An fünf Abenden nähern wir uns dem romantischen Komponisten Carl Maria von Weber, der vor 200 Jahren am 5. Juni starb und vor 240 Jahren am 18. November geboren wurde. Wie feiern also gewissermaßen vor. Der erste Abend gilt der weit verzweigten Familie und ihrem Nomadenleben bis zu dem Zeitpunkt, wo Carl Maria von Weber in Prag für drei Jahre an einem Ort tätig blieb. Am zweiten befassen wir uns hauptsächlich mit den Instrumentalwerken und Liedern, am dritten mit Webers Wirken in Dresden und die Bühnenwerke, auch die früher komponierten, kommen in den letzten zwei Abenden dran.
Auf die Verwandtschaft mit Mozart war der Kapellmeister und Theaterdirektor Franz Anton von Weber (1734–1812) mächtig stolz. Der Adelstitel ist dabei vermutlich geflunkert, jedenfalls die vier »Weberischen«, wie Wolfgang Amadeus Mozart sie nannte, trugen ihn nicht. Sie waren die Töchter von Franz Fridolin Weber (1733–1779), dem Bruder (manche sagen Halbbruder) von Franz Anton. Josepha, Aloisia, Constanze und Sophie waren als Sopranistinnen unterschiedlich erfolgreich, aber die Karrieren aller drei sind eng mit den Mozarts verknüpft. Wolfgang Amadeus Mozart lernte sie in Mannheim kennen, wo sie mit ihrem Vater seit 1764 lebten. Er verliebte sich in Aloisia, die aber später den Wiener Hofschauspieler Joseph Lange heiratete. Schon in Mannheim konzertierte Mozart mit Aloisia (geboren zwischen 1759 und 1761, gestorben 1839) und schrieb Arien für sie. In Wien komponierte er die Partie der Madame Herz in der Oper Der Schauspieldirektor und die Neufassung der Donna Anna in Don Giovanni. Hier gibt es eine nette Zusammenstellung von Arien, die Mozart für Aloysia Weber-Lange komponierte, z. T. illustriert mit den Noten. Die Arie aus Idomeneo hat Mozart allerdings nicht für Aloysia komponiert, aber er hat sie in einem Konzert mit ihr in Wien 1783 aufgeführt. Während Aloysia in Wien seit 1779 als Hofsängerin glänzte, bekam man die ältere Schwester Josepha (ca. 1758–1819) ab 1789 vor allem am Freihaustheater auf der Wieden zu sehen: sie war Oberon in Paul Wranitzkys gleichnamiger Oper und sie war die erste Königin der Nacht in der Zauberflöte. Natürlich gibt es auch eine CD »Arias for Josepha« und darauf diese Arie des Oberon. Über Constanzes (1762–1842) Karriere als Sängerin ist wenig bekannt. Sie heiratete Mozart 1782 und war seine Nachlassverwalterin. Sophie (1763–1846) war ebenfalls Sängerin bzw. Schauspielerin, was in der Zeit oftmals das Gleiche bedeutete, ist aber nur dadurch bekannt, dass sie Mozart in seinen letzten Tagen pflegte und später darüber auch einen Bericht schrieb.
Bernhard Anselm Weber (1764–1821), Mitglied der Berliner Singakademie, gehört zwar nicht in die südbadische Familie Weber, aus der Carl Maria stammt, dennoch sollte er hier erwähnt werden, denn die beiden haben mehrere Gemeinsamkeiten. Beide wurden wesentlich von Georg Joseph Vogler (1749–1814) ausgebildet. Bernhard Anselm studierte bei ihm in München, bevor er (auch unter dem Namen Abbé Vogler bekannt) am schwedischen Hof in Stockholm wirkte, Carl Maria nach dessen Rückkehr nach Zentraleuropa in Wien. Abbé Vogler repräsentiert die »Mannheimer Schule« und hatte noch einen weiteren Schüler, der sehr berühmt wurde, Giacomo Meyerbeer. Bernhard Anselm und Carl Maria waren als Theaterkapellmeister tätig und zu ihren Pflichten gehörte es, Bühnenmusiken für Schauspiele anzufertigen. Beide haben für Schiller-Dramen geschrieben, Bernhard Anselm in Berlin für Wilhelm Tell, Carl Maria in Stuttgart für Turandot. Hier Ouvertüre und Marsch aus Turandot von Carl Maria von Weber.
