Montag, 18. Mai 2026

Carl Maria vn Weber 2

Eine vollständige Aufzählung der Werke von Carl Maria von Weber finden Sie nach Gattungen sortiert auf dieser Seite. Das vor einer Woche erwähnte Arrangement des 1. Klavierkonzerts für Klavier und Streichquartett, über dessen notwendigkeit sich Weber beklagte, ist auch darunter. Insgesamt sind es 431 Einträge. Fast vier Mal so viele Einträge finden Sie auf der Homepage der Carl Maria von Weber Gesamtausgabe. Da sind allerdings auch alle verschollenen Werke dabei und Werke fremder Komponisten, die Weber dirigiert hat oder zu denen er sich geäußert hat. Wenn Sie den Filter auf Werke von Carl Maria von Weber setzen, sind es erstaunlicherweise nur 371 (inklusive der verschollenen). Hier wie dort ist es nicht ganz einfach, sich durchzufinden. Bei Klassika ist z. B. unter »Allegro« eine Komposition zu finden, die eigentlich zur »Klaviermusik« gehören würde. Und Sie können weder hier noch dort einen Filter »Instrumentalmusik« setzen. Ich versuche also, hier ein wenig Ordnung hereinzubringen und vor allem von den wichtigen Werken Tondokumente zusammenzustellen.

Fangen wir mit den Werken für Orchester an. Die letzte Woche erwähnten zwei Sinfonien schrieb er 1807 auf Schloss Carlsruhe in Schlesien. Zu dem Zeitpunkt hatte Haydn schon längst alle seine 104 (oder 108, je nach Zählung) Sinfonien geschrieben, also insbesondere die »Londoner« Sinfonien waren der Orientierungspunt. Beethoven hatte bis da seine drei ersten Sinfonien geschrieben und veröffentlicht. Insbesondere auf die dritte bezieht sich Weber in seinen Kompositionen. Die fünfte und sechste Sinfonie von Beethoven konnte er noch nicht kennen, denn sie waren noch gar nicht geschrieben – und doch zeigt sich, dass Weber auf einem ähnlichen Weg ist. Hier die 1. Sinfonie von Weber in einer Aufnahme mit der Academy of St. Martin in the Fields unter Sir Neville Marriner mit Partitur. Das erwähnte Oboensolo in zweiten Satz, das möglicherweise für den Hausherrn geschrieben wurde, finden Sie nach knapp neun Minuten. Und wenn Sie eine musikalische Formulierung ein wenig an den Freischütz erinnert, so ist das nicht ganz falsch, obwohl bis dahin noch weit mehr als 10 Jahre vergehen sollten. In der zweiten Sinfonie, die wie die erste in C-Dur steht, wird gleich das erste Thema von der Oboe angeführt, vom Fagott beantwortet. Und auch das Horn, besonderes Instrument der Romantik, spielt eine große Rolle. Hier die Aufnahme von Sir Neville Marriner mit Partitur. Außer Beethoven hatten weitere Zeitgenossen Einfluss auf Weber, deren Namen man heute kaum noch kennt. In Mannheim hatte Weber 1810 ide Sinfonie eines Mitschülers bei Vogler gehört und beschrieben, Johann Baptist Gänsbacher, hier zu hören. Ihm gefiel vor allem das »Presto-Menuett«, das Gänsbacher an die zweite Stelle vorzieht – wie später Beethoven in seiner Neunten. In seinen Sinfonien, die beide deutlich kürzer sind als die Gänsbachers und die meisten Beeethovens, belässt Weber den tänzerischen Satz an der dritten Stelle, beschleunigt ihn allerdings und in der 1. benennt er ihn als »Scherzo«, wie es dann im Laufe des 19. Jahrhunderts üblich wird.

Ebenfalls 1807 arbeitete er die Overtüre zu seiner 1801/1802 komponierten Oper Peter Schmoll und seine Nachbarn zu einer Konzertouvertüre um und widmete sie dem gerade von Napoleon eingesetzten König von Westphalen (ja, so schrieb man das damals). Sie hieß dementsprechen Grande Ouverture à plusieurs instruments. Das Orchester ist etwas üppiger als in den Symphonien, denn es spielt auch eine Bassposaune mit. Posaunen gehörten damals nämlich noch nicht ins Sinfonieorchester. Posaunen galten als Kircheninstrumente und Mozart hatte noch keine Chance, sie in Idomeneo für den Auftritt des Neptun durchzusetzen, erst im Don Giovanni sind sie dann als Klang aus dem Jenseits selbstverständlich. Damit waren sie im Opernorchester etabliert. Ins Sinfonieorchester kamen sie durch Beethoven in dessen 5. Sinfonie, die wie gesagt, 1807 noch nicht komponiert war. Auch von der Ouvertüre zu Peter Schmoll können Sie auf YouTube eine Aufnahme mit Partitur finden, mir gefällt aber die Aufnahme von 1958 mit Hermann Scherchen und dem Orhester der Pariser Oper besser: hier. 1811 hat Weber eine weitere Opernouvertüre zur Konzertouvertüre erweitert. Es ist die Ouvertüre zum Beherrscher der Geister, die er 1804/1805 für die unvollendete Oper Rübezahl vorgesehen hatte. Hier die Aufnahme der Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan.

