
Ihr Curt A. Roesler


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