Zurück zur Familie Carl Maria von Webers: Der Urvater Fridolin (1691–1754) war im Freiburgischen mit Maria Eva Schlar (eingedeutscht von ihrem bretonischen Großvater Chelar) verheiratet. In Zell im Wiesenthal (bei Lörrach) kamen die Söhne Franz Fridolin und Franz Anton zur Welt. Franz Fridolin blieb länger in Zell, wo seine vier singenden Töchter geboren wurden. Als Bassist und Kopist ging er wie gesagt mit seiner Familie ca. 1764 nach Mannheim. Auch Franz Anton bekam Kontakt zur Mannheimer Hofkapelle und wurde 1779 fürstbischöflicher Hofkapellmeister in Eutin. As die Hofkapelle aus Spargründen aufgelöst wurde, durfte er den Titel behalten. 1785 wurde er Stadtmusikus. Seine Söhne Fridolin und Edmund ließ er in Wien bei Joseph Haydn unterrichten. Als er sie 1783 besuchte, lernte er die Sängerin Genovefa Brenner kennen, die er nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete. Bereits ein Jahr nach der Geburt Carl Marias zog die Familie von Eutin nach Hamburg. Franz Anton wurde Kapellmeister bei einer Schauspielertruppe, die in Kassel, Marburg und Hofgeismar auftrat. 1789 gründete er eine eigene Truppe, in der auch seine älteren Söhne und seine Frau mitwirkten. Stationen waren u. a. Meiningen, Nürnberg, Amberg und schließich Bayreuth. Dort ist auch einer der erster Bühnenauftritte von Carl Maria von Weber bezeugt. Er spielte in dem »vaterländischen Schauspiel« Albrecht Achilles, Markgraf von Brandenburg des Regierungsbeamten Johann Christoph Krauseneck (1738–1799) den Prinzen Johannes. Franz Anton träumte davon, mit Carl Maria als Wunderkind durch Europa zu ziehen. Dass das nicht so wie bei den Mozarts funktionierte, liegt vermutlich nicht an der mangelnden Begabung des Kindes sondern an der geringeren Kapazität des betreuenden Vaters – er hatte nicht die Stellung eines Vizekapellmeister an einem so bedeutenden Hof wie dem des Salzburger Fürsterzbischofs.
Maria Anna Theresa Antonetta, genannt Jeanette, wurde 1767 in Hildesheim geboren, sie starb 1834 in Kölleda. Als Schauspielerin und Sängerin – Schülerin von Aloysia Lange – gehörte sie zur Truppe Franz Anton von Webers und vermutlich hat sie bzw. haben ihre Karrierechancen die Familie 1787 nach Hamburg gelockt. Sie trat dort in Opern von Salieri und Grétry auf. Die Konstanze in Mozarts Entführung aus dem Serail und die Königin der Nacht in der Zauberflöte (in der Uraufführung von Josepha Hofer gesungen) gehörten zu ihren Partien. Ein weiterer Sohn Franz Antons, der gelegentlich dabei war, ist der Komponist, Sänger und Schauspieler Edmund von Weber (1766–1830). Fast immer dabei war aber Fridolin Weber (1761–1833), Kapellmeister, Chordirektor, Bratschist.