1818 feierte der sächsische König Friedrich August I. sein 50jähriges Regierungsjubiläum. Kurfürst von Sachsen (und als solcher Friedrich August III.) war er zwar schon seit dem Tod seines Vaters 1763, aber da war er noch minderjährig und wurde bis 1768 durch seine Mutter und seinen Onkel vertreten. König von Sachsen und damit Friedrich August I. wurde er erst 1806. Trotzdem gab es 1818 das »Thron-Jubiläum« zu feiern und der neue sächsische Kapellmeister Carl Maria von Weber hatte dafür eine Jubel-Ouvertüre und eine Jubel-Kantate zu schreiben. Ein Jahr später gab es schon wieder etwas zu feiern, die Goldene Hochzeit, dafür komponierte Weber die Jubel-Messe. Die Jubel-Ouvertüre spielt hier die Sächsische Staatskapelle. Es dirigiert hier einer der Nachfolger Webers, Giuseppe Sinopoli. Der Freischütz ist schon in Vorahnung, aber dass es eine Auftragsarbeit ist, ist nicht ganz zu verkennen. Und »Rufst Du mein Vaterland« bzw. »God save the king« oder wie auch immer das in Sachsen damals gesungen wurde, darf am Schluss nicht fehlen.

An weiteren Orchesterwerken – außer den Bühnenmusiken für Schiller, Müllner, Grillparzer und viele andere – werden u. a. zwei Tänze und ein Tusch für 20 Trompeten aufgeführt, das sind alles Gelegenheitswerke. 

Mindestens 15 Werke für ein Soloinstrument und Orchester sind zu erwähnen. Für das Klavier und die Klarinette sind es je drei, jeweils zwei Konzerte und ein Concertino (für die Klarinette) bzw. ein Konzertstück (für Klavier). Es gibt je ein Horn- und ein Fagottkonzert. Und für das Fagott gibt es noch ein Andante e rondo ungarese, das ursprünglich für Viola geschrieben wurde und auch in dieser Form aufgeführt wird. Fangen wir mit dem zuletzt komponierten an, dem Konzertstück für Klavier und Orchester f-Moll, op 79. Es entstand 1821, also zur Freischütz-Zeit. Das ist 20 Jahre bevor Schumann sein Klavierkonzert schrieb, an das man beim Hören immer wieder erinnert wird – besonders wenn sich zwei Schumann-Spezialisten wie hier Alfred Brendel und Claudio Abbado seiner annehmen, Aufnahme von 1979.

Und jetzt das erste überlieferte Werk für Solo-Instrument und Orchester, die Romanza siciliana für Flöte und Orchester von 1805, es spielen die Hamburger Symphoniker unter ihrem langjährigen Leiter Günther Neidlinger, Peter Thalheimer ist der Solist. Auch das ist ein Gelegenheitswerk, in der Breslauer Zeit geschrieben, aber es zeigt schon deutlich die Klangvorstellungen eines zukümftigen Romantikers.

Interessant ist es, die beiden Versionen des Andante e rondo ungarese miteinander zu vergleichen. Hier ist die Bratschenversion (es dauert ein wenig auf YouTube, bis es anfängt), und hier die Fagottversion. Von beiden existieren auf YouTube auch Aufnahmen mit nur Streichorchesterbegleitung bzw. Klavier. Und weiter geht es mit dem Fagottkonzert, hier mit Partitur, gespielt von Matthias Racz.

Nun endlich zu den Klarinettenkonzerten. Da steht das Concertino am Anfang. Es ist ein, wie der Name andeutet, kurzes Werk, es dauert keine zehn Minuten. Ich habe Jack Brymer als Solisten ausgewählt, den britischen Klarinettisten und Saxophinisten, der auch Jazz spielte. Es begleitet das »Orchester der Wiener Staatsoper«, also die Wiener Philharmoniker, die aber unter diesem Namen etwas preisgünstiger zu haben waren für die Schallplattengesellschaften. Es dirigiert Felix Prohaska, der Großvater von Anna Prohaska, hier. Die beiden vom bayerischen König bestellten Klarinettenkonzerte sind mehr als doppelt so lang, das 1. spielt und dirigiert hier Jörg Widmann mit dem WDR Sinfonieorchester. Das 2. haben wir hier wieder einmal mit Partitur, es spielen die Rotterdamer Sinfoniker unter James Conlon, Solist ist Walter Boeykens. Später schrieb Weber für Heinrich Baermann noch ein dreisätziges Grand Duo concertant für Klarinette und Klavier, hier ebenfalls von Jörg Widmann gespielt.