Ab 1794 war es wieder einmal Genofeva, die bessere Karrierechancen hatte, so zog die Familie in die Nähe der Theater Goethes in Weimar und Rudolstadt. 1797 wird Edmund Musikdirektor in Salzburg, wohin ihm die Familie folgte und wo Genofeva unerwartet an Tuberkulose starb. Carl Maria erhielt dort ernsthaften Kompositionsunterricht von Michael Haydn. Sein Vater bezeichnete ihn fortan als »Haydn-Schüler«, darauf vertrauend, dass alle glauben, er wäre bei Joseph Haydn in die Lehre gegangen. Von Salzburg zog die Familie nach Freiberg in Sachsen, wo Carl Maria 1800 in sehr kurzer Zeit seine erste abendfüllende Oper schrieb, die leider verschollen ist, obwohl sie kurz danach nachweislich auch in Chemnitz gespielt wurde. Bekannt ist aber eine spätere Umarbeitung Silvana, auf die wir selbstverständlich noch zu sprechen kommen. Das Libretto Das Waldmädchen stammte vom Freiberger Theaterprinzipal Carl Rosenau. Nach weiteren Reisen mit der Familie nach München, Augsburg und Norddeutschland fuhr Carl Maria von Weber 1803 allein mit Empfehlungsschreiben nach Wien. Er wurde von Antonio Salieri und Paul Wranitzky empfangen; Paul Wranitzky (1756–1808) war der Komponist Oberon, König der Elfen, mit dem 1789 Emanuel Schikaneder seine Direktion am Freihaustheater auf der Wieden begann, und in deren Titelpartie (ja, eine Hosenrolle), wie schon erwähnt, Josepha Hofer brillierte. Franz Teyber, der gegenwärtige Musikdirektor dieses Theaters stellte vermutlich den Kontakt zu Johann Georg Vogler (»Abbé Vogler«) her, von dem er nun Kompositionsunterricht erhielt. Schon im nächsten Jahr erhielt Carl Maria von Weber das Angebot, Musikdirektor in Breslau zu werden, das er natürlich annahm. Nachdem er sich als brillanter Pianist vorgestellt hatte, begann der 18jährige Dirigent mit La clemenza di Tito von Mozart, was Orchester und Solisten an den Rand der Leistungsfähigkeit brachte. Seinem jugendlichen Elan scheint es aber brillant gelungen zu sein schien. Der anwesende Joseph von Eichendorff konnte das bezeugen.
Der Vater folgte dem Sohn nach Breslau und versuchte dort mit seinen Erfindungen auf dem Gebiet der Lithohgrafie weiterzukommen. Dass Carl Maria von Weber in Breslau beinahe das Leben, bestimmt aber die Singstimme verloren habe, weil er irrtümlich Vitriolsäure anstelle von Wein getrunken habe, wurde in der biografischen Literatur lange verbreitet, ist aber spätestens durch die sehr empfehlenswerte Biografie von Christoph Schwandt (Carl Maria von Weber in seiner Zeit. Eine Biografie, Mainz 2014) als Legende entlarvt. Nach zwei Jahren verzichtete Weber auf die Verlängerung seines Vertrages. Was er künstlerisch an dem Theater erreichen konnte, hatte er erreicht. In den politisch unruhigen Zeiten (Napoleon stürmte über Mitteleuropa) fanden Vater und Sohn von Weber auf dem Schloss Carlsruhe in Oberschlesien Zuflucht. Es gehörte zum Herzogtum Oels, dessen Herren mal aus Württemberg, mal aus Braunschweig stammten. In dem Schloss, das am Ende des Zweiten Weltkriegs von sowjetischen Truppen gesprengt wurde, gab es sogar ein Theater und eine rudimentäre Hofkapelle. Der Herzog selbst, der Oboe spielte, war als preußischer Offizier meist abwesend. Für ihn aber scheinen die Oboensoli in den beiden Sinfonien geschrieben zu sein, die Weber in Carlsruhe komponierte. Mit einem Empfehlungsschreiben an den Württembergischen König brach er im Frühjahr 1807 nach Stuttgart auf.