Unverzichtbar zum Klangbild der Romantik gehört neben der Klarinette das Horn, das Concertino schrieb Carl Maria von Weber 1815, also noch vor seiner Dresdener Zeit, dennoch soll jetzt wieder die Staatskapelle drankommen, mit dem Solisten Peter Damm, dirigiert von Siegfried Kurz, hier mit Partitur.

Am schwierigsten zu finden ist das Konzert für ein Instument, das damals gerade erst erfunden wurde, das Harmonium, es ist betitelt mit Adagio und Rondo für das Harmonichord; der kirchliche Rahmen (mit dem langen Nachhall) hier ist vielleicht nicht ganz richtig, denn mit geistlicher Musik hat das Konzert nicht viel zu tun. Das Konzert wird übrigens auch auf gern der Glasharmonika oder auf dem Cello gespielt.

Jetzt aber zur ältesten bekannten Komposition von Carl Maria von Weber. Sechs Fughetten op. 1 waren offensichtlich das Ergebnis der ersten Studien des 12-Jährigen bei Abbé Vogler in Salzburg. Sie werden in der Regel als Klavierwerke gelistet, aber auf der Orgel gespielt, wie hier, klingen sie auch ganz richtig. Keine Angst, sie dauern zusammen nur zweieinhalb Minuten. Und sie sind offensichtlich Ergebnis des Studiums. Als Ergänzung hier ein Präludium von Vogler, dem Lehrer selbst (29 Sekuden).

Carl Maria von Weber, einer der frühesten Dirigenten im modernen Sinn, war nicht nur Sänger und Pianist, er spielte auch Gitarre und in Konzerten begleitete er sich gern selbst auf der Gitarre. Außerdem schrieb er ein Divertimento für Gitarre und Klavier. Heute würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, diese Instrumente zu kombinieren, es sei denn eine elektrische Gitarre und ein ebenfalls elektronisch verstärktes Klavier. Zu sehr haben sich die Instrumente inzwischen voneinander abgesetzt, so dass man sie technisch einander wieder annähern müsste. Spielt man das Divertimento jedoch auf einer historischen Gitarre und einem Forte-Piano, wie hier, stimmt es wieder.

Die gedruckten Ausgaben der Lieder von Carl Maria von Weber sind in der Regel mit alternativer Begleitung für Klavier oder Gitarre versehen. Normalerweise hört man sie natürlich mit Klavier wie hier »Das Röschen« op. 15 V von Dietrich Fischer-Dieskau mit Hartmut Höll. 1979 hat die DDR-Schallplattengesellschaft Eterna in Kooperation mit der Archiv-Produktion der DGG (Joint Venture hieß das damals) eine ganze Sammlung von Liedern mit Peter Schreier und dem österreichischen Gitarristen Konrad Ragossnig auf einer LP herausgegeben, hier ist das Röschen mit Gitarre. Die Lieder von Weber sind internationales Repertoire: hier hören wir das »Röschen noch einmal in einer Aufnahme von 1959 mit Irène Joachim – fast akzentfrei, aber klar, sie hatte einen deutschen Großvater: den weltberühmten Geiger Joseph Joachim. Die Klavierbegleiterin ist die Schweizerin Hélène Boschi, ein Pionierin in der Entdeckung des Klavierwerks von Clara Schumann.

Die Sammlung patriotischer Gedichte Leyer und Schwerdt des Freiheitskämpfers Theodor Körner (1791–1813) hatte für alle Zeitgenossen eine hohe Bedeutung. Das Gebet während der Schlacht »Vater, ich rufe dich!« wurde u. a. von Franz Schubert vertont, hier gesungen von Florian Boesch. Wie anders klingt die Vertonung von Carl Maria von Weber, da steckt Oper drin, wie hier Gerald Finley zeigt. Am 27. März 1813 trat Körner dem Lützowschen Freikorps bei, das gegen Napoleon kämpfte, der immer noch einzelne Schlachten gewinnen konnte. Im Juni wurde Körner schon schwer verwundet, erholte sich aber, und kam zu Korps zurück. Am 26. August fiel er in einer Schlacht bei Wöbbelin. Die Sammlung Leyer und Schwerdt gab sein Vater posthum heraus. Das Gedicht Lützows wilde Jagd war im April in Leipzig entstanden und hatte sich schnell verbreitet. Hier die bekannte Vertonung von Carl Maria von Weber für vierstimmigen Männerchor. Bei Schubert kommen noch Hörner dazu, hier zu hören, aber auch da ist Weber dramatischer.

Und nun gibt es noch etwas mit Bezug auf Napoleon zu vergleichen. Eine erste entscheidende Niederlage, nach dem missglückten Russlandfeldzug, hatte er am 21. Juni 1813 bei der baskischen Stadt Vitoria einstecken müssen. Wellingtons Sieg ist ein sinfonisches Schlachtengemälde in zwei Abteilungen, das Ludwig van Beethoven für Johann Nepomuk Mälzel (den Erfinder des Metronoms) und seinen Musikautomaten Panharmonikon schrieb. Beide hatten dann die Idee, dem Panharmonikon noch ein großes Orchester hinzuzufügen und die Uraufführung am 8. Dezember 1813 wurde der größte Erfolg Beethovens zu seinen Lebzeiten. Hier eine Aufnahme mit dem Gewandhausorchester von 1970 mit Noten. Eineinhalb Jahre später hatte Napoleon noch einmal das Haupt erhoben, wurde aber bei Waterloo endgültig besiegt. Und diesen Sieg feierte nun ganz Europa. Carl Maria von Weber schrieb dafür die Kantate Kampf und Sieg auf einen Text von Johann Gottfried Wohlbrück (1770–1822). Glaube, Liebe und Hoffnung treten darin auf, und sie feuern den Chor der gegen Napoleon kämpfenden Truppen an. Jetzt geht es nicht mehr um die Schlacht bei Vitoria, sondern um das endgültige Waterloo, was allerdings nicht ganz so äußerlich beschrieben wird wie in der bewusst auf Effekte setzenden Komposition Beethovens. Aber auch Weber nutzt musikalische Trigger-Motive. Die Franzosen lässt er das Revolutionslied »Ça ira« singen, Opernfreunde kennen das aus Andrea Chénier; bei Beethoven singen sie »Malbroukh s'en va-t-en guerre«, das haben wir in der Schule im Französischunterricht gelernt. Und am Schluss kommt natürlich »God save the king«, so ist es bei Beethoven zu hören und so beschreibt es Weber selbst in seinen Erläuterungen zur Kantate. In dieser Aufnahme (es ist die einzige, die es gibt) kann ich »God save the king« allerdings nicht entdecken. Sollte es etwa 1954 in Leipzig nicht opportun gewesen sein, die gegenwärtige Nationalhymne eines kapitalistischen Gegners zu spielen? Oder hat Weber selber später darauf verzichtet. Ich werde bis Mittwoch noch den Klavierauszug studieren.

Vier Große Sonaten für Pianoforte hat Weber komponiert (1812 C-Dur, 1816 As-Dur und d-Moll, 1822 e-Moll). Die erste hat Claudio Arrau gleich nach seiner Emigration in die USA 1941 in New York aufgenommen, hier. Von Emil Gilels gibt es diese Live-Aufnahme der zweiten aus London von 1968. Von der dritten haben wir diese Aufnahme auf einem historischen Instument (Troendlin, 1828 Leipzig), es spielt Jan Vermeulen. Die vierte hören wir hier in einem Konzert von Nikita Magaloff von 1987 in Aldeburgh. Alle vier stehen deutlich unter dem Einfluss von Beethoven, keine aber geht so kompromisslose Wege wie Beethoven. Die ersten beiden sind formal recht konventionell viersätzig mit einem Menuett an dritter Stelle. Erst die dritte wagt eine Dreisätzigkeit ohne Menuett (wie Beethoven ab der 5. öfter) und die die vierte stellt das Menuett (Presto!) an die zweite Stelle wie Beethoven erstmals in der 12., wo er aber nicht mehr »Menuett« schriebt, sondern »Scherzo«.

Wer sich mit der großen Vielfalt der Klavierwerke Webers befassen möchte findet hier eine Playlist mit allem Möglichen, auch den Sonaten, und diesen wie viele andere Kompositionen sogar mit Noten. Über den Einfluss Webers auf Chopin haben wir an dieser Stelle vor einem Jahr gesprochen, eine Grande Polonaise gehört zu den einflussreichen Werken, das Rondo brillante und natürlich die Aufforderung zum Tanze.

Soviel für heute. Wir sehen uns am Mittwoch in Zehlendorf,
Ihr Curt A. Roesler 

 

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