In Bayreuth, wo er ein Konzert gab, traf er auf seinen Bruder Edmund und die inzwischen verwitwete Jeanette. Eine Episode, die in der seit Wagner durch Deutschtümelei vernebelten Sicht der Weber-Biografen selten Erwähnung findet, nahm in Bayreuth ihren Ausgang. Er begleitete für ein paar Wochen einen französischen Militärbeamten als Sekretär. In Nürnberg gab er ein Konzert, in dem er seine beiden Sinfonien und zwei Ouvertüren dirigierte, sich selbst in Liedern auf der Gitarre begleitete und am Klavier improvisierte. Das Empfehlungsschreiben brachte Weber am Württembergischen Hof leider keine kapellmeisterliche Anstellung, denn man hatte man sich gerade für Franz Danzi entschieden. Immerhin die erwähnte Bühnenmusik zur Erstaufführung der Schillerschen Turandot (nach Gozzi) konnte er beisteuern. Wie bis heute die meisten Leute, glaubte auch Carl Maria von Weber, dass es sich dabei um eine chinesische Prinzessin handele. In Wahrheit stammt die Erzählung aus dem persischen Sprachraum und ist von dort aus durchaus östlich zu verorten, aber chinesisch ist im Prinzip nichts daran. Carl Maria von Weber aber – und damit ist er seiner Zeit weit voraus – machte sich auf die Suche nach chinesischer Musik. Und fand sie in einer Sammlung französischer Herkunft. Es ist die gleiche, von der noch Puccini zehrte. Eine ironische Pointe ist, dass Paul Hindemith mit seiner Symphonic Metamorphosis of Themes by Carl Maria von Weber (hier eine von Hindemith selbst dirigierte Aufführung) 1943 eine chinesische Melodie verwandelte und nicht eine originale Erfindung von Weber.
Stuttgart musste Weber 1810 auf der Flucht vor Gläubigern verlassen. Er folgte seinem Vater nach Mannheim bzw. Heidelberg, wo er noch einmal auf den Abbé Vogler traf und mit dessen neuem Schüler Giacomo Meyerbeer zusammen noch einmal einige Unterrichtsstunden genoss. Das ist jetzt alles sehr verkürzt dasgestellt. Wir kommen aber (hoffentlich) noch einmal darauf, wenn wir uns wie schon angekündigt der Oper Silvana widmen, die 1810 in Frankfurt/M. herauskam. Mit Meyerbeer und anderen gründete er den »Harmonischen Bund«, einen Geheimbund, der die gegenseitige Unterstützung zum Ziel hatte, etwa durch in Zeitungen und Zeitschriften unterzubringenden (anonymen und namentlich gekennzeichneten) Rezensionen.
1811 verbringt Weber mehrere Monate in der Schweiz, eher unverhofft, denn aus Ravensburg wurde er ausgewiesen. Die Stadt war durch Napoleons Neuordnung Süddeutschlands Württembergisches Territorium geworden und da war er wegen seiner Schulden persona non grata. In verschiedenen Schweizer Städten versuchte er Konzerte zu geben, einige fanden auch statt, aber Einnahmen hatte er kaum. In Schaffhausen traf er die durchreisende Familie Beer an Giacomo Meyserbeers Geburtstag. In Zürich traf er die Verleger Nägeli und Hug. Nach einem letzten Konzert in Basel das wiederum kaum Geld einbrachte, machte er sich im Oktober auf nach München. Von dort aus machte er sich mit dem Klarinettisten Johann Heinrich Baermann auf eine Konzertreise auf, die sie zunächst nach Prag führte. Er schrieb dafür seine zwei Klarinettenkonerte und das Concertino für Klarinette und Orchester. Auch die beiden Klavierkonzerte schrieb er um diese Zeit, eines hatte er schon in Winterthur zur Aufführung gebracht, allerdings auf einem schlechten Instrument und lediglich mit Streicherbegleitung.
1813 begann endlich wieder eine etwas sesshaftere Periode in Webers Künstlerleben: er wurde Musikdirektor des Ständetheaters in Prag. Dort war 1787 Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart zur Uraufführung gekommen. Weber legte sich mächtig ins Zeug, machte sich Gedanken über die Arbeitsorganisation, den Ensembleaufbau und die Repertoiregestaltung. Er dirigierte die Erstaufführung des Fidelio von Beethoven und des Alimelek von Giacomo Meyerbeer. Vor allem aber gab er den Startschuss zur romanitschen Oper mit der Uraufführung des Faust von Louis Spohr.
Soviel für heute, mehr am Mittwoch in der Alten Feuerwache, Ihr Curt A. Roesler